Tunesien: Karawane der Frauen
Kleine Zerreißproben oder: Die Fürsorglichkeit fußkluger Menschen
Der Wüstenwind wird sich zum Sturm auswachsen.
Ich finde nicht mehr zurück, habe total die Orientierung verloren. Wo ist mein Schlafsack? Mein Herz klopft. Ich bin dünnhäutig geworden, und das liegt nicht am permanenten Sandstrahl-Peeling, mit dem die Natur uns so großzügig bedenkt. Es ist das Aushalten der Extreme, der Widersprüche: sonnendurchglühte Tage - eiskalte Nächte. Absolute Stille - dann wieder unser Durcheinanderreden. Zeit, sich seinen Gedanken hinzugeben - Stress, rechtzeitig aufzustehen, rechtzeitig am Etappenziel des Tages zu sein. Sanftes Schaukeln auf dem Rücken der Kamele - die Angst vor ihren aggressiven Bissen. Meine Wüsten- und Gruppentauglichkeit wird auf eine harte Zerreißprobe gestellt. Wo ist denn nun mein Schlafplatz? Eine Gestalt kommt auf mich zu: Beschir. Fürsorglich, wachsam, ein Mann mit Augen im Rücken. Er weiß genau, wer wo liegt. Er findet sich zurecht, ohne Taschenlampe. Und zwar nur ohne Taschenlampe. Bei künstlichem Licht wäre er es, der die Orientierung verlieren würde. "Viens, Catherine", sagt er, komm, und er führt mich zu meinem Hügel.
Sturm. Die ersten drei Tage ein heißkalter Sturm. Der Himmel stiehlt der Wüste die Show: Schwarze Wolken türmen sich auf, fegen über den Horizont. Ein Naturszenario, das mich irgendwie an Schleswig-Holstein erinnert. Wenn der Sturm zu stark ist, müssen wir von unseren Kamelen absteigen und laufen. Die meisten Beduinen tragen keine Schuhe. Sie prüfen mit bloßen Füßen jede aufgewehte Dünenkante. Treten sie platt. Damit die Kamele nicht plötzlich ins Leere treten und stürzen. Und wir mit ihnen.
Genuss pur oder: Tanz mit dem Wüsten-Beau
Beduine Beschir serviert uns eine Suppe.
"Sand reinigt den Magen", hat meine Mutter immer gepredigt. So rein war mein Magen noch nie. Mein Appetit ist grenzenlos, und ich schaue zu, wie Mohammed I, der Koch, mit seinen schwieligen Pranken das Essen zubereitet: Couscous mit Hühnchen und vorweg eine Eierstichsoße (ja, es werden sogar Eier in Sägemehl-Kisten transportiert, ohne dass auch nur eines zerbricht) und zum Dessert eine Orange, die köstlich nach Orange schmeckt. Oder Salat und Gemüsereis oder Tomatensuppe und dazu das leckere Fladenbrot von Ibrahim. Nach Sonnenuntergang wird es lustig. Beschir spielt auf seiner Tambuca, einer Art Tontrommel, oder auf der Flöte. Kemal, unser junger Wüsten-Beau mit den strahlend weißen Zähnen und einem Lächeln, das uns alle noch älter aussehen lässt, schlägt den Takt auf der Bendir, einem Tamburin-ähnlichen Instrument. Ali und Mohammed II schauen einfach nur zu. Vielleicht beneiden sie ein wenig den jungen, ungebundenen Kemal, der mit uns tanzt und sich "richtig austoben" will, bevor er einmal heiratet. Und Kinder in die Welt setzt. Yusef zum Bespiel hat sieben, Beschir elf - allein für deren Ausbildung müssen sie noch viele Kilometer durch den Wüstensand laufen. Gerade mal zehn tunesische Dinar, etwa sechs Euro, bekommen sie pro Tag und pro Kamel. Dazu Trinkgeld und Geschenke, die wir für sie am Ende unserer Reise, nach 70 Kilometern Fuß- und Kamelmarsch, auf einer großen Decke ausbreiten. Ich trete ihnen meine Survival-Accessoires ab: die Spezial-Wasserflasche, einen warmen Schal, einen Alu-Sack gegen sibirische Temperaturen. Und meine vernünftigen Sandalen mit den praktischen Klettverschlüssen. Sie werden sich ohne Streit einigen. Hier, am Rande des Jebil-Gebirges, warten sie auf die nächste Reisegruppe. Motorengeräusche zerreißen die Stille. Jeeps donnern durch die Wüste. Die Wüste. Hier habe ich mich gefunden. Dabei habe ich mich gar nicht gesucht.
Reise-Infos: Kamelreiten in Tunesien
"Geheimnis Sahara - Frauen erleben die Wüste" lautet das Reiseprogramm der Agentur GeSa-Wüstenreisen in die tunesische Sahara (www.gesa-wuestenreisen.de). Das GeSa-Duo Jutta Kroidl (Frommholdstraße 71, 21680 Stade, Tel. 04141/63770, Fax 511081) und Uschi Schilke (Hanauer Pfad 33, 61137 Schöneck, Tel. 06187/ 910510) konzipiert 9-, 12- und 15-Tage-Touren. Sie finden in den Monaten März/April und Oktober/November statt.
BRIGITTE woman nahm an einer 9-Tage-Tour teil
Der Reiseverlauf: Mit Linienflügen von Frankfurt über Tunis nach Djerba. Übernachtung in der Medina von Houmt Souk, der Hauptstadt der Insel. In Jeeps geht es in die Oase Ksar Ghilane, wo die Kamelkarawane wartet. Dort startet die Wüstentour. Vorbei an El Mida, einem ausgetrockneten Salzsee, und dem Tafelberg Tembain geht es zu dem Gebirgszug des Jebil. Dort wird die Wüste verlassen, und in Jeeps erreichen wir die Stadt Douz. Danach wird die Salzwüste des Chott el Jerid durchquert, und die Fahrt führt nach Tozeur, einer wunderschönen Stadt (bekannt geworden als Drehort des Films "Der englische Patient"). Übernachtung in Tozeur und Rückflug über Tunis nach Frankfurt.
Preis: für die 9-Tage-Tour ca. 935 Euro, inklusive Flug und je einer Hotelübernachtung in Houmt Souk und Tozeur, exklusive Bahnfahrt von und nach Frankfurt.
Zur Einstimmung
* Isabelle Eberhardt: "Sandmeere", Band 1 und 2; 8,90 Euro und
7,50 Euro, Rowohlt












