Tunesien: Karawane der Frauen

Die Wüste. Ein Sehnsuchtsort, an dem viele Reisende Antworten auf die großen Fragen des Lebens suchen. BRIGITTE woman-Redakteurin Karin Weber-Duve kam ohne Fragen in die tunesische Sahara - und fand zu sich selbst.

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"...jetzt war der ganze Boden wie aus zartestem Staub, und immer noch floß der Sand von den abschüssigen Dünen. Bald bemerkte ich, dass meine Spuren rasch verwehten."

Isabelle Eberhardt, Abenteurerin und Reiseschriftstellerin (1877-1904)

Bonjour, Catherine oder: Die Bedeutung des Moments

Am vierten Tag passiert etwas mit mir: Ich bin angekommen. Endlich. Die Parameter meines bisherigen Lebens lösen sich auf. Duschen? Geht auch ohne. Eincremen? Heute nicht. Schminken? Schon mal gar nicht. Haare gründlich bürsten - überflüssig bei 80 Billionen Kubikmetern Sahara-Sand um mich herum. Eine fremde Welt mit eigenen Gesetzen. Die Regie übernehmen hier andere: die Sonne, der Wind, der Sand, die Kamele, die Beduinen. Es ist, als sei ein Schalter in meinem Kopf umgelegt worden. Was gestern war und vorgestern und am Tag davor - die Schmerzen in den Leisten vom stundenlangen Ritt auf dem Kamel, das Brennen meiner panierten Haut, die Müdigkeit durch Hitze und schlaflose Nächte -, alles wie weggeweht.

Sonnenaufgang. Ich halte den Atem an, als müsse gleich etwas Unglaubliches geschehen. Dabei ist es wie jeden Morgen gegen sechs Uhr: "Frrrrrrrauen! Frrrrrrrühstück", ruft Beschir, unser Chef-Beduine. Wie gut das Fladenbrot schmeckt, das Ibrahim über glühender Holzkohle gebacken hat, als wir noch schliefen. Dazu ein Löffel Feigenmarmelade, ein Becher Thé du Menthe. Mit Sand werden anschließend die Teller abgewaschen. Ich bitte Beschir, mir meinen Chech zu binden, die traditionelle Kopfbedeckung der Beduinen. Er macht es mit Hingabe, rechtsherum, linksherum schlägt er den langen Schal, steckt ihn hier fest und macht dort einen Knoten - eine kleine Kunstfertigkeit, die ich während der gesamten Reise nicht lernen werde. Die Sonne wird ausgesperrt aus meinem Gesicht. Dann zack, zack, zack: "Frrrrrauen, aufsitzen", und ich gehe hinüber zu Leschka, meiner Kamelstute. Mein Rucksack, meine Wasserflasche, meine Windjacke. Alles da. Yusef, mein Kamelführer, hat fürsorglich wie immer alles vorbereitet für den Weiterritt. "Bonjour, Catherine." - Catherine, so nennen mich die Beduinen. Yusef hält meine Hand, als ich auf Leschka klettere, die erst die Hinter-, dann die Vorderbeine hochknickt. Immer wieder ein heikler Moment. Aber keine von uns stürzt. Die Karawane der Frauen setzt sich in Bewegung. Ein kurzer Blick zurück: Außer einem kleinen Holzfeuer, das bald erlöschen wird, erinnert nichts an unser Camp. Die Beduinen achten mit großer Sorgfalt darauf, dass die Wüste, ihr Lebensraum, nicht zugemüllt wird.

Beschir ist ein stolzer Mann. Der Kamelführer muss mit seinem knappem Einkommen fast ein Dutzend Kinder versorgen.

Beschir ist ein stolzer Mann. Der Kamelführer muss mit seinem knappem Einkommen fast ein Dutzend Kinder versorgen.

Die Beduinen. Sie gehören mit zu dem Eindrucksvollsten dieser Reise. Die Würde der Männer, ihre Ruhe, die Art, wie sie gehen, ein Feuer entfachen, Tee kochen, die Lasten abhängen und wieder aufsatteln. Ihre ganze Aufmerksamkeit und Hingabe gilt dem Moment. Dem, was gerade ist. Vielleicht liegt einer der Gründe für die Faszination der Wüste in dem Wiederfinden der Bedeutung des Moments: Er ist uns verloren gegangen, seit wir Kinder waren. Wir mit all unserem akademischen Kram, unserer Welt der großstädtischen Termine, einem schier endlosen Strom geschredderter Informationen. Eine verdichtete Gleichzeitigkeit unseres Alltags, die uns blind macht für die Schönheit der Welt. Was ich jetzt sehe, von hier oben, geht mir so sehr unter die Haut, dass ich kaum weiß, wohin mit dem Dank für mein Dasein. Alles, was für mich in diesem Moment wichtig ist, drückt sich durch vier Farben aus: das Blau des Himmels, das Rot des Sandes, das Grün der Tamariskenbäumchen und das blasse Braun einer Kamelmama und ihres Babys. Das archaische Bild zweier Tiere am Rand der Unendlichkeit, das ich ein Leben lang in meinem Gedächtnis speichern werde. Yusef schenkt mir eine versteinerte Muschel, die er an einem ausgetrockneten Salzsee gefunden hat. "Pour vous, Catherine." Hey, Frrrrrrrauen. Kann mir mal einer sagen, warum ich bis gestern so verquer war? Es ist doch alles da, was ich so liebe, nur eben anders! Statt des Meeres ein Tautropfen. Statt zwitschernder Vögel ein Schwalbenpaar, das uns begleitet. Statt eines Waldes vereinzelt blaue oder gelbe Blumen.

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  • Fotos: Melanie Dreysse
    BRIGITTE woman 06/2006
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