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Etwas stur sitze ich auf einem Felsplateau und blicke in das rosafarben leuchtende Sandmeer. Geheimnisvoll verwitterte Steinskulpturen ragen darin auf, wie von anonymen Künstlern hineingesetzt. Zwischen ihnen glüht eine Stille, von der ich nicht wusste, dass es sie außer im Tiefschlaf auch hier draußen in der Welt gibt. Mit gekreuzten Beinen warte ich darauf, dass sie mich an diesem zweiten Morgen in der Wüste Libyens endlich erfasst, mich hineinholt in das berühmte Hier und Jetzt, das keine Zeit, kein Vorher und kein Nachher kennt. Frieden. Ruhe. Zusichkommen. Die reglose Felsen- und Sandwelt scheint da bereits zu sein, in einem Zauber versunken. Ich nicht. Dabei ist es so schön still. So still, dass ich mein inneres Geplapper besonders deutlich hören kann. Und meinen Tinnitus.
Wie spät es wohl ist? Wie kam ich nur auf die seltsame Idee, in der Wüste keine Uhr zu brauchen? Um acht gibt es Frühstück. Um neun besteigen wir unsere Kamele und reiten los. Ob ich wohl noch fünf Minuten habe, um die Zeitlosigkeit zu spüren?
Ich bin nicht die Einzige, die sich zu Hause beim Packen in die romantische Fantasie verstiegen hat, in der Sahara endeten die Termine und beginne das von Intuition oder gar von Gott geleitete Leben. Auch Ruth, 36-jährige Designerin aus Zürich, ist unerwartet in den Stress des Timings ohne Uhr geraten. Denn unser Tagesablauf hier im Akakus-Gebirge, das sich aus der Sandwüste des südwestlichen Libyens erhebt, tickt nicht nach Gottes Uhr, sondern nach Andys, des schweizerischen Reiseleiters (es ist bestimmt eine Schweizer Uhr). Auch Ruth, das stellen wir einen Tag später überrascht fest, hört hier bislang nur ihren Tinnitus. Zwei Frauen in der Wüste, beide mit dem gleichen Hindernis auf der Suche nach Ruhe. Wir lachen - und zwar besonders laut. Schließlich müssen wir dieser hartnäckigen Stille auch einfach mal irgendwas entgegensetzen.
Es wird zu heiß auf meinem Felsen. Oder sind es gestapelte Riesenschildkrötenpanzer? Das kirchturmhohe Blätterteigmonster neben mir bauscht sich gegen alle Schwerkraftgesetze nach oben hin zu dreifacher Breite auf und entzieht mir langsam seinen Schatten. Vielleicht sollte ich mal nachschauen, was die anderen machen: elf schweizerische und vier deutsche Mitreisende, wir sind zwischen 24 und 69 Jahre alt und scheinen eine kleine Arche Noah elementarster Berufsgruppen zu bilden, von der Lehrerin über den Notar, den Architekten und die Osteopathin bis zur Altenpflegerin. Außerdem: 15 Reitkamele, die gestern unsere Jeeps ablösten. Und eine Gruppe Tuareg, die mir vorkommen wie Mütter, die ihren Kindern auf dem Abenteuerspielplatz liebevoll durch den Drahtzaun zusehen. Neun Tage lang und 180 Kilometer weit werden sie uns durch den Akakus begleiten, sie werden für uns täglich drei Mahlzeiten zubereiten, mit unserem Gepäck vorausfahren zum nächsten Schlafplatz und uns stets auffangen, wenn das Kamel aus unerfindlichen Gründen in die Knie geht und wir nach vorn purzeln.
So abgeschirmt von allem war ich noch nie. Vorgestern in Ubari, einer unscheinbaren Siedlung aus weißen Häusern entlang einer langen Straße, dem letzten Ort vor der endlosen Wüste, habe ich mich in einen Internetladen geschlichen - wie ein Alkoholiker am Abend vor seiner Entziehungskur, der noch mal schnell zum Kiosk muss. Dort habe ich inbrünstig zum letzten Mal eine E-Mail geschrieben. Ich habe Angst, stand darin. Neun Tage mit fremden Menschen durch die Wüste, neun Tage ohne Tür, die man zumachen könnte. Kein Telefon, kein Internet, ich werde neun Tage lang unerreichbar sein! Aber genau das willst du doch, antwortete mir eine leise innere Stimme. Und die Sterne, die will ich auch. Heiner Sidler, unser Schweizer Amateur- Astronom, wird uns allabendlich helfen, die richtigen Linien zwischen diesen Unmengen an Lichtpunkten zu ziehen, um auf diese Weise zum Beispiel den Bärenhüter, den Schwan oder den Adler zu erkennen.
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