Thailand privat

Wer in Thailand Urlaub bei einer Familie macht, erlebt vielleicht nicht den größten Komfort - aber viele Fünf-Sterne-Momente.

In diesem Artikel:
BRIGITTE-Mitarbeiterin Andrea Jeska teilte den Alltag ihrer Gastgeber in Thailand - und war begeistert von deren Freundlichkeit.

BRIGITTE-Mitarbeiterin Andrea Jeska teilte den Alltag ihrer Gastgeber in Thailand - und war begeistert von deren Freundlichkeit.


Immer kräht der Hahn früher, als ihm zusteht, krakeelt, bevor die Vögel zu einer schrillen Kakophonie erwachen und mit ihrem Geschrei verkünden, dass die Morgendämmerung die Nacht vor sich herjagt. Mit dem Hahn und den Vögeln erhebt sich Sinuan. Von der Matte oder aus der Liege, die auf der Veranda steht. Und mit dem Hahn, mit Sinuan erwache ich. Weil er direkt neben meiner Zimmerwand seine Stimmbänder testet und sie über die Dielen stampft, dass die sich biegen. Weil die Hitze sich schon ins Zimmer schleicht und die anderen Familienmitglieder am Waschbecken gurgeln. Weil der Alltag dieser Familie, meiner Gastfamilie, einen Rhythmus hat, der sich dem Licht von Sonne und Mond anpasst.

Morgenstimmung im Bezirk Amphawa, rund 75 Kilometer südwestlich von Bangkok. Der Fluss Mae Klong bildet hier ein Delta mit unzähligen Nebenarmen, in denen das Wasser zum Wechsel der Gezeiten stillsteht, großäugige Leguane vorbeitreiben und Wasserpflanzen sich zu riesigen grünen Knäueln verschlingen.

Sinuans Haus ist das Haus ihrer Eltern - und einer unübersichtlichen Anzahl von Familienmitgliedern, die am Abend hierherkommen, am Morgen aus vielen Ecken kriechen und ins Badezimmer trotten. Badezimmer? Ein Becken mit Regenwasser, eine Plastikschüssel, um sich das Wasser überzugießen. Die meisten der Familienmitglieder frühstücken vor dem Fernseher, im Schneidersitz auf dem Boden. Verabschieden sich dann zur Schule, zur Uni, zum Job. Kommen am Abend wieder, bringen vielleicht noch Freunde mit.

Still wird das Haus, still endlich ist der Hahn, und um die Kurve des Flusses paddelt ein Mönch. Fast geräuschlos gleitet das Boot heran, in orangefarben bekleideter Würde sitzt der Alte und nimmt von Sinuan entgegen, was sie am Morgen bereitete und ihm in kleine Beutel verpackte: Reis und Suppe. Fisch, süßsaures Fleisch, Orangen, Jackfruitscheiben. Eine Orchidee, um Buddha zu schmücken. Der Mönch nimmt es entgegen wie zerbrechliches Porzellan. Sinuan hockt auf den Stufen zum Fluss, unterhalb von ihm, wie es die Sitte gebietet, und lässt sich seinen Segen geben. Jeden Morgen.

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  • BRIGITTE Heft 24/07
    Text: Andrea Jeska
    Fotos: Enver Hirsch
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