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Sekundenbruchteile der gedankenlosen Auflösung. Die Musik tief, sanft, ergreifend, umfassend, mein Körper tanzt im Einklang mit dem Körper in meinen Armen, dessen Bewegung er aufnimmt wie ein fein gestimmter Seismograf. Durch offene Flügeltüren flutet Sonne übers Parkett, oder aber es verschwimmen die Gestalten wie aus einem morphingeschwängerten Zwanziger-Jahre-Traum auf der nächtlichen Tanzfläche der Milonga, wenn wir uns drehen, wiegen, schreiten und mein Körper den Tanz einfach begreift, als wäre gar nichts anderes denkbar.
Sekundenbruchteile später kollidiere ich unwürdig mit meinem Gegenüber und habe meine unteren Extremitäten in einen doppelten Palstek geknotet. Macht ja nichts. Meine Partner sind geübt im Entwirren verknoteter Möchtegern-Tangueras, drei Takte später bin ich wieder eingenordet, und wir tanzen weiter. Wir tanzen. Ich kann das gar nicht. Wie es trotzdem geht, entzieht sich meinem Verständnis, ist aber viel zu fabelhaft, um Fragen zu stellen. Das Auto mischt sich ja auch nicht in die Entscheidungen des Fahrers ein.
Ich bin hier, um mit Taxitänzern, so heißen sie tatsächlich, Tango zu tanzen. In Buenos Aires, der Stadt der opulenten Architektur: von Moderne und Postmoderne über Jugendstil-Grandezza, Gotik-Zitate, verkommenen Jahrhundertwende-Charme bis hin zu Kolonialbauten mit südamerikanischem Kleinstadt-Flair. Einer Stadt, die sich mit baumlastigen Straßen, Parks und Bohemien-Cafés gibt wie ein Über-Paris. Im November, im Südhalbkugel-Frühling, blühen die Jacaranda-Bäume explosiv lila. Und wenn man genau hinhört, wenn man sich die Stadt ans Ohr hält wie eine Meeresmuschel, dann hört man ihn ganz deutlich, den Tango. Leise, aus dem Radio der Taxifahrer, ohne die sich in dieser Vielmillionenstadt kaum vorankommen lässt. Im Hintergrundrauschen der Cafés und Restaurants. An Touristenattraktionen wie dem Recoleta-Friedhof, wo Evita ihre letzte Ruhe fand. Man sieht ihn auf den Tangoshow-Plakaten, wo leichtgeschürzte Frauen stramme Beine Richtung Orbit recken, in den Bildern der talentfreien Maler, die jeden Markt beherrschen, in Souvenirskulpturen, auf jeder zweiten Postkarte.
In Buenos Aires schielt ein großer Markt auf tangowillige Touristen. Ein Dickicht aus "clases", Unterrichtsstunden, "prácticas", Übungsstunden, und natürlich Milongas, Tanzabenden, füllt die Gratis-Tango-Magazine. Neu sind die Taxitänzer, Mietmänner, die sich für Unterricht oder die Milonga anheuern lassen. Obwohl betont wird, es handele sich keinesfalls um einen Escort-Service, kommt mir die Sache anfangs schon etwas halbseiden vor.
Irene teilt meine Befürchtungen. Kenne sie nicht, aber halte sie für Ganoven, betont sie. Wir sitzen im Innenhof ihres Hauses. Ihr Großvater hat schon hier gewohnt, und seit sie in der Krise 2002 ihren Maklerinnen-Job verlor, vermietet sie Zimmer, mit alten Möbeln eingerichtet - vor allem an Tango-Touristen. Wie jeder, dem ich in diesem Parallelwelt-Buenos-Aires, der Tangostadt, begegnen werde, sprüht sie vor Euphorie, wenn es um Tango geht. Sie schnappt sich die Beilage aus "B.A. Tango" und markiert mir die tollen Milongas und die sehr tollen Milongas und die richtigen Tage, wann die tollen am tollsten sind.











