Mit dem Kajak durch Venedig

Schlag um Schlag: Wer auf den Kanälen der Lagunenstadt paddelt, ist mit ihr automatisch auf einer Wellenlänge.

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So etwas sieht eine venezianische Bulldogge nicht alle Tage: eine Ente in Übergröße alias Guide Ivan unterwegs auf den Kanälen Muranos

Dass mich der Anblick des Markusplatzes bei meinem vierten Venedig-Besuch noch so erfreuen kann, dass ich laut "Der Dogenpalast!" rufe und am liebsten gleich hin will, überrascht mich selbst ein bisschen. Aber es ist gar nicht der bloße Anblick, es ist die Perspektive, die mich so begeistert. Hinter weiten glitzernden Wasserlandschaften ragen die rot-weiß gemusterte Palastfassade und der Markusturm auf, als Lagunen-Skyline, wie nur die Möwen und wir sie sehen. Eine Skyline in Schieflage, denn vor, neben und hinter uns macht ständig jemand Wellen: Transportboote, Polizeiboote, Postboote, Boot-Busse, die hier Vaporettos heißen - ja, vor allem die, da rast schon wieder eins an uns vorbei und lässt unsere Kajaks in seinen Bugwellen schaukeln. Langsam sehe ich ein, dass der Versuch, über den Canale della Giudecca zum Markusplatz zu paddeln, ähnlich aussichtsreich wäre, wie mit dem Gleitschirm durch die Rushhour des Frankfurter Flughafens zu schweben. Unsere kleine Kajak-Gruppe biegt lieber ab in die nächste Seitenstraße.

Das Wasser beruhigt sich, unsere Paddelschläge beruhigen sich auch, wir lassen uns treiben. Ivan, unser Guide, ist zufrieden mit unserer Paddelei: "Schlimmer als eben wird der Wellengang nicht", sagt er. Es ist der erste Tag von fünf, in denen wir uns auf eine neue Ebene begeben und Venedig in seinem Element erleben: dem Wasser. Unsere Boote, quietschgelbe Ein-Mann-Kajaks, sehen aus wie Zitronenscheiben auf dem Cocktail einer Stadt, die ich zu kennen glaubte: Markusplatz, Rialtobrücke, das Hotel "Molino Stucky" - ich habe sie alle gesehen. Aber nicht von unten, nicht von hinten, nicht von dort, wo die Kanäle so schmal sind, dass die Vaporettos nicht durchkommen, wo Algen und Muscheln sich in die Wände fressen und der Alltag dieser Stadt spielt, die mir immer etwas museal vorkam. Bei meinem letzten Venedig-Besuch sah ich in einem solchen Kanal die Bötchen der Bewohner liegen und wünschte mich auf eines davon, um mich freier bewegen zu können. So frei wie jetzt.

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  • Text: Tinka Dippel
    Fotos: Nora Bibel
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 16/09
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