Mit Homöopathie gegen Erkältung

Homöopathie bei Erkältung

Die Homöopathie polarisiert: Kritiker winken dankend ab. Doch besonders Frauen schwören auf sie. Vor allem bei Erkältung.

Wenn es draußen kalt und feucht ist, der Hals kratzt und die Nase läuft, hat sie Hochkonjunktur: die Homöopathie. Und jeden Winter findet sie mehr Anhänger. Schon heute bezeichnen sich ein Viertel der Deutschen selbst als "überzeugte Verwender" der winzigen homöopathischen Zuckerkügelchen (Globuli), Tabletten und Tropfen, wie kürzlich eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Bundesverbands der Arzneimittel- Hersteller e.V. (BAH) gezeigt hat. Weitere 26 Prozent nutzen die Mittel ganz pragmatisch nach Bedarf. Besonders Frauen sind von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt. Statt Antibiotika nehmen sie bei Erkältungen und grippalen Infekten lieber etwas "Sanftes". Und auch bei anderen Beschwerden probieren viele erst einmal diese Methode - obwohl sie unter Schulmedizinern nach wie vor umstritten ist. Ist die Homöopathie zur neuen Frauenmedizin geworden? Und was ist wirklich dran an ihr?

Homöopathie: Heilen nach der Ähnlichkeitsregel

Alles nur Placebo? Wie Homöopathie wirkt, lässt sich bisher nicht nachweisen.

Aconit und Allium cepa, Bryonia und Belladonna, Phosphorus und Pulsatilla heißen die Mittel, die Husten, Schnupfen, Heiserkeit kurieren sollen - sanft, schnell und ohne Nebenwirkungen. Und das, was draufsteht, ist bei der Homöopathie auch drin: Blauer Eisenhut und Küchenzwiebel, Tollkirsche und Rotbeerige Zaunrübe, gelber Phosphor und Wiesenküchenschelle. "Similia similibus curentur - Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt" heißt das Prinzip, nach dem die Homöopathie arbeitet. Aufgestellt hat es der Begründer dieser Heilmethode, der Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843). Das Mittel, das bei einem Gesunden die Symptome hervorruft, an denen der Kranke leidet, kann helfen. Nach dieser Ähnlichkeitsregel wird bei Verbrennungen Urtica urens, Brennnessel, eingesetzt. Und die Zwiebel, Allium cepa, bei deren Schälen die Augen tränen und die Nase läuft, ist nach Meinung der Homöopathen ein probates Mittel gegen wässrigen Schnupfen.

Zwischen Homöopathie und Schulmedizin herrscht ein Glaubenskrieg

Rund 2000 Substanzen kennt die Homöopathie (griechisch "homoios", ähnlich, und "pathos", Leiden), pflanzliche, tierische, mineralische, metallische und solche aus Krankheitsprodukten (Nosoden). Verabreicht werden sie in extrem kleinen Dosen. Auf die Idee kam Hahnemann durch Zufall: Als er versuchsweise Chinarinde einnahm, stellte er bei sich Symptome von Malaria fest - der Krankheit, gegen die die Chinarinde helfen sollte. Nach weiteren Arzneimittelprüfungen veröffentlichte er 1796 seine Ähnlichkeitsregel als Grundprinzip der Homöopathie. Ein Prinzip, auf dem auch Impfungen gegen Infektionskrankheiten und Verfahren zur Desensibilisierung gegen allergische Reaktionen basieren. Das allein hätte wohl kaum den Glaubenskrieg ausgelöst, der zwischen Homöopathen und Schulmedizinern schwelt.

Nicht die eingesetzten Substanzen sind es, die Zweifel an der Methode aufkommen lassen. Wirklich spektakulär ist erst, dass die Dosis der Wirkstoffe in homöopathischen Mitteln so gering ist, dass sie sich kaum noch nachweisen lässt. Das liegt am zweiten Grundprinzip der Hahnemannschen Lehre: der Potenzierung.

