Ein Wochenende als Sozia

Freiheitsgefühl oder Panikattacken? BRIGITTE-Mitarbeiterin Simone Lück verbrachte ein Wochenende auf dem Rücksitz eines Motorrads und fuhr als Sozia bis nach Österreich.

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Motorradfahrer haben einen dicken Bauch. Sie tragen Lederjacken mit langen Fransen, trinken zu viel Bier, zetteln Schlägereinen an und stehen auf Frauen mit großen Brüsten. Die dürfen in engen Klamotten auf dem Sozius sitzen und abends auf den Tischen tanzen – dachte ich. Bis sich mein Freund ein Motorrad gekauft hat.

"Du stehst auf meinen Fußstützen". Philipp lacht. Das fängt ja gut an. Ich rutsche ein Stück nach hinten und klappe meine eigenen Pedale aus. Wir starten unseren Wochenendausflug nach Österreich und ich lerne, was ich als Beifahrerin sonst noch alles falsch machen kann. Wenn wir bremsen, knalle ich jedes Mal mit meinem Helm gegen seinen. Und als wir in München mit 140 Sachen auf die Autobahn fahren, habe ich große Angst, wegzufliegen. Ich finde einfach keine Position, in der ich mich sicher fühle. Panisch umarme ich Philipp von hinten und presse meine Hände fest gegen seinen Körper. Als wir in Rosenheim abfahren, sind meine Finger durch den Druck ganz weiß – genauso wie Philipps Gesicht: "Du musst dich anders festhalten. So drückst du mir auf den Magen." Philipp legt meine verkrampften Finger auf seine Hüften. Nun hänge ich krumm wie ein Affe an seinem Rücken. Dann bemerke ich, dass auf dem Sitz noch Platz ist und schiebe meinen Körper vorsichtig nach hinten. Ich atme auf. So ist es erstaunlicherweise richtig bequem.

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Wir fahren durch das bayerische Alpenvorland und ein kleiner Ort nach dem anderen fliegt an uns vorbei: gelbe Kirchen unter blauem Himmel, Blumenwiesen, Marktplätze und Maibäume. Um uns sagen zu können, wie schön wir das alles finden, klappen wir unsere Visiere hoch und brüllen uns gegenseitig an. Manchmal drückt Philipp auch nur meine Hand. Oder ich umarme ihn etwas fester. Andere benutzen Headsets, um sich während der Fahrt zu verständigen. Aber ich genieße es sehr, dass wir nicht die ganze Zeit reden können, denn ich bin sowieso abgelenkt: Die Gerüche sammeln sich unterm meinem Helm. Ganz komprimiert. Dadurch riecht alles viel intensiver. Blumen, Erde, Pferde, Felder, Waldboden, Knödel oder Braten. Ich muss an die Worte eines Freundes denken: "Mir wäre es viel zu langweilig, die ganze Zeit auf dem Rücksitz zu hocken.

Überhaupt hat jeder eine Meinung zum Motorradfahren. Und zu Philipps Motorrad, einer BMW R 850 R. Von meinen Kollegen wurde sie als "Seniorenmaschine" beschimpft, weil sie so groß und bequem ist. Doch obwohl ich keine Motorradwissenschaften studiert habe, muss ich sagen: sie haben Unrecht. Der Motor liegt frei und die vielen Chromteile glänzen in der Sonne. Für eine Reisemaschine ist die BMW sehr sportlich.

Und so fühle ich mich auch. Als wir eine scharfe Kurve nehmen, habe ich Philipps Stimme im Kopf: "Egal, was passiert, du musst dich immer mit deinem Gewicht in die Kurve legen." Mir ist ein bisschen mulmig zu Mute. Aber wenn ich meinen Reflexen folgen und mich gegen die Schieflage stemmen würde, kämen wir ins Schleudern und würden umkippen. Und das macht keinen Spaß. Die BMW wiegt um die 230 Kilo und der Asphalt wird bei 100 Stundenkilometern schnell zu Schmirgelpapier. Deshalb ist gute Schutzkleidung sehr wichtig. Ich trage eine schwarze Textilhose mit Protektoren an den Knien, einen Nierengurt und eine Jacke mit Verstärkungen an Schultern und Ellenbogen.

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