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Interview: Wie man sitzt, so denkt man!
Design sendet Signale, prägt uns und unseren Alltag. Rolf Fehlbaum, Chef von Vitra und Herr der größten Stuhlsammlung weltweit, über Klassiker, Schicksal und die Sensibilität von Frauen
BRIGITTE: Gibt es den idealen Stuhl?
ROLF FEHLBAUM: Nein, den idealen Stuhl gibt es nicht. Der Eames-"Alu-Chair" von 1958 ist sicher ein Highlight der Stuhlgeschichte, weil an ihm so vieles, technisch und formal, brillant gelöst ist. Aber jedes Objekt hat seine starken und seine nicht so starken Seiten. Stühle haben vor allem symbolische Bedeutungen. Für was stehen sie? Das verändert sich. Plötzlich finden wir einen Stuhl altmodisch, obwohl er funktioniert und komfortabel ist, aber irgendwas stimmt nicht mehr. Ein Klassiker dagegen stammt aus einer anderen Zeit, ist aber immer noch ein Zeitgenosse. Wenn er das nicht mehr ist, dann ist er eine Antiquität, und jedes Design wird diesen Weg einmal gehen. Aber die Eames-Produkte haben einfach einen ungeheuer langen Atem und werden immer noch als zeitgenössisch empfunden. Kein Mensch, der nicht weiß, von wann diese Möbel sind, würde es erraten.
BRIGITTE: Ist es denn so wichtig, auf was für einem Stuhl man sitzt?
ROLF FEHLBAUM: Ich bin überzeugt, in einem Eames-Stuhl denkt man anders als auf irgendeinem Schlabbersessel. Design sendet Signale, denen man permanent ausgesetzt ist. Es ist unmöglich, sich nicht von ihnen beeinflussen zu lassen, egal ob in einem Restaurant, in der eigenen Wohnung oder im Büro.
BRIGITTE: Sie waren in den 60er Jahren maßgeblich an der Entwicklung des Panton-Chairs beteiligt. Was hat Sie ausgerechnet an diesen Stuhl glauben lassen?
ROLF FEHLBAUM: Ich konnte das überhaupt nicht richtig beurteilen. Ich glaubte einfach an den Designer Verner Panton. Aus Solidarität zu ihm, mit dem Enthusiasmus der Jugend und ohne Verantwortung - die musste mein Vater tragen - habe ich die Entwicklung des ersten Plastik-Freischwingers lauthals empfohlen. Aber ich habe nicht gesehen, dass das ein Jahrhundertwurf wird. Später war ich hoch erfreut, dass unser erster Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen, was das Design betrifft, gleich so ein Erfolg wurde.
BRIGITTE: Design wird als die neue Kunst gehandelt, die Preise bei Auktionen ziehen an. Hat das Konsequenzen für das Alltagsdesign?
ROLF FEHLBAUM: Wahrscheinlich. Wenn sich wirtschaftliche Verhältnisse ändern, verändert sich auch das Design. Die erfreuliche Seite ist, dass Design weiter aufgefasst werden kann, die Gebundenheit an die Funktion in bestimmten Bereichen gelockert wird - das kann zum Beispiel neuen Materialien den Weg bahnen. Aber auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass bei diesen Versuchen Produkte entstehen, die weder funktional noch künstlerisch befriedigen. Und dann ist es weder gute Kunst noch gutes Design. Design ist ein Prozess, der auf ein Ziel hinarbeitet. Beim Alltagsprodukt kann eine gute Lösung nur gefunden werden, wenn man die Sachzwänge - technische Notwendigkeiten sowie Kosten, Ökologie und Ergonomie - akzeptiert. Beim Editions-Design ist der Freiraum größer, aber auch die Anforderungen an die konzeptionelle Qualität.
BRIGITTE: Sie besitzen eine Sammlung von 4000 Stühlen. Was fasziniert Sie so daran?
ROLF FEHLBAUM: Ich fand Stühle nicht immer interessant. Aber man soll sein Schicksal lieben oder lieben lernen, und wenn man etwas unternimmt, wird man feststellen, dass man es tiefer, vielfältiger und interessanter machen kann, als man gemeinhin denkt. Ich lernte mit 17 Jahren Charles und Ray Eames kennen, mit 19 traf ich George Nelson in den USA, und natürlich war ich angezündet von dieser Welt. Aber ich hätte mir viele, viele andere Dinge vorstellen können, die mich auch interessierten. Als der Entschluss aber einmal gefällt war, dass ich in das Unternehmen Vitra eintreten und die Leitung übernehmen würde, da wollte ich es mir so interessant und aufregend wie möglich machen.
BRIGITTE: Von Ray Eames bis Hella Jongerius - bei Vitra haben Frauen von Anfang an mitgemischt. Woran liegt's?
ROLF FEHLBAUM: Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ich mir nicht mal die Frage gestellt habe: Können Frauen dieses oder jenes? Ich denke nicht mal daran, dass man so differenzieren könnte. Hella Jongerius zum Beispiel: Ich arbeite mit ihr, weil ich ihren Ansatz faszinierend finde, nicht, weil wir auch weibliche Designer beschäftigen wollen. Vielleicht kann man bei Hella von einer bestimmten Sensibilität sprechen, die eher bei Frauen als bei Männern vorkommt. Aber das ist nicht die Debatte, die mich interessiert. Hella ist eine unabhängige Figur und hat die Begabung, Oberflächen reicher und komplexer zu machen. Ich wollte, dass sie einen Bürostuhl macht, doch da hat sie bisher nur Nein gesagt. Allerdings wollte sie auch kein Sofa machen und hat es dann doch getan. Ich sollte wieder ein bisschen pushen, vielleicht können wir doch noch zusammen einen Bürostuhl machen, der ganz andere Emotionen auslöst.











