Die Paddeltour in mein Ich

Beatrix Gerstberger wollte in den Everglades in Florida eigentlich nur Kajak fahren. Und sollte schon bei der Anmeldung sagen, ob sie Familien-, Lern- und Nackenprobleme hat. Hätte sie da ahnen müssen, dass aus einer Paddeltour ein erzwungener Selbstfindungs-Trip wird?

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Weil im Kajak wenig Stauraum ist, muss alles an Land gelassen werden

Weil im Kajak wenig Stauraum ist, muss alles an Land gelassen werden

In der Dämmerung ist es anders. Die Mangroven weichen zurück in den Schatten, das Wasser glättet sich, und das Kajak schneidet plötzlich viel schneller durch das Rot-Silber. Pelikane fliegen auf, unsere Gruppe schweigt, und es ist ein wenig so, als fliege man in die sich ankündigende Nacht. In der Dämmerung ist es anders: Der hier beschriebene Glücksmoment ist einer von zweien auf einer siebentägigen Kajaktour durch die Everglades in Florida, die schon vorab die Frage aufwarf: Soll man mit einem Veranstalter auf eine Kajaktour gehen, der einen bei der Anmeldung schriftlich fragt, ob man normal geformte Genitalien besitzt und ob man regelmäßig einen Psychiater sieht und warum (Familienprobleme, Scheidung, Selbstmordversuche, Essprobleme?). Ich habe die Zeichen ignoriert - vielleicht weil ich trotz solcher Fragebogen an das Gute im Amerikaner glaube?

Ich war also in Florida. Ich wollte Kajak fahren im Nationalpark der "Zehntausend Inseln", Delfine sehen und ein wenig über dieses geschützte Stück Wildnis lernen, darüber, wie man navigiert und seinen Tag nach den Gezeiten ausrichtet. Tief im Herzen muss ich aber wohl Sehnsucht nach einem Leben mit Regeln gehabt haben. Denn "Outward Bound", der Veranstalter dieser Tour, hat viele davon.

Regel Nummer eins

Wer unter regelmäßigem Sodbrennen leidet, darf nicht paddeln.
"Outward Bound" ist die größte Organisation der Welt im Bereich der Naturschutz-/Wildnisprogramme und existiert seit 1962. Es gibt 48 Schulen in 28 Ländern, zwei Millionen Menschen haben an den 650 "Abenteuer-Wildnis-Kursen" teilgenommen, sind in Alaska auf Gletscher gekraxelt, durch das Wildwasser von Oregon geraftet, durch Canyons und Wüsten gewandert. Zwei Millionen Menschen also, die vor ihrer Reise beantworten mussten, ob sie chronischen Husten, Asthma, Sodbrennen, Krebs oder Hautprobleme haben. Denn will man bei "Outward Bound" eine Reise buchen, ist das so ähnlich wie bei der Neuaufnahme in eine Krankenkasse: Es melden sich erstmals im Leben Zweifel, ob man seinen Körper und seinen Geist wirklich kennt. Habe ich vielleicht ein Alkoholproblem? Rauche ich zu viel, und muss ich angeben, dass ich vor ein paar Jahren für drei Stunden bei einem Familientherapeuten war? "Wir lernen als Gruppe, unsere selbst auferlegten Grenzen zu überwinden", steht in den Reiseunterlagen.

"Welche Erwartungen habt ihr an diese Tour?", fragen am ersten Abend die Gruppenleiter Susan und Glen. "Ich möchte mich selbst herausfordern", "Ich möchte andere Menschen kennen lernen", "Ich möchte paddeln lernen". Die Antworten kommen zögernd. Vier Männer, drei Frauen: sieben sehr erwachsene Menschen, und jeden Abend stehen wir im Kreis, fassen uns an den Händen und sollen sagen, was uns an diesem Tag besonders gut gefallen hat. Meistens sagt niemand etwas. Und ich ahne: Sie wollen uns zwingen, das Leben zu genießen. Auf ihre Art: "Du wirst deine dir angeborene Verpflichtung erfüllen, herauszufinden, wer du wirklich bist."

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  • Text: Beatrix Gerstberger
    Fotos: Stefan Warter
    BRIGITTE 19/05
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