Tanz mit mir! Tango in Buenos Aires

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Schwerst übernächtigt im Unterricht. Lockerungsübungen. Eduardo fasst mich an, wechselt zu asiatischer Meditationsmusik und sagt aus dem Stegreif zwei, drei Dinge über mich, die zu den vier, fünf wirklich relevanten gehören. Ich bin perplex. Der Mann liest tatsächlich in anderer Menschen Körpern. Ich habe ihn nicht dazu autorisiert und bin nicht sicher, dass ihn die nächsten Kapitel was angehen. Aber ich lasse mich darauf ein. Eduardo kann Kampfkunst, das nun wieder habe ich gespürt, als ich anhand seines Unterarmes den Unterschied zwischen Anspannung, Kraft und Energie begreifen sollte. Ich beginne, mir wie Karate-Kid vorzukommen. Wie ein Shaolinmönch-Novize. Harry Potter auf Hogwarts. Mittlerweile bin ich mir sicher, hier in geheime Künste eingeweiht zu werden.

Ein weiterer heißer Tag in dieser überlebendigen Stadt, in der man sich zu Tode flanieren möchte. Im Schickeria-Viertel Recoleta, zwischen den Häuschen von Palermo, dem Viertel der Hipster. Durch die Nekropole La Chacarita, Mausoleen wie Villen; dem Denkmal Carlos Gardels, des Tangosänger-Gottes, drücken Gläubige stets eine Zigarette zwischen die Bronzefinger. In meinem bodenständigen Wohnviertel Almagro und immer wieder in San Telmo, touristisch und authentisch zugleich. So viele Cafés, Kaschemmen, Parilla-Grillrestaurants mit Steaks. Trödel in San Telmo, vergeigte Architektur im Quartier Puerto Madero, Menschenmassen in der Fußgängerzone Calle Florida. Ich aber fiebere auf den Abend, auf die nächste Milonga. Antonio, mein nächster Mietling, ist ein vollendeter Gentleman. Ich bestelle selbst meinen Kaffee. Das tue ich nie, nie wieder.

Hier bestellt sich die Frau den Kaffee nicht selbst. Oder ruft ein Taxi. Klares Nein. Auf der Tanzfläche sagt Antonio mir, den Tango müsse nicht mein Kopf lernen, sondern mein Körper, was ich soweit schon vor Tagen verstanden habe. "Vielleicht ist mein Körper doof", sage ich. Antonio schaut mich an. "Doof ist ein hässliches Wort für eine schöne junge Frau", sagt er.

"Meine Zeit ist um", sagt Antonio. "Aber wenn wir ganz, ganz langsam tanzen, dann tanze ich noch einen Tango mit dir." Ich schließe die Augen, auch wenn's mir um das traumschöne Ambiente des altehrwürdigen "Salón Canning" leid tut, und wie immer wird alles leichter, schwebender.

An meinem letzten Tag wage ich die Gegenprobe und gehe zu einer "clase", zu der mich Luis, ein alter Milonguero, ins "Viejo Correo" eingeladen hat. So lernt man normalerweise hier, ohne Taxigott. Die kariert geflieste Tanzfläche des "Viejo Correo" sieht verwaist aus ohne die alten Leutchen, die abends darübergleiten. Luis und seine blinde Partnerin Alicia sind zauberhaft, die Veranstaltung ist nichtsdestotrotz ein Elend. Eine Woche lang habe ich getanzt, jetzt macht man mir klar, dass ich noch nicht mal gehen kann. Eine halbe Stunde lang stakse ich wie ein Reiher rund um den Saal. Dann bringt man meinem Kopf auch noch bei, wie der Grundschritt, den ich seit einer Woche tanze, eigentlich geht. Prompt geht er gar nicht mehr. Ich wäre sicher, Tango in hundert Jahren nicht zu lernen. Wüsste ich es nicht besser.

Drei Stunden später treffe ich mich mit Rachel und Eduardo. Wir nehmen ein Taxi weit raus nach Flores. In einer robusten Eckkneipe wird Tango-Karaoke gesungen. Wir bestellen Bier der Sorte Quilmes via Literflasche. Ein Mann spielt an einer Casio-Heimorgel. Eine alte Frau in enger Disco-Hose und mit etwas Blondem auf dem Kopf, das aussieht wie ein parasitäres Tier, singt Tango, raue Stimme voller Sehnsucht, es bricht einem schier das Herz. Dann singt ein junges Ding mit Ponyfrisur, danach ein fetter Typ mit sanftem Timbre in der Stimme, und man hat sein Herz längst verloren. Dann singt Eduardo, er ist zu nah am Mikro, trotzdem denkt man flüchtig an Rinder. Draußen ein Wolkenbruch von tropischer Wucht. Die Hitzeperiode ist zu Ende.

Wir ziehen weiter zum "El Pial", einer Nachbarschafts-Milonga, in der sich Schützenfest-Turnhallenflair mit Intimität widerspruchslos verbrüdert. Eduardo und Rachel tanzen zusammen. Daneben schmiegt sich ein alterndes Fräulein in Satin an einen jugendlichen Piraten mit Kopftuch, schwarzem Zopf, alle Freude der Welt in seiner Miene. Er stirbt, sagt mir Eduardo, ich kenne ihn, zeigt auf den Piraten, der Zopf sei Perücke, Krebs, an seiner Hautfarbe sehe man, dass er stirbt. Wem der Tango nicht das Herz bricht, der verfügt über keines. Komm tanzen, sagt Eduardo. Ich kann nicht tanzen, ich kann ja noch nicht mal gehen, sage ich. Dann gehen wir tanzen, und natürlich kann ich tanzen.

  • Tina Übel
  • Fotos von Christina Körte
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