Eine Woche mit Khadija

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Wanderung durch die Wüste

Wanderung durch die Wüste

Die Tage, von denen man glaubt, sie könnten leer und lang sein in einem leeren und weiten Raum wie diesem, sie vergehen im Flug. "Atay!" ist für die Gäste der Weckruf, wenn die Nomaden schon drei Stunden Arbeit hinter sich haben. Gemüse und Fleisch schneiden, Brot backen im Zelt, das voll steht mit Vorratskisten, Körben, Reisetaschen, Schüsseln. Vor dem Wall aus Wasserkanistern das Frühstück bereiten. Am Mittag, die Temperatur ist vom nächtlichen Gefrierpunkt auf echte Hitze angestiegen: Kamelfutter sammeln, die Kamele füttern, Holz für den Abend sammeln, Geschirr vom Mittagessen spülen, für den Abend kochen, Kleider waschen.
Vor Sonnenuntergang die Zeltbefestigung überprüfen, Decken flicken, das Abendessen am Feuer servieren, und wenn es dunkel ist, am Feuer sitzen und die Ereignisse des Tages bereden. Waschen, Betten in den Dünen bauen. Das meiste tun die Frauen, und sie lassen sich nur widerstrebend dabei helfen. Wer es versucht, wird bei jedem Handgriff beobachtet, denn die Nomadenfrauen sind genauso neugierig auf uns wie wir auf sie.

Marokko gilt als das fortschrittlichste Land Nordafrikas. Trotzdem war es eine Überraschung, als der König 2004 das Familienrecht änderte. Von nun an durften Frauen ohne Tutor heiraten, aber auch die Scheidung einreichen und Alimente für ihre Kinder erhalten. Und hier, in der Sahara? Offiziell haben Nomaden keine Nationalität. Sie verlangen nichts von den Staaten, die sie durchqueren, und dafür nehmen sie sich das Recht, deren Regelwerke zu ignorieren. Für sie gelten die Gesetze des unerbittlichen Lebensraums. Das Leben in der Sahara ist so hart, dass die Gemeinschaft möglichst widerspruchsfrei gehalten werden muss.

Im Dünenschattenim Gespräch: Autorin Ania Fass

Im Dünenschattenim Gespräch: Autorin Ania Fass

Erst die Ansiedlung in Orten wie Mellal stellt die ehemals Vogelfreien vor die Aufgabe, sich der marokkanischen Gesellschaft anzupassen: Identitätspapiere, die Schule, die Versorgung mit Wasser und Strom. Wenn sie auf die Hilfe des Staates angewiesen sind, müssen die Wüstenbewohner Konzessionen machen. Für die Frauen bedeutet das Stadtleben eine Beschneidung ihrer Bewegungsmöglichkeit, aber auch die Chance, sich als Individuen zu begreifen.

Ist die Wüste ein Paradies? Sind wir glücklicher als verschleierte Frauen? Reisen heißt vergleichen. Sich dahin bewegen, wo etwas unverständlich erscheint. Und sei es nur für eine Woche. Mehr Abende am Feuer werden kommen, an denen von Karawanen erzählt wird. Oder Matou zeigt, wie man einer Braut zwei Zuckerstücke ins Kleid schnürt und einen Stein auf den Rücken, damit das erste Kind ein Junge wird. Mehr Gäste aus Europa werden Geschichten von zu Hause in die Sahara tragen. Und jeder wird etwas ganz Bestimmtes suchen in dieser Wüste und etwas völlig anderes finden.

  • Text: Ania Faas
    Fotos: Jordis Antonia Schlösser

    BRIGITTE 02/05
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