Wandern an Südtirols Wasserwegen

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Hinter einer großen Lärche stutzt sie, starrt ins Wasser und murmelt: "Was haben wir denn da." Breitbeinig stellt sie sich über den Waal, zieht die Ärmel ihrer Trachtenjacke hoch und greift mit ihren kräftigen Händen ins Wasser. An den Läufen zieht sie ein totes, nasses Lamm heraus. "Das ist hie'", sagt die alte Frau nur und wirft es den Abhang hinunter. "Wenn es trocken ist, wird es sich der Fuchs holen."

Einst gab es in Südtirol rund 600 Kilometer Waale, von Bauern in Knochenarbeit in den Fels gemeißelt. Manche der Bewässerungsgräben sind fast 600 Jahre alt. Im Laufe der Zeit ersetzte man sie durch Betonrohre, die pflegeleichter sind. Wenn es nach der Mehrheit der Bauern ginge, müssten auch die verbliebenen 200 Kilometer Waale modernen Wasserrohren weichen. Sie würden Geld sparen, das sie nun ausgeben müssen für die Waaler. Aber die letzten Wassergräben stehen unter Schutz.

Anna Maria Pichler vor den alten Bauernhäusern des Dorfes Tschars

Anna Maria Pichler vor den alten Bauernhäusern des Dorfes Tschars

Anna Maria Pichler schert sich nicht um den Streit zwischen Tradition und Moderne. "Die Arbeit muss getan werden", ist ihre Lebenserfahrung. Deshalb sprang sie ein, als vor zwei Jahren ihr Vorgänger in Rente ging. Eigentlich ist der Job Männersache. Weil "die Meudel" zupacken kann, gab es keine Probleme. Für sie ist die Arbeit ein schönes Zubrot. Zu Hause ist sie auf dem Sonnenhof am Sonnenberg. Das Gehöft hat sie mit ihrem Mann, dem Walter, vor mehr als 30 Jahren aufgebaut. Um die Glocke am Waal besser zu hören, schläft sie in der Waalerhütte ein paar hundert Meter vom Hof entfernt.

Elf Kilometer läuft Anna Maria jeden Tag die Berge hinauf und elf Kilometer wieder hinab. Mühelos. Meine Waden schmerzen, meine Füße brennen, als wir das Schnalstal herunterkommen. Reinhold Messners Schloss Juval taucht hinter einer Wegbiegung auf, ich sage Lebewohl und mache noch einen Abstecher. Auf einem schroffen Felsen thronen das ockerfarbene Gemäuer und der Wehrturm. Lamas stehen auf den Wiesen und gucken. Reinhold Messners Welt in der Burg, die Maskensammlung und Tibetika-Ausstellung, seine Kletter- und Survival-Sachen im Keller, lasse ich links liegen. Laufe hinunter zum Schlosswirt, der mir ein Appartement vermietet hat, und freue mich auf das leckere Essen, auf die Nocken mit Parmesan, Salbei und Butter. Nach ein paar Tagen kenne ich die meisten Einheimischen auf Juval, am Abend treffen sie sich in der Wirtschaft. Der Wein fließt aus dem Hahn, so wie in Deutschland das Bier. Gegen neun Uhr schaut Anna Maria Pichler vorbei. Sie trinkt noch einen Roten, bevor sie sich in ihrer Waalerhütte niederlegt. Solange die Glocke schlägt, schläft sie gut.

  • Text: Kerstin Rose
    Fotos: Astrid Prangel
BRIGITTE
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