Der Charme des kreativen Prag

Eine Stadt im Aufbruch: Die tschechische Metropole glänzt in frischen Farben, zieht Menschen voller Ideen und Energie an. Ein Spaziergang der besonderen Art, in die Studios und Shops aufstrebender Designer und angesagter Künstler.

Hotel Yasmin: New York, Rio, Tokio? Nein: Prag. Spacige Leuchtkugeln schweben im Foyer, dem Restaurant und der Café-Bar des angesagten Designhotels „Yasmin“ ganz in der Nähe des Wenzelsplatzes

Hotel Yasmin: New York, Rio, Tokio? Nein: Prag. Spacige Leuchtkugeln schweben im Foyer, dem Restaurant und der Café-Bar des angesagten Designhotels „Yasmin“ ganz in der Nähe des Wenzelsplatzes

Mit lautem Knall fliegt ein Korken durch die Luft. Ein Pärchen hat eine Picknickdecke auf dem Sand ausgebreitet. Sie lachen, prosten sich zu. Die Zeit scheint stillzustehen auf Střelecký Ostrov, einer kleinen grünen Insel mitten in der Moldau, gleich gegenüber der Karlsbrücke. Die milde Frühlingsluft durchzieht auch die Prager Altstadt. Cafés haben ihre Tische vor die Tür gestellt. Die Stadt ist aus ihrem Winterschlaf erwacht. Gassen füllen sich mit eiligen Passanten. Aufbruchstimmung. Wie symbolisch. Schließlich ist der Prager Frühling nicht nur die schönste Jahreszeit dieser Stadt, sondern auch politische Epoche eines ganzen Landes. Seit nunmehr 40 Jahren. Vor 18 Jahren wurde die Demokratie eingeführt. Seitdem wird hier der Wandel vollzogen, noch ist er nicht überall angekommen. Die renommierte Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design hat er 1990 erreicht: Unmittelbar nach der "Samtenen Revolution" gründeten einige Studenten eben jener Hochschule - mutig, voller Ungeduld und Visionen - die ersten kleinen Ateliers. Jetzt sind viele von ihnen Professoren und Dozenten an ihrer ehemaligen Studienstätte.

Qubus Design: Markéta Luciková ist Geschäftsführerin des Shops, einer Institution des jungen tschechischen Designs

Qubus Design: Markéta Luciková ist Geschäftsführerin des Shops, einer Institution des jungen tschechischen Designs

Einen kleinen Fußmarsch von der Kunstakademie entfernt: Die Sonne funkelt durch prächtige Baumkronen, sie wirft lange Schatten auf das alte, holprige Kopfsteinpflaster der schmalen Allee. Geweißte Fassaden herrschaftlicher Jugendstilhäuser strahlen. Noble Restaurants und kleine Feinkostläden verströmen Düfte, die Appetit machen. Schicke Boutiquen, exklusive Schmuckläden und urige Antiquariate laden ein zum Bummeln. Mittendrin: die Pařizšká im ehemaligen jüdischen Ghetto Josefov. Einst vollkommen verwittert, heute eleganteste Straße Prags.

"Keine andere Stadt, die ich kenne, ist so lebendig, so voller Kontraste!", sagt die junge Mode- und Kostümdesignerin Josefina Bakošová aus der Altstadt. "Genau das brauche ich. Niemals möchte ich woanders leben!" Für sie ist Prag der Ort, der sie inspiriert, ihr Kraft gibt. Josefina gehört zu Prags Avantgarde - junge Designer verschiedenster Disziplinen. Für sie ist der Aufbruch ein Umbruch. Ihr Credo: Modernität und Innovation. Sie brechen mit alten Traditionen: weg von verstaubten böhmischen Kristallwaren, vom folkloristischen Kunsthandwerk, für das die Tschechen so berühmt sind.

Brückenhaus nahe der Karlsbrücke

Brückenhaus nahe der Karlsbrücke

Wer auf den Spuren des jungen Prager Designs durch die Stadt wandert, trifft Menschen voller Leidenschaft, mit einer schon fast missionarischen Strenge. "Die jahrelange Unterdrückung, der Sozialismus hat die Menschen verdorben. Sie streben nach unpersönlichem Einheitsbrei, so waren sie es lange Zeit gewohnt. Es ist sehr schwer, ihnen diese Unart auszutreiben ", sagt die 28-jährige Designerin Petra Krčkova. An immer mehr versteckten Plätzen der Altstadt sind sie zu finden, die kleinen Design-Läden und Ateliers. Auch in Žižkov, einem ehemaligen Arbeiterviertel, etwas außerhalb des Zentrums. Noch verschlafen und von morbidem Charme. Graue Altbaufassaden, von denen der Putz blättert. Kaputte Gehwege, löchrige Straßen, betagte Kolonialwarenläden. Die Szene ist klein, aber pulsiert. Und sie wächst.

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  • Text: Corinna Sasinka
    Fotos: Jonas von der Hude
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