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München ist eine Sommerstadt. Sie neigt nicht zur Melancholie, sie ist warmherzig, offen und heiter bis zum Übermut. Und sie richtet sich sehnsuchtsvoll nach Süden aus. Das Meer können die Münchner zwar nicht sehen, aber sie wissen, dass es hinter den Bergen am Horizont liegt.
Ich könnte gut und gern einen Monat lang unter den Bäumen im Innenhof der Glyptothek sitzen. Efeu rankt um die alten Mauern, Vögel zwitschern, Sätze fliegen wie Melodien hin und her. Münchner Stimmen klingen samtig, und selbst die Hunde bellen hier so, als würden sie nur Milch mit Honig bekommen.
Ist das noch München oder schon Marokko? Im Sommer sind manche Plätze wie verwandelt: der Stachus mit Afrikaflair
An den Stimmen der Münchner erkennt man ihre Genussfähigkeit. Sie arbeiten viel – und gönnen sich viel. In den Ferien lassen sie das Arbeiten dann ganz weg und genießen nur noch. Zum Beispiel auf bunten Decken liegend, zwischen den steinernen Säulen eines griechischen Tempels im Englischen Garten. Ein paar hundert Meter entfernt, an der Ludwigstraße, weht ein italienisches Lüftchen. Florentinische Paläste und römische Kirchen leuchten golden in der Sonne. München hat sich die Urlaubssehnsucht in die Stadt geholt, lässt Daheimgebliebene sich wegträumen oder ihre Freude auf die nächste Reise dehnen und strecken.
Ich radle über einen Steg, rechts und links von mir die Isar, wild und lebendig, ein Junge wirft Steine. Dunkles Grün wuchert am Fluss, das Wasser kommt eiskalt aus dem Gebirge. Ist hier Kanada? Die Straßen sind weit und leer, und die Gedanken öffnen sich. Genau wie Rilke sagte, dass der Wald nicht nur aus Bäumen bestünde, sondern auch aus dem Platz zwischen den Bäumen, so besteht eine Stadt nicht nur aus Häusern, sondern auch aus dem Platz zwischen den Häusern. In der Stille des Sommers wird der Raum zwischen den Gebäuden zu neuem Leben erweckt, sie stellen untereinander eine Beziehung her. Die Natur tritt stärker hervor und schafft Raum für die Menschen. Im Englischen Garten hallen Bongo-Trommeln aus dem Monopteros-Tempel, es riecht nach süßem Tabak, ein Mädchen jongliert Bälle. Ist hier San Francisco?
Im Sommer erscheinen die Dinge, als wäre ein Scheinwerfer auf sie gerichtet. Alles schreit: Schau mich an! Die Alpenkette, der Fluss, die Stuckbauten. Alles bekommt eine kraftvolle bayerische Präsenz. Und ich kann das alles auch wirklich genießen.
Denn ich muss ja nicht wie bei einer klassischen Sommerreise alles abhaken, dieses Museum, jenen Turm, diesen Marktplatz. Ich bin ja den ganzen Sommer über hier.













