Ibiza ist Einwanderungsinsel. Beinahe-Lehrer verkaufen hier Uhren. Abgebrochene Bankkaufmänner reparieren Schuhe. Ehemalige Büromenschen malträtieren Nähmaschinen und machen Mode, die einen eigenen Namen hat: "Adlib", ein Sammelbegriff für den ausgeflippten und körperbetonten Insel-Stil, der von den Hippies inspiriert ist.
Während Aussteiger von einst sinnieren, dass es ihr Ibiza eigentlich gar nicht mehr gibt, sitzt eine junge Speditionskauffrau aus dem Rheinland, die Hosenbeine hochgekrempelt, auf dem Steg von "Don Bigottes" Fischlokal und grübelt, wie sie ihre Computerarbeit auf der Insel stationieren kann. "Wenn ich hier online arbeiten kann, ziehe ich her. Wenn nicht, ziehe ich auch her und backe Torten oder so was", sagt Elke. Ibiza soll tot sein? Nicht wahr.
Die Legende lebt, aber die Realität wandelt sich: Hier die Reste der Flower-Power-Generation, die in der dezenten Toleranz der Ibizenkos einst den neuen Menschen zu erkennen glaubten. Da die Techno-Kids, die sich in gigantischen Techno-Palästen ihre Wut, ihre Langeweile, ihre Angst aus dem Leib tanzen. Hier der Fischer, der im Morgenrot seine Netze entwirrt, da die beiden Paradiesvögel, die zum Frühstück schlendern, ein Schwarzer im bodenlangen Schlitzrock und ein Blonder mit weißer Federboa.
Der Ibiza-Traum lebt noch heute
Ibiza: 570 Quadratkilometer Sedimentgestein, vor ein paar Millionen Jahren aus dem Meer geboren. Durch die Fernrohre der Piraten aller Zeiten als Beute angepeilt. Hier grenzt die Welt ans Paradies. Es müssen Traumbuchten gewesen sein, bevor die ersten Nordeuropäer sie mit Lagerfeuern und Klampfen belagerten. Danach kamen Landaufkäufer, Zeichner und Bagger. Und jetzt stehen da Bettenburgen. So leid es ihnen tut: Die Hippies haben die Insel bereit gemacht für den totalen Tourismus. Von 73000 Inselbewohnern sollen einige Tausend einen deutschen Pass haben. Piraten der Neuzeit kaufen alte Finkas und möbeln sie auf. Millionäre, die von Mallorca herüberschwappen, verderben die Preise. Trotzdem gibt es die von Bauhausästheten wie Walter Gropius bewunderten weißen Dörfer unter blauem Himmel. Und die Basstölpel finden ihren angestammten Nistplatz immer noch auf dem beliebten Fotomotiv, dem 380 Meter hohen Fels in der Brandung Es Vedrá.
Mit 300 Sonnentagen, 300 Hotels und 1800 Restaurants ist und bleibt Ibiza der immergrüne Sommergarten der europäischen Freizeitgesellschaft. Eines der Paradezimmer unter dem europäischen Dach. Zusammen mit den anderen drei Baleareninseln ist Ibiza die reichste Region Spaniens. Tourismusexperten haben längst erkannt, dass sie die Gans nicht schlachten dürfen, die goldene Eier legt. Für jedes neu aufgestellte Hotelbett muss neuerdings ein altes weichen. Flächenverkäufe sind limitiert, und eine Bürgerinitiative kämpft gegen den Agritourismus, damit der Dreck, den Gäste nunmal machen, auf die großen Hotelkomplexe konzentriert bleibt.
Wer die Mischung von Bier und Sonnenmilch, das Sprachgewirr aus Niederrhein und Londoner Vorstadt nicht erträgt, schläft aus, nachdem er ein feines Essen in der Oberstadt von Ibiza-Stadt zu sich genommen hat. Dann rumpelt er morgens, wenn die anderen zu Bett gehen, im Mietwagen eine steile Schotterpiste hinunter zu einer Felsenbucht, in die nicht mal ein Baukran gepasst hätte. Dort dreht er der käuflichen Welt den Rücken zu, zieht den Duft der samtweichen Salzluft ein und träumt den Ibiza-Traum: Das Meer und ich und die Liebe.













