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Das Blau des Himmels sticht in den Augen, die Kälte ins Gesicht, jeder Atemzug ist eine innere Kneippkur. Die Wolkentupfen sehen in der Mittagssonne aus wie rosafarbene Punschkrapfen, unter einer Zuckerglasur begrabene Tortenwürfel mit Rum-Schokoladenfüllung. Keine schlechte Idee, sagt mein Bauch. Aber zu früh, sagt meine Vernunft, die Kalorien auf einem kulinarischen Wien-Spaziergang müssen gut eingeteilt werden.
Ich schlendere weiter durch den Ersten Bezirk, die vornehme Wiener Innenstadt, vorbei an Paraden barocker Bauten aus Sandstein. Hufe klappern über das Altstadtpflaster, ein Pferd mit rot-weißen Ohrenschützern trabt vorbei, hinter dem Fiaker in der Kutsche liegt ein Deckenberg, unter dem rot gefrorene Nasen hervorlugen. An jeder Ecke dampft es, aus Pfannen, groß wie Wagenräder, bedeckt mit heißen Maroni. Wien steckt voller Verheißungen, aber ich weiß längst, wo ich hinwill: in die Wollzeile, ein Reservat alteingesessener Fachgeschäfte für alle möglichen Leckereien.
Auf der Schwelle zu "Feinkost Böhle" vergesse ich augenblicklich die Kälte, und meine komplette Wahrnehmung ist mit den Auslagen beschäftigt: frisch geschnittener Schinken, Saiblingskaviar auf Blinis, Tafelspitzsulz, Maronencreme, Pasteten. Mein Bauch und ich können uns nicht entscheiden, außerdem schalten sich jetzt auch noch meine Beine ein und fordern eine Sitzpause.
Im Kellergewölbe des "Hollmann Salons" quetsche ich mich an einen langen Holztisch und bestelle das "Salon Brettl", einen kulinarischen Flickenteppich: Kürbis-Leberkäse mit Rosmarin-Crostini, Erdäpfelgulasch mit Sauerrahm und Roastbeef mit Meerrettich und Schnittlauch, alle abgefüllt in kleine Gläschen und liebevoll drapiert auf einem Holzbrett. Ich proste mir mit dem netten Herren gegenüber zu, der gebackenes Huhn mit Kartoffelsalat isst.
Draußen rutscht die Sonne Richtung Abend, lugt gerade noch über die sechs, sieben Altbauetagen. Die Luft ist jetzt noch kälter, kneift mich ins Gesicht. Rote Lampen, groß und rund wie Gymnastikbälle, erleuchten die Rotenturmstraße vom Steffl bis zum Donaukanal. Auf dem Christkindlmarkt vor dem Rathaus sind die Bäume behängt mit Herzen, Keksen und Nussknackern als Lampions.
Kekse, auf diesen Anblick springt mein Magen schon wieder an. Dann sehe ich einen Stand mit Langosch, einem dünnen Hefefladen, einer ungarischen Spezialität - und kann nicht widerstehen. Ist ja wirklich sehr dünn, wenn auch Din-A4-groß und mit Knoblauchöl eingepinselt. Nachtisch: ein ganz banaler, weiß überpuderter Apfelstrudel. Schon sitze ich wieder, im "Café Korb".
Ich hab ja Zeit. Ein Genuss-Spaziergang muss schließlich eines der liebsten Mottos der Wiener erfüllen: "Nur ned hudeln." Diese Anti-Hektik-Devise wird in dieser Stadt so ernst genommen, dass beispielsweise im berühmten Kaffeehaus "Jelinek" auf einer Tafel geschrieben steht: "Wer es eilig hat, wird hier nicht bedient."
Mein letzter Gang - ob die Luft heiß oder stechend kalt ist, spielt keine Rolle mehr. Mir ist warm. Auch wenn die rosa Wölkchen in der Dunkelheit verschwunden sind, ich habe sie nicht vergessen, die Punschkrapfen. In der "Chocolaterie pâtisserie au marché" lagern sie hinter Glas, neben Eclairs, Törtchen, Keksen. Als ich den Zuckerbäcker Eduard A. Fruth um echte Wiener Punschkrapfen bitte, schimpft er: "Wienerisch ist gar nichts. Die Küche ist eine einzige Melange!" Recht hat er, ein herrliches Gemisch aus Herzhaftem und Süßem. Mit dieser Melange im Bauch und einem rosa Zuckerwürfel in der Hand laufe ich hinaus in die Wiener Nacht.













Ich habe diese im Dezember 2010 herrlich verschneit erlebt.
Ich fahre ich immer am 1. /2. Adventwochenende nach Wien. Den Laden mit den blühenden Pralinen habe ich im Dezember 2010 nicht mehr gefunden.