Ernährungsberatung für Kinder:
Besuch von der Food-Nanny

Wenn die Food-Nanny kommt, werden Kinder zu kleinen Ernährungsexperten, und Eltern wundern sich. BRIGITTE-Mitarbeiterin Ursula Ott hat's erlebt.

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O je, hoffentlich guckt sie nicht gleich in den Kühlschrank. Ausgerechnet heute stehen da ein halb aufgefutterter Schoko-Pudding und eine Flasche Limo. Aber nullkommagarkein Gemüse ist drin, weil der Bauernstand vor unserm Haus schon abgebaut war, als ich von der Arbeit kam. "Oskar, iss dein Eis zu Ende", treibt Leo, 8, seinen sechsjährigen Bruder an, da klingelt es schon.

Die Ernährungsberaterin kommt. Margit Mühlichen, 45, Ökotrophologin aus Hennef, berät Familien und Kindergärten, wie sie gesünder essen können. Wir stellen sie uns als eine Mischung aus Super-Nanny und Jamie Oliver vor. Strenge Listen hat sie uns vor ihrem Besuch geschickt, sieben Tage lang mussten wir Striche machen für jeden Keks, jedes Gramm Butter und jeden Teelöffel Marmelade. Ernährungsprotokoll. Schon die Vokabel fand Oskar super, und Listen sind für Kinder ohnehin das Größte. "Wo ist mein Ernährungsprotokoll?", schrie er, kaum hatte er in ein Schoko-Croissant gebissen.

Jetzt warten wir auf die Abrechnung. Sie wird uns fertig machen, da sind sich die Männer in meinem Haushalt ganz sicher. Dazu zählen neben Leo und Oskar mein Lebensgefährte Matthias, 49, der ausgerechnet in der Protokollwoche einen 10-Kilometer-Lauf mitrannte und danach fünf Striche in der Kategorie "Weizenbier" machen musste ("Das trinken alle Profi-Läufer!"). Und sein Sohn Niki, 14, der an Wochenenden zu Besuch kommt und unseren kargen Vorratsschrank mit jeder Menge Chips, Erdnussflips und Cola füllt, auf seinem Protokoll aber vermerkt: "Sportler! Fußball!"

Erste Überraschung: Frau Mühlichen trägt weder schwarze Brille noch Kampfuniform, ist eher der mütterliche Typ. Und sie sagt erst mal lauter nette Sachen. Dass es prima ist, wie viel Joghurt wir essen. Sie lobt, dass Leo Gurkenscheiben in die Schulpause mitnimmt. Und findet, dass Nikis Kalorienbilanz total okay ist, weil er so viel Fußball spielt. Wie jetzt - und wo bleibt die Peitsche?

Statt dessen legt sie wie beim Memory-Spiel bunte Karten auf den Tisch, auf denen Zucchini, Pizza und Croissants so lecker fotografiert sind, dass man sofort reinbeißen möchte. Es ist wie bei einer Ampel, erklärt sie den Kindern: Man sollte jeden Tag etwas Rotes, etwas Gelbes und etwas Grünes essen, dann kann man halbwegs sicher sein, genug Vitamine zu sich genommen zu haben. Und die sind wie "Boxer im Körper", so erklärt sie das Immunsystem.

Ampel, das kapieren die Kinder. Also suchen wir in den bunten Karten nach Obst und Gemüse in den richtigen Farben. "Mögt ihr Blumenkohl?", fragt Frau Mühlichen. "Boah, ekelhaft!", schreit Oskar. Möhren? "Iiih, das ist das Allerschlimmste!", erklärt Leo. Paprika? "Paprika hasse ich!", kreischt Oskar, klettert auf den Tisch und spuckt zur Betonung schon mal ein Stück Hefeweckchen auf den Teller. Wie peinlich, wir hätten wohl eher eine Benimm-Nanny statt einer Food-Nanny gebraucht. Aber Frau Mühlichen bleibt gelassen, sie hat selbst eine neunjährige Tochter und weiß um deren begrenzte Geduld.

Um Oskar zu beschäftigen, darf er in seine Hand Bohnenkerne schütten, so soll er eine Idee von Mengen bekommen. "So viel, wie in deine Hand passt - mehr musst du gar nicht essen an Obst und Gemüse." Aber Oskar ist nicht doof und schiebt schon mal den schwarzen Peter auf seine Mutter. "Na, da wollen wir mal gucken, was die Mama eingekauft hat." Er öffnet den Kühlschrank. "Hier ist gar nichts Gelbes! Hier ist auch nichts Rotes! Was gibt's überhaupt heute Abend?" Es gibt Nudeln mit Lachs-Sahne-Soße - eines von circa dreieinhalb Gerichten, mit denen ich bei meinen Kindern todsicher punkten kann. Sie lieben es. Und mich, wenn ich es ihnen koche, logo.

Lachs ist okay, sagt Frau Mühlichen. Viel Fett, aber gutes Fett. Ich soll ihn deshalb künftig in Sprudelwasser anbraten statt in Öl. Und nicht immer Nudeln dazu, auch mal Reis oder Kartoffeln. Aber bei Kartoffeln gibt's leider keine Standing Ovations für die Köchin.

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  • Illustrationen: Larsissa Bertonasco
    BRIGITTE Heft 12/2006
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