Madagaskar

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Die Oberstadt von Antananarivo, hier leben die reichen Leute.

Die Oberstadt von Antananarivo, hier leben die reichen Leute.

Das Eis
... ist ein mit Saft gefüllter Plastikschlauch, den man in die Kühltruhe legen muss, damit er fest wird. Dann kann man dran lutschen. Eine Sorte Eis, die alle Kinder lieben. Ich habe es von George, einem Krämer. Wir hatten einen Nachmittag in seinem Laden in Antananarivo verbracht, um den Alltag der Madagassen besser kennen zu lernen - dem Volk der Büdchen-Besitzer.

"Setzt euch", sagt George und schiebt zwei Hocker zurecht. "Ist gerade nicht viel los." Es ist Mittag, die Straße ist leer, und er erzählt aus seinem Leben: "Ich bin in einem Büdchen aufgewachsen. Der Stand war winzig, die Pacht gering, und meine Eltern mussten niemandem Lohn zahlen, denn sie machten die ganze Arbeit selber." Die Tür geht auf. Ein Junge kommt rein. Er verlangt eine einzelne Zigarette. Er zahlt und geht. "Klein, klein macht auch groß", sagt George, "2002 haben wir angefangen zu bauen. Jetzt sind wir fast fertig, die Regale sind voll." Eine alte Frau stapft durch die Tür. "Sie wünschen?" - "Schnürsenkel." Er reicht ihr ein Paar, sie prüft die Qualität. "Kosten?" - "1500 Ariary." Sie jammert, will handeln. "Na gut, 1000", sagt George. Etwa 40 Cent. Die Alte zieht einen zerknitterten Schein aus ihrem Ausschnitt.

"Es gibt immer mehr Arme", sagt George. Madagaskar ist eines der zehn ärmsten Länder der Erde, jeder schlägt sich irgendwie durch. George geht es vergleichsweise gut, umgerechnet 40 Euro Umsatz macht er an einem Werktag, sonntags mehr. Mit Eiern. Milch. Seife. Faden, um die Schuhe zu reparieren, zwei Meter, gemessen an den Kerben im Tresen. "Ça marche", sagt George, das verkauft sich gut. Auch Kautabak, Brausepulver, Brot.

"Und jetzt bist du dran", sagt George. Hinter dem Ladentisch soll ich stehen. Die erste Kundin kommt, eine Mutter mit drei kleinen Kindern. Ich bin verlegen. Sie mindestens genauso. Sie lächelt mich an. "Sie wünschen?", frage ich. "Drei Clarinette." - "George, hilf mir, was ist das?" Er geht zum Kühlschrank, holt drei Eis raus, gibt sie mir. Es ist mein erstes Geschäft. Für nicht mal zehn Cent.

Das Zifferblatt
... erinnert mich in meinem Berliner Alltag daran, dass auf Madagaskar die Zeit mein Freund war. Moramora, sagen die Leute dort, immer mit der Ruhe! Das steckt an. Für sie besteht unser Leben nur aus "métro, boulot, dodo": "U-Bahn-Fahren, Arbeiten, Schlafen". Für viele von ihnen wäre das nichts, trotz des Geldes, trotz der festen Häuser, der großen Autos, die wir haben.

In Moramanga, einer kleinen Stadt in den Bergen, lernten wir Ferdinand, einen jungen Uhrmacher, kennen. Seine Werkstatt ist ein Klapptisch am Rande des Marktes. Sein Kapital: eine Kiste mit Laufwerken, Zahnrädern, Federn. Damit, sagt er, kann er fast jede Uhr reparieren, außer den ganz billigen aus China. Gerade setzt er eine verkratzte Schweizer neu zusammen. Am Ende läuft sie wieder. Wie genau? "So lala", gibt Ferdinand zu. "Mal vor. Mal nach. Aber immerhin, sie tickt." Die Differenz muss der Besitzer dann von Hand korrigieren. Wenn er will. Er kann es auch lassen. "So wichtig", sagt Ferdinand, "ist die genaue Zeit nun auch wieder nicht."

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  • Text: Cornelia Gerlach
    Fotos: Berthold Steinhilber
    BRIGITTE Heft 3/2007
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