Auf dem Pulverfass

Lava-Türme, Krater, heiße Quellen. Eine Reise auf der Vulkaninsel Island ist ein richtiger Abenteuer-Trip, wenn man, wie Lisa Ortgies, einen Draufgängermann und ein Baby dabei hat...

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In diesem Artikel:

Am Tag nach unserer Rückkehr werde ich die Scheidung einreichen. Nicht mal Rüdiger Nehberg würde mit einem zehn Monate alten Kind eine feuchte Felswand erklimmen. Schon gar nicht mit dem eigenen. Es sei denn, es ginge um Leben und Tod. Davon kann aber keine Rede sein. Es gibt in diesem Land keine Tiere, die groß genug wären, um uns irgendwo raufzujagen, und die letzte Naturkatastrophe hat eben jenes Flussbett ausgehöhlt, in dem wir jetzt stehen. Und uns streiten: ob der Ausblick über den Grand Canyon Islands es wert ist, an einem Seil glitschige Steine zu beklettern. Das heißt, eigentlich streiten wir nicht. Ich keife und klage an, während Martin die Gurte an der Kinderkiepe festzurrt, das Seilende schnappt und sich am Fels emporhangelt - mit seiner Tochter auf dem Rücken, deren Jauchzen von den Felsen zurückhallt.

Es ist nicht das erste und es wird auf diesem Trip nicht das letzte Mal sein, dass ich glaube, unser Kind vor seinem Vater, dem Gefahrensucher, beschützen zu müssen: Schließlich machen wir Urlaub auf dem Pulverfass dieses Planeten. Zwischen einer Hölle aus Magma und unseren Fußsohlen liegt ein hauchdünner Erdmantel. Kein Wunder, dass die Psyche hier schnell aus dem Gleichgewicht gerät. Oder es ist einfach die Tatsache, dass wir zum ersten Mal zu dritt unterwegs sind. Und trotzdem keinen kindgerechten Cluburlaub am Mittelmeer machen, wie uns der Kinderarzt empfohlen hat.
Für unser erstes Reiseziel mit Kind einigten wir uns auf folgenden Kompromiss: raue Wildnis ja, aber nicht ohne Erste-Hilfe-Helikopter-Zivilisation. Unabhängiges Reisen ja, aber nur mit eigenem Pkw und hochwertiger Ausrüstung. Für Merle wurde also ein Mini-Daunenschlafsack besorgt, ein Klappfütterstuhl, eine faltbare Waschschüssel und ein Fleece-Overall. Als wir mit der Fähre vom dänischen Hanstholm in See stachen, war unsere Familienkutsche mit Proviant, Babynahrung und Windeln für über 30 Tage beladen.

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  • Lisa Ortgies
    Fotos: Martin Brunner
    BRIGITTE 13/05