Mit dem Kamel durch Libyen

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Touristen wandern in der Abendsonne zwischen verwunschenen Felsskulpturen dem Nachtlager entgegen.

Touristen wandern in der Abendsonne zwischen verwunschenen Felsskulpturen dem Nachtlager entgegen.

Die ersten Abende habe ich noch gedacht: Und jetzt ein Glas Wein. Das tue ich nicht mehr. Erstens wird es nie welchen geben, Alkohol ist im islamischen Libyen nicht erlaubt; zweitens treten wir täglich den Beweis an, dass auch Westeuropäer keinen benötigen, um redselig und vergnügt zu werden, froh über die Gegenwart der anderen in einer der einsamsten Zonen der Welt. Am vierten Tag hört auch mein Tinnitus auf. Ich habe entdeckt, dass in meinem MP3-Player eine Uhr ist, was den letzten Rest Stress aus meinem nomadischen Leben genommen hat. Zudem entpuppt sich vieles, was anfangs meine Komfortzone beeinträchtigte, als Vergnügen: Ich kann mir kaum mehr vorstellen, mein Klopapier nach Benutzen nicht anzuzünden - Papier braucht in der trockenen Wüstenluft Jahre zum Zersetzen. Ich mag es, die Felslandschaft in ein Badezimmer umzufunktionieren, Handtuch und Zahnbürste in die Mulden zu legen. Ich finde es interessant, nach zwei Jahrzehnten regelmäßiger Rasur meine Bein- und Achselhaare wiederzusehen.

Und ein umso größerer Luxus ist es, nach sechs Tagen dann doch ganz unerwartet duschen zu können, zwei Eineinhalbliterflaschen Brunnenwasser über mich zu gießen. Und da ich an diesem Brunnen auch noch Wäsche wasche, ohne Kopftuch in der Sonne, bekomme ich später Kopfschmerzen, Fieber, muss mich übergeben. Aber auch das ist interessant, einen Tag auszusetzen: in einen der Landcruiser zu steigen, die uns für solche Notfälle begleiten. Unterm Akazienbaum zu träumen, in leichter Fiebertrance. Es ist schön, nachts aufzuwachen und aufs Klo zu müssen. Über den Sand zu wandern, der im silbrigblauen Licht der Sterne schimmert, viel weiter als nötig entferne ich mich, höre nur meinen Atem und den weichen, pudrigen Sand, der unter jedem meiner Schritten knirscht wie frisch gefallener Schnee.

Hier hört tatsächlich die Welt auf, denke ich eines Nachts. Ich schlafe zum ersten Mal draußen, ohne Zelt, auch wenn der Sohn des Tuareg-Chefs während unserer Tour von einem Skorpion gestochen wurde. Sie haben ja ein Beruhigungsmittel dabei, das ihm geholfen hat. Außerdem schlief er ohne Schlafsack, und im Schlafsack bin ich angeblich relativ sicher. Ich liege da und schaue hoch zu meinen glitzernden Freunden am Nachthimmel. Cassiopeia, Pegasus, Andromeda, inzwischen kenne ich euch. Ich weiß, die Verbindungen zwischen den Sternen stiften wir, denn eigentlich haben sie weder miteinander noch mit uns etwas zu tun. Die meisten dieser Sterne können mich nicht sehen, denn als sie das waren, was ich sehe, war ich noch nicht. Und das, was ich jetzt sehe, ist schon lange nicht mehr.

Das macht hilflos, auch seltsam demütig. Ich fühle mich plötzlich getragen und gehalten und weiß nicht, wovon, aber gerade dieses Geheimnis scheint mir wichtige Zutat. Eine Sternschnuppe zieht über mich hinweg. Noch eine. Und noch eine. Doch längst bin ich mit allen Wünschen durch. Oder hat das Wünschen selber aufgehört? Kurz scheine ich angekommen in der Unendlichkeit.

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  • BRIGITTE Heft 26/07
    Fotos: Jörg Modrow
    Karte: Gabi Wilhelmi
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