Dazu wird die aus der ursprünglichen Substanz gewonnene Urtinktur mit einem Alkohol- Wasser-Gemisch verdünnt. Bei den C-Potenzen (C nach lat. "centum"), die bei Erkältungsbeschwerden häufi g verwendet werden, jeweils im Verhältnis 1:100. Also: Ein Teil Urtinktur und 100 Teile Wasser ergeben eine C1- Potenz. Wird ein Teil davon wiederum mit 100 Teilen Wasser verdünnt, entsteht eine C2-Potenz und so weiter. Erst aus diesen Verdünnungen werden die homöopathischen Arzneimittel hergestellt: Streukügelchen, Tabletten, Tropfen. Rein mathematisch ließe sich ab einer Potenz von C12 höchstens noch zufällig ein Molekül der Urtinktur nachweisen. Homöopathen geben ihren Patienten aber auch viel stärkere Verdünnungen, Hochpotenzen von C1000 oder C10 000. Oder LMPotenzen (L = 50, M = 1000) im Verhältnis von 1:50 000.

Die Erfolge der Homöopathie sind verblüffend

Abwehrkräfte: Mehr drin als oft angenommen? Vielen Frauen helfen die Kügelchen.

Mehr drin als oft angenommen? Vielen Frauen helfen die Kügelchen.

Kritiker werfen der Homöopathie deshalb vor, eine "Placebomedizin" zu sein. "Homöopathische Mittel sind derart hoch verdünnt, dass sie keine aktiven Inhaltsstoffe enthalten", sagt Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der britischen Universität von Exeter. "Zudem zeigen die meisten und besten klinischen Studien, dass sie nicht besser wirken als Placebo."

Das sieht der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V. ganz anders: "In vielen Studien konnte inzwischen nachgewiesen werden, dass Homöopathie eine signifi kante Wirkung gegenüber Placebo hat", kontert die Zweite Vorsitzende Cornelia Bajic. Aus persönlicher Erfahrung weiß die Ärztin aus Remscheid aber, "dass es auch bei homöopathischer Behandlung, wie in der Medizin überhaupt, einen Placebo-Effekt gibt". Ob mehr dahintersteckt, haben inzwischen über 100 Studien untersucht, mit unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen. Doch ist der Placebo-Effekt per se schlecht? Und muss alles, was die heutige Wissenschaft nicht in ihre standardisierten Doppelblindstudien pressen und als "evidenzbasierte Medizin" nachweisen kann, gleich dis qualifi - ziert werden?

Befürworter der Homöopathie gehen davon aus, dass ihre Arzneimittel nicht aufgrund chemischer Eigenschaften eine Wirkung entfalten. Vielmehr - so die Annahme - würde die verdünnende Wasserlösung "Informationen" der Urtinktur speichern. Diese Informationen wären auch in Kügelchen und Tropfen hoher Potenz enthalten, selbst wenn kein Molekül der Urtinktur mehr nachweisbar ist. Und diese Informationen würden dann dem Körper Impulse geben, um das durch die Krankheit gestörte Gleichgewicht zu regulieren und Selbstheilungsprozesse in Gang zu setzen. Eine Hypothese, die mit heutigen wissenschaftlichen Möglichkeiten (noch) nicht überprüft werden kann. Trotzdem sind die Erfolge oft verblüffend. "Der Wirkmechanismus der Homöopathie ist bisher nicht geklärt", sagt auch Claudia Witt, Professorin für Komplementärmedizin an der Berliner Charité. "Wir haben in unseren Studien aber gesehen, dass es Patienten, die sich aufgrund chronischer Erkrankungen in homöopathischer Behandlung befinden, deutlich besser ging - und das nach zwei und nach acht Jahren." Die Studien, die Homöopathie mit einem Scheinmedikament vergleichen, zeigen jedoch, so Claudia Witt, dass die Wirkung der homöopathischen Medikamente dabei eher eine geringe Rolle spiele: "Ich denke, dass insbesondere die individuelle und umfassende Art der Behandlung von Bedeutung ist."

