Mit dem Kamel durch Libyen

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Pause am Rücken der Kamele

Pause am Rücken der Kamele

Sterne. Seit ich in der Stadt lebe, habe ich fast vergessen, dass es sie gibt. Man sieht sie ja nicht mehr. Lichtverschmutzung ist Heiners Wort dafür. Unser dicht besiedeltes Europa sei so von Licht verschmutzt, sagt er, dass wir das vielseitige Bilderbuch der Sagen und Mythen unserer Vorfahren am Nachthimmel nicht mehr erkennen könnten, dieses Fernsehprogramm der Vergangenheit.

Nun liegen wir jeden Abend nach dem Essen eine halbe Stunde auf dem Rücken und folgen Heiners grünem Laserstrahl, der den schwarzen, vor Lichtpunkten berstenden Himmel abgrast. Ich tue mein Bestes, nach Trekking, Wüstenhitze und Autoritätsverhandlungen mit meinem Kamel, die Informationen zu verarbeiten. Etwa, dass es auf dem Mars einst Wasser in flüssiger Form gab, Flusslandschaften an diese Zeit erinnern, es inzwischen aber viel zu kühl dort ist.

Hier auf dem nächtlichen Wüstenboden wird es allmählich auch viel zu kühl. Neben mir liegt Fotograf Jörg Modrow und freut sich, dass er den Skorpion inzwischen erkennen kann. Ich erkenne bislang zweifelsfrei nur die Milchstraße, die zum ersten Mal wirklich wie ein Schwall vergossener Milch aussieht. Mit Skorpionen hat Jörg nun aber auch vermehrt zu tun, denn jeden Morgen flitzt beim Abbau seines Zelts einer darunter hervor. Beim ersten Mal stürmten noch alle herbei, hüpften um das panische Tierchen herum, doch inzwischen ist der Morgenskorpion nur noch eine Bemerkung beim Frühstück wert, auch die anderen haben ihn, und sogar giftige Hornvipern wurden gesichtet und getötet. Dennoch sehen wir drei Zeltleute uns jedes Mal verständnisvoll an und bestätigen einander, dass man lebensmüde sein muss, ohne Zelt im Freien zu schlafen. Wir sind in der Minderheit. Und täglich versucht die Open-Air-Fraktion mich zu überzeugen, dass das Einschlafen unter Sternen das höchste Glück sei. "Aber ich seh die doch gar nicht, wenn ich die Augen zuhabe", erwidere ich dann. Manchmal stockt Heiners freundliche, artikulierte Stimme, als suche er die für uns Laien verständlichste Version. Er spricht von sterbenden Sternen.

Vom Lager weht Holzfeuergeruch und der Gesang der Tuareg zur Gitarre, eine nachdenklich über einem Grundton kreisende Melodie, die mich an die entspannt minimalistische Gangart der Kamele erinnert; der Benzinkanister-Trommler wummert einen dumpfen Afrika-Puls hinzu. Mit Blick in die geheimnisvollen Lichtpunkte stelle ich fest, dass mein Verhältnis zu den Sternen etwa da stehen geblieben ist, wo ich sie zum letzten Mal ganz bewusst gesehen hatte: als Kind in den Sommernächten auf dem Land. Denn auch nach drei Tagen begeisterter Erzählungen über rote Riesen und weiße Zwerge, Sternleichen und Sternenstaub scheine ich vom Himmel nach wie vor nur eins zu wollen: dass er Sternschnuppen produziere. Das seien übrigens Staubkörner, lerne ich von Heiner, die vom Weltall aus in die Erdatmosphäre dringen, durch Luftreibung schnell verdampfen und Luftmoleküle ionisieren, daher das Leuchten. Da ist wieder eine. Augen schnell schließen und sich was wünschen. Ich scheine in diesem überströmenden Geglitzer vorrangig eine Wunscherfüllungsmaschine zu sehen. Auch Jörg flüstert hin und wieder: "Da, schon wieder eine." Und Heiner verkündet, dass auch unser größter Stern, die Sonne, sterben wird, wenn auch erst in fünf Milliarden Jahren.

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  • BRIGITTE Heft 26/07
    Fotos: Jörg Modrow
    Karte: Gabi Wilhelmi
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