Hiergeblieben! Urlaub in Berlin

In einem kleinen Park in Mitte ist es, als würde Berlin selbst Urlaub machen. Wer hier alles in Ferienlaune aufkreuzt! Regierungsbeamte auf Mountainbikes, Heike Makatsch mit Sonnenbrille und scharenweise Selbstverwirklicher.

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Da ist vor allem dieser Geruch. Diese Mischung aus aufgeheiztem Rasen, bitterem Bier und Mädchenparfüm. Ein Hauch von Rosenduft und Teer von irgendeiner Baustelle schwebt darüber. Und natürlich das Gemisch aus Espresso und Bratkartoffeln, das sich vom "Nola’s" über die Liegewiesen des kleinen Weinbergsparks, dem grünen Hügel in Berlin-Mitte, ausgebreitet hat.

Es ist dieser Geruch, bei dem man der Stadt verzeiht, was sie einem im Winter angetan hat. Jetzt ist Sommer in Berlin. Endlich. Ich räkele mich auf der Bank vor einem der Heckenrosenbeete. Neben mir macht sich ein hornbebrillter Mann Notizen, dazu wippt er einen Kinderwagen. Das leise Quietschen lullt mich ein in dieses beruhigende Sommergefühl, bei dem die Luft flirrt und alles in Blätterrauschen, Bierflaschenklappern und beschwipstes Geplapper taucht. Darauf habe ich das ganze Jahr gewartet: durchatmen, mich zu Hause zu fühlen.

Alles ist in wohlige Hitze und leises Rauschen gehüllt

Ist das jetzt wirklich die Hauptstadt? So heiter? So entspannt? So still? Im Weinbergspark ist die etwas einlullende Wirkung praller Sonne zu spüren

Ist das jetzt wirklich die Hauptstadt? So heiter? So entspannt? So still? Im Weinbergspark ist die etwas einlullende Wirkung praller Sonne zu spüren

Von der Kastanienallee rollt die Tram vom Prenzlauer Berg herab und zieht ein surrendes Geräusch mit sich. Um mich herum, zwischen Kirschbäumen und Kastanien, hat sich Berlin auf einer rund vier Hektar großen Fläche ausgebreitet: Künstler am Telefon, Regierungsbeamte auf Mountainbikes, Heike Makatsch hinter einer Sonnenbrille, ein vor sich hin pfeifender Obdachloser. All das wirkt so herzzerreißend harmlos, dass man meinen könnte, der Berliner Moloch mache selber Urlaub. Ich ziehe die Beine hoch und beginne mit dem nächsten Kapitel von Michel Houellebecqs "Die Möglichkeit einer Insel". Kleinkinder lachen, und ich schaue auf zur "Plansche", einem knallblauen Betonbecken mit wasserspeienden Pyramiden. Irgendwer spielt Musik. Es ist gar nicht so leicht, sich auf die Lektüre zu konzentrieren. Aber zum Lesen allein bin ich nicht gekommen, ich will die Stimmung aufsaugen.

Im Weinbergspark kommt alles zusammen, was das neue Berlin ausmacht. Jede Facette der Stadt ist vertreten, und ich liebe dieses etwas bizarre, dichte, schwüle Berlin-Gefühl, das einen auffängt wie ein Mikrokosmos. Houellebecq hätte hier seinen perfekten Tag. Und das ist der Grund, warum ich hierbleibe: Berlin ist im Sommer das, was es sonst nur behauptet zu sein, Hotspot für Selbstverwirklicher und Berufsjugendliche, bestehend aus Pop-Redakteuren und Praktikanten, Partytypen und Proleten, Promis und Papas. Im Weinbergspark wirkt das Ganze so wunderbar künstlich, als würde man durch ein Filmset spazieren.

Ich klemme mein Buch unter den Arm, um am äußersten Rand der großen, abschüssigen Wiese einen Schattenplatz zu suchen, und lasse schließlich meine Tasche in einem stillen Winkel der Wiese unter einer Kastanie fallen. In der Luft hängt eine Haschischwolke. Was mich sonst stören würde, hat sich sanft zwischen die lichtdurchströmten Zweige gefügt. Von der Zionskirche dringen Glockenklänge herüber, die sich wie Donnergrollen den Weg durch die sengende Hitze bahnen. Mit geschlossenen Augen sauge ich sie ein, die trockene Berliner Luft, in die sich jetzt ein leichter Geruch von Entengrütze mischt. Er weht von dem Teich am Fuße des Hangs herauf. Ein Feld aus Seerosen schwimmt auf dem Wasser, das Entenpaar mit seinen Jungen paddelt dazwischen umher und vertreibt den letzten unruhigen Gedanken.

Ich lehne mich zurück, schiebe die Tasche unter den Kopf und blinzele zwischen Blättern hindurch in den unerbittlich blauen Himmel. Genau jetzt, wenn die Berliner Betonwüste glüht wie eine Herdplatte, ist es hier trotz der vielen Menschen und dröhnenden Straßen seltsam still. Es scheint, als überlagerten sich die Geräusche zu einem einzigen weißen Rauschen, das alles in eine dumpfe, heiße Hülle bettet. Der kleine Weinbergspark liegt darin wie ein Spielplatz, auf dem sich die Hauptstadt beinahe so wie ihr Mythos anfühlt. Beruhigend, dass man nicht mitspielen muss. Das ist sie eben, die Möglichkeit einer Insel.

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  • BRIGITTE-Heft 15/2010
    Von Gesine Borcherdt
    Foto: Anika Büssemeier
Letzte Kommentare
  • ellipell
    am 16.07.10 um 19:08
    Mal ehrlich: Mehr fällt euch nicht ein zum Thema Urlaub in der eigenen Stadt? Schade... Ich hatte mir extra deswegen das Heft gekauft, weil dies mein erster Sommer in Berlin ist und war gelinde gesagt, enttäuscht.
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