Vor allem Frauen nutzen Homöopathie

Eine Art der Behandlung, die vor allem Frauen gefällt. Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer nutzen die Homöopathie. Auch an Studien nehmen meist mehr Frauen teil. Viele schätzen wahrscheinlich, dass es sich bei dieser Methode um eine sprechende Medizin handelt. "Die techniklastige Apparatemedizin, die den Menschen maschinell erfasst und defekte Teile repariert, ist eher eine Männerdomäne", sagt Cornelia Bajic. "Die Homöopathie berücksichtigt dagegen den gesamten kranken Menschen auf allen Ebenen, der körperlichen, der geistigen und der seelischen. Durch einen spezifischen Reiz stößt sie einen Heilungsprozess an, der ebenfalls den ganzen Organismus umfasst. Diese komplexe Sichtweise spricht eher Frauen an."

Homöopathie ist die Frauenmedizin des dritten Jahrtausends.

Ob die Homöopathie bei ihnen auch besser wirkt als bei Männern, ist bisher jedoch ebenfalls noch nicht ausreichend untersucht. Doch dass gerade Frauen das Gefühl haben, von dieser Art Medizin zu profitieren, kann noch einen anderen Grund haben: die individuelle Form der Behandlung, das dritte Prinzip der Hahnemannschen Methode. "Die Schulmedizin wendet oft zu grobe Muster an, die Frauen und ihren ganz speziellen Problemen nicht gerecht werden", sagt die Fachärztin für Frauenheilkunde, Homöopathie und Naturheilverfahren aus Bad Feilnbach, Dr. Anja Engelsing, Autorin des Buches "Homöopathie ganz weiblich". Dagegen ist die Homöopathie immer eine ganz individuell zugeschnittene Therapie. Sie berücksichtigt nicht nur die jeweiligen Symptome, sondern auch alle ( Lebens-)Umstände, unter denen die Beschwerden auftreten, die hormonelle Situation und die seelische Verfassung. Für Anja Engelsing ist Homöopathie deshalb eine auf die weiblichen Bedürfnisse zugeschnittene "gender medicine", "die Frauenmedizin des dritten Jahrtausends". Und wenn sich Hormonhaushalt und Stoffwechsel mit dem Älterwerden verändern, ermöglicht die Homöopathie auch hier eine Anpassung an die neuen körperlichen und psychischen Gegebenheiten. Denn sogar Alltagsbeschwerden wie grippale Infekte können dann anders verlaufen als bei jungen Frauen. Eine sensible Auswahl von Homöopathika kann dem Rechnung tragen.

Homöopathie: Keine Erkältung ist wie die andere

Ist also doch was dran an den Erfolgen der Homöopathie? Vor allem bei Frauen?

Oft lohnt es sich, es einfach mal selbst auszuprobieren. Bei akuten Beschwerden wie Erkältungen kann man durchaus ein bis zwei Tage ein homöopathisches Einzelmittel in C12-Potenz einnehmen. Wichtig ist, die jeweiligen Symptome und Modalitäten bei der Auswahl der Substanz möglichst genau zu berücksichtigen. Keine Erkältung ist wie die andere. Wer unsicher ist, kann auch kurzfristig zu einem Komplexmittel greifen, in dem bereits verschiedene Substanzen kombiniert sind.

Bei hohem Fieber oder wenn die Beschwerden länger anhalten, sollte jedoch unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Dann könnte auch eine echte Grippe oder die neue Grippe (die so genannte "Schweinegrippe") dahinterstecken. Wer bei chronischen Erkrankungen eine homöopathische Behandlung versuchen möchte, sollte sich ohnehin an einen Arzt mit entsprechender Zusatzausbildung wenden. Nur er kann die notwendige exakte Anamnese vornehmen. Und die Grenzen der Homöopathie erkennen. Oft entfaltet sie erst, wenn sie komplementär zu anderen Methoden eingesetzt wird, ihre wahre Stärke. "Das ,entwederoder' sollte in der Medizin passé sein. Wir Ärzte sollten so viel medizinisches Know-how haben, dass wir beides anwenden können, Homöopathie und Schulmedizin", sagt Anja Engelsing. "Das 'und' ist heute wichtig! Nur so können wir Frauen Mut machen, selbst dafür zu sorgen, dass es ihnen gutgeht, und ihr Frausein zu genießen." Wer dazu winzige Zuckerkügelchen ausprobieren möchte, sollte dies einfach tun.

So wird Homöopathie angewandt

Klassische Homöopathie: Nach einer ausführlichen Anamnese wird ein individuell ausgewähltes Einzelmittel verordnet. Diese Therapie wird vor allem bei chronischen Erkrankungen und Frauenleiden wie PMS und Wechseljahresbeschwerden eingesetzt.

Symptomatische Homöopathie: Arzneien in der Potenz C12 werden je nach Symptom bei akuten Alltagsbeschwerden eingenommen, auch als Selbstbehandlung.

Komplexmittel: Diese Mischungen von fünf bis sechs Einzelmitteln in tiefen Potenzen gegen akute Alltagsbeschwerden (z. B. Erkältungen) können kurzzeitig zur Selbstbehandlung genommen werden.

Schüßler Salze: Diese Therapieform (die Biochemie nach Dr. Schüßler), die Mineralsalze in homöopathischer Verdünnung (D-Potenzen) einsetzt, wird ebenfalls zur Selbstmedikation bei Alltagsbeschwerden verwandt; die klas- sische Homöopathie warnt vor gleichzeitiger Einnahme mit Homöopathika.

Mehr Infos und Adressen von Ärzten: www.welt-der-homoeopathie.de und www.brigitte-woman.de/homoeopathie

Erste Hilfe bei Erkältungen

Bei akuten Beschwerden zwei bis drei Globuli in C12-Potenz des jeweiligen Mittels im Mund zergehen lassen. Nach 15 Minuten wiederholen, beim dritten Mal nach 30 Minuten, bis zu viermal am Tag. Kurzfristig ist zunächst eine Verschlimmerung möglich. Bessern sich die Beschwerden, ist keine weitere Gabe sinnvoll. Diese Selbstbehandlung nicht länger als drei Tage fortsetzen.

Schnupfen wässrig, wird im Freien besser: Allium cepa nachts stockend, tags fließend: Nux vomica gelblich, verlangt Wärme: Hepar sulfuris

Husten trocken, stechend, festsitzend, verlangt nach Ruhe: Bryonia alba trocken, bellend, mit pfeifendem Atem: Spongia gelber Schleim, stört den Schlaf, besser durch Aufsetzen, fördert Weinerlichkeit: Pulsatilla

Halsschmerzen Beginn unbestimmt, mit Heiserkeit und trockenem Husten: Phosphorus Beginn unbestimmt, mit eitrigem Schnupfen: Hepar sulfuris Beginn rechts, Hals blassrot: Apis mellifica Beginn rechts, Hals hochrot, mit Fieber: Belladonna

Heiserkeit beginnt nachts nach windigem Tag: Aconit hohler Husten mit pfeifendem Atem und Schmerz beim Schlucken: Spongia klebriger Auswurf, grünlicher Schnupfen: Kalium bichromicum

Fieberhafter Infekt plötzlich, beeinträchtigt kaum, Gesicht wechselnd blass und rot: Ferrum phosphoricum allmählich, macht durstig, verlangt Bettruhe, macht mürrisch: Bryonia

Zum Weiterlesen

"Homöopathie ganz weiblich" von Anja Engelsing (192 S., 19,95 Euro, Haug 2008)

"Homöopathie besser verstehen" von Christoph Trapp (152 S., 19,95 Euro, Haug 2003)

"Homöopathie ab 50" von Sven Sommer (128 S., 12,90 Euro, Gräfe und Unzer 2008)

"Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin?" von Simon Singh und Edzard Ernst (406 S., 21,50 Euro, Hanser 2009)

"Homöopathie. Nichts drin - nichts dran?" von Matthias Wischer und Iris Hammelmann (96 S., 12,95 Euro, Haug 2009)

Text: Monika Murphy-Witt Illustration: Beck

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt

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