Long Island: Abstecher von New York

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BRIGITTE-Mitarbeiter Till Raether vor dem ältesten Leuchtturm der USA in Montauk-Point

Wie gesagt, das sind die offensichtlichen Dinge. Schöner ist es, frühmorgens nach Ditch Plains, an den schönsten Strand von Montauk, zu fahren und dort bei der "Ditch Witch", einem schnuckeligen Imbisswagen aus den fünfziger Jahren, einen Kaffee und eine klebrige warme Cinnamon Roll zu bestellen und den Surfern zuzuschauen. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum "East Deck Motel", und Alice Houseknecht, deren Vater vor über fünfzig Jahren den ersten Teil des Motels aus Treibholz baute, erzählt, dass sie gerade noch ein paar Zimmer frei hat, für unter 100 Dollar die Nacht. Wenn das Ralph Lauren wüsste. Alice, eine liebenswürdige, lebhafte Mittfünfzigerin, muss nicht lange überlegen, als ich sie frage, was das Schönste ist, das man in den Hamptons machen kann: "Wandern. Es gibt herrliche Trails im Shadmoor State Park und am Montauk Point, da trifft man das ganze Jahr über kaum eine Menschenseele."

Wellenrauschen: einheimische Kinder beim Surfen in Ditch Plains

Mir ist aber gar nicht nach Einsamkeit. Ich laufe barfuß am Strand Richtung Westen und lächle ein bisschen vor mich hin. Das reicht schon, um mit anderen Strandmenschen ins Gespräch zu kommen (versuchen Sie das mal auf Amrum). Ein Franzose, der in Manhattan lebt, schlendert mit einem Müllbeutel in der Hand durch den Sand und hebt auf, was er an Pappbechern und Eisstielen findet. Es ist wenig genug. "So eine Art Hobby von mir", sagt er, "es ist doch so schön hier." Ich sehe ein paar Kindern beim Surfen auf den großen, wunderbar gleichmäßigen Wellen zu, bis sie mich einladen, auch mal aufs Brett zu steigen. Ich weise sie darauf hin, dass ich 40 bin und noch nie gesurft habe. "Na und?", sagt einer, "wenn du jetzt damit anfängst, hast du's mit 50 raus, dann kannst du noch 20 Jahre ein Surf-Opa sein." Klingt verlockend; vielleicht fange ich morgen damit an.

Auf andere Art anregend ist das Haus des Maler-Ehepaares Jackson Pollock (der Mann mit den überdimensionalen "drip paintings", 1912-1956) und Lee Krasner. Es liegt nordöstlich von East Hampton mit Blick auf den Three Mile Harbor. Der Fußboden des Ateliers ist über und über mit Farbklecksen bedeckt, denn Pollock schuf seine Bilder, indem er Leinwände auf den Boden legte und dann die Farbe daraufschleuderte. Nach seinem und bis zu ihrem Tod 1984 arbeitete seine Frau Lee in diesem Atelier, und ihre Technik wiederum war, an der Wand befestigte Leinwand großzügig mit Farbe zu füllen. So dass jetzt, wo beide nebenan auf dem Friedhof unter einem gemeinsamen Stein liegen, ihre und seine Farbspuren in diesem Raum vereint sind. In Filzlatschen stehe ich mittendrin und denke: Genau, man müsste überhaupt viel mehr Spuren hinterlassen im Leben.

Wo New Yorker Modediktate lässig ignoriert werden

Die Gelegenheit dazu hätte ich in der "Art Barge". Wenn man von East Hampton Richtung Montauk fährt, sieht man kurz hinter Amagansett plötzlich ein großes weißes Schiff, das mitten in der Landschaft zu stehen scheint; ein Navy-Frachtschiff aus dem Ersten Weltkrieg, das 1960 von einem Mitarbeiter des New Yorker Museum of Modern Art hierhergebracht wurde und seitdem eine freie Kunstschule ist. Auf zwei von Licht und Seeluft durchströmten Etagen kann man hier Mal- und Skulpturkurse belegen. Unangemeldet überraschen wir Christopher Kohan, den Schulleiter, wie er sich, nur mit einer abgeschnittenen Jeans bekleidet, Rühreier brät. In den Hamptons tragen die Männer noch abgeschnittene Jeans, so kurz, dass die Taschen unten rausgucken. Obwohl diesen Monat im New Yorker Magazin "Esquire" steht: "Unterziehen Sie Ihre abgeschnittenen Jeans folgender Vorbehandlung, bevor Sie sie waschen: Schmeißen Sie sie weg." Zum Stil der Hamptons gehört, die New Yorker Modediktate nicht zu beachten.

Die Räume und der Ankerplatz des Kunst-Schiffes im Napeague Harbor sind so schön, dass man sofort Künstler werden möchte, um genau dieses Gefühl schleunigst wiederzugeben. Sicher sind die Kurse also sehr überlaufen? "Nein", sagt Christopher, "die Leute aus New York haben keine Zeit mehr für Kunst. Sie verbringen ihre Zeit lieber damit, im Stau zu stehen."

Die meisten Schülerinnen und Schüler kommen von weiter weg, zum Beispiel aus Europa. Als wir gehen, entschuldige ich mich, dass wir ihn unangemeldet überfallen und beim Frühstück gestört haben. "Kein Problem", sagt er, "wenn du die Dinge nicht erzwingen willst, musst du sie einfach geschehen lassen." Und vielleicht ist das das Geheimnis der Hamptons: Während der Saison gehören sie jenen, die die Dinge erzwingen. Und außerhalb, im Mai oder September, jenen, die Dinge geschehen lassen.

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  • Text: Till Raether, Ulrike von Bülow
    Fotos: Naomi Harris, Corbis, AP Images
    Illustration: Katja Spitzer
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 09/09
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