Wie lebt man mit einer Lebensmittelunverträglichkeit?

Was andere essen, ist für Silke Hüsken nicht erlaubt. Schuld daran ist eine Lebensmittelunverträglichkeit. Wie kommt sie damit zurecht?

Neulich war im Dorf wieder Flachsmarkt. "Schon Wochen vorher freue ich mich darauf", sagt Silvia Hüsken mit leuchtenden Augen. "Da gibt es einen Stand mit Pommes frites aus frischen Kartoffeln, in sehr gutem Öl gebacken." Was für die meisten Menschen nicht erwähnenswert wäre, ist für die 55-Jährige ein außergewöhnliches Erlebnis.

Silvia Hüsken hat Probleme mit dem Essen. Sie verträgt weder Milchzucker (Laktose) noch Fruchtzucker (Fruktose). Auch Histamin, ein Stoff, der in vielen Nahrungsmitteln wie Wurst, Käse, Schinken, Meeresfrüchten und Schokolade enthalten ist, macht ihr zu schaffen. Sie kann kein Obst und keine Milchprodukte essen und Geflügel nur, wenn es absolut frisch ist. Von Currywurst kann sie, die Deftiges liebt, bloß träumen. Von Rinderbraten auch. Zwar bereitet sie den gelegentlich zu, aber nur für Gäste - für sich selbst kocht sie extra. "Das, was ich esse, kann ich anderen nicht zumuten", sagt Silvia Hüsken. Oft traut sie sich noch nicht einmal, die Soße für den Braten abzuschmecken, aus Angst, zu viel von einem der unverträglichen Stoffe zu erwischen.

"Alle dachten, ich stelle mich an. Selbst im Krankenhaus haben sie nichts gefunden."

Doch die zarte Rheinländerin ist eine Stehauf-Frau, ist es stets gewesen, sagt sie. Im Moment muss sie zwar viele Einschränkungen ertragen. Dafür ist sie, wenn es gut läuft, nahezu frei von Beschwerden. Das war nicht immer so. Und der Weg bis hierher war lang und steinig. Vor rund zehn Jahren wurden ihre Bauchschmerzen und -krämpfe - "die hatte ich irgendwie immer schon" - so massiv, dass sie häufig mit Koliken ins Krankenhaus musste.

Es dauerte noch drei Jahre, bis sie an einen Mediziner geriet, der ihr helfen konnte. "Vorher war ich bei mindestens vier anderen Ärzten. Die dachten alle, ich stelle mich an. Und selbst im Krankenhaus haben sie nichts gefunden." Schließlich kam sie zu einem Allergologen. Der schloss eine Allergie aus, stellte aber eine Laktose-Intoleranz fest, eine Milchzucker-Unverträglichkeit. "Das fand ich nicht problematisch", sagt Silvia Hüsken. "Ich habe einfach viel Fleisch gegessen und Salat, den liebte ich."

Besser ging es ihr trotzdem nicht, eher schlechter. Dann kam die nächste Diagnose: Fruktose-Malabsorption, eine gestörte Aufnahme von Fruchtzucker. Die Liste der erlaubten Lebensmittel wurde kürzer, der geliebte Salat wurde gestrichen. Doch die Beschwerden blieben, auch das Herzrasen und die Schweißausbrüche, unter denen sie schon seit Jahren litt. Schließlich kam ihr Allergologe der Histamin-Intoleranz auf die Spur. "Da brach für mich wirklich eine Welt zusammen. Am Anfang war ich ganze Nachmittage mit meinem Mann im Supermarkt und habe mit langen Listen nach Lebensmitteln gesucht, die ich überhaupt noch essen kann." Fleisch kauft sie seitdem nur bei einem Bauern um die Ecke; da weiß sie, dass es wirklich frisch ist. "

Ein kompletter Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel ist in den meisten Fällen nicht nötig.

Häufig dauert es sehr lange, bis eine Diagnose gestellt wird", sagt Dr. Imke Reese, Ernährungstherapeutin mit Schwerpunkt Allergien und Unverträglichkeiten. "Meist vergeht einige Zeit, bis Betroffene zum Arzt gehen. Zum einen nehmen sie ihr Leiden nicht ernst genug, zum anderen ist es ihnen peinlich, über Blähungen oder Durchfälle zu sprechen, selbst mit einem Arzt. Und leider gibt es auch viele Haus- und sogar Fachärzte, die die Beschwerden nicht ernst nehmen oder die Zusammenhänge nicht erkennen."

Silvia Hüsken hat sich inzwischen mit ihrer Krankheit arrangiert: "Ich weiß jetzt, wie ich mich ernähren muss, damit es mir gutgeht." Anfangs war sie bei einer Ernährungsberaterin. "Das hat mir sehr geholfen. Aber letztendlich muss man selbst ausprobieren, was man verträgt." Das bestätigt auch Imke Reese: "Ein kompletter Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel ist in den meisten Fällen nicht nötig. Viele können trotzdem geringe Mengen Laktose und Fruktose verwerten. Würden sie völlig darauf verzichten, ginge auch diese Restfähigkeit mit der Zeit verloren."

Die Ernährungstherapeutin hilft Betroffenen dabei, herauszufinden, welche Mengen und welche Kombination von Lebensmitteln sie vertragen können: "Es macht einen großen Unterschied, ob jemand auf nüchternen Magen in einen Apfel beißt oder ob der Apfel gerieben zusammen mit Sahnequark gegessen wird. Mit Sahnequark wird das Obst viel langsamer verdaut. Der Fruchtzucker kommt nicht auf einmal, sondern nach und nach im Darm an. Dann wird er oft doch aufgenommen."

Von der regelmäßigen Einnahme von Enzym-Tabletten, die den Abbau von Laktose oder Histamin unterstützen, hält Imke Reese wenig: "Die können zwar Sinn machen, wenn man beispielsweise bei einer Familienfeier wenig Einfluss auf das Essen hat. Im Alