New York: Einsatz in Manhattan

Eine blaue Mütze auf dem Kopf, einen Frosch in der Hand und ein bisschen Smalltalk mit ein paar zwielichtigen Gestalten... BRIGITTE-Mitarbeiterin Annett Heide hat New York ganz neu entdeckt: auf einer Krimi-Tour.

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Im Viertel Little Italy ließen sich einst viele Italiener nieder. Heute kann man hier alte Mafia-Schauplätze besichtigen - und sich in Cafés wie dem "Roma" mit Gebäck stärken.

Im Viertel Little Italy ließen sich einst viele Italiener nieder. Heute kann man hier alte Mafia-Schauplätze besichtigen - und sich in Cafés wie dem "Roma" mit Gebäck stärken.

Sweetheart", sagt die dunkle Stimme am anderen Ende meines Handys, "ich rufe wegen unserer Verabredung an, du weißt schon. Ich sage dir jetzt, wo wir uns treffen." Auf diesen Anruf habe ich drei Wochen gewartet, jetzt erfahre ich endlich, was ich wissen muss: "Sei morgen früh in Lower Manhattan, am Pier 17, vor der ,Ambrose'", sagt der mysteriöse Anrufer. Die "Ambrose" sei ein rotes Schiff; ich müsse ihm dabei helfen, aus "einer Sache" rauszukommen. "Also sei pünktlich, du kannst deine Zeit verschwenden, aber nicht meine. Und der Zettel, auf den du die Adresse geschrieben hast, den verbrennst du, klar?" Klar! Ich lege auf - und stecke den Zettel in meine Handtasche. Was sich anhört wie die Auftaktszene aus einer Folge "CSI New York", ist der Beginn von "Accomplice", einer Krimi-Tour durch Süd-Manhattan. Einer Mischung aus Spiel, Theater und Stadtführung: Wer sich anmeldet, wird zum Komplizen (Accomplice) einer Gauner- Gang, dargestellt von sieben Schauspielern, bekommt einen Auftrag, den er zu erledigen hat, und lernt so auf außergewöhnliche Weise Ecken der Stadt kennen, von denen nicht mal echte New Yorker ahnen, dass es sie gibt.

24 Stunden später stehe ich an der Südspitze Manhattans am Pier 17 vor der roten "Ambrose". Die Luft ist mild, der East River glitzert in der Sonne, gelbe Wassertaxis ziehen vorbei. Am Ufer gegenüber, neben der Brooklyn Bridge, glänzen die Fenster der frisch renovierten Lofts in "Dumbo", dem zur Zeit hipsten Viertel der Stadt - unter einer Million Dollar ist zwischen Brooklyn und Manhattan Bridge keine Wohnung zu haben. Außer mir haben noch sieben andere Leute den geheimen Anruf erhalten: Merit aus Belgien, Maria aus Berlin, Gil, ein Fotograf aus der Upper East Side, mit seiner 12-jährigen Tochter Madeleine und ihren drei Freundinnen. Während wir uns vorstellen, taucht ein Mann in grauem Trenchcoat mit Aktenkoffer in der Hand auf. Er sieht sich um, dann lotst er uns um eine Ecke. Louie, so heißt der Kerl, ist ein Knacki auf Freigang, der mit ein paar Freunden in die Karibik verduften will. "Mein Chef hat die Tickets organisiert, aber ihr müsst sie meinen Kumpels bringen. Für mich ist das zu gefährlich."

Gangster haben ihre eigene Sprache: Annett Heides blaue Baseballkappe ist ein Erkennungszeichen für ihre "Komplizen".

Gangster haben ihre eigene Sprache: Annett Heides blaue Baseballkappe ist ein Erkennungszeichen für ihre "Komplizen".

Das also ist unsere Mission: Wir übergeben ein paar New Yorker Kriminellen ihre Flugtickets und erhalten dafür die Hinweise auf unsere nächsten Stationen. Drei Stunden wird das Spielchen dauern, drei Stunden, in denen wir durch Lower Manhattan streifen: durch Little Italy, Chinatown und Teile des Financial Districts, immer auf der Spur der fiktiven Knastbrüder von Louie. Der übergibt Merit einen Umschlag, aus dem sie einige Fotos und Flugtickets zieht; mir und Maria setzt er eine blaue Baseballkappe auf, "die unter keinen Umständen wieder abgenommen werden darf". Na prima, jetzt bin ich also auch noch so etwas wie ein Tour-Guide geworden!

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  • BRIGITTE Heft 04/08
    Text: Annett Heide
    Fotos: Katja Heinemann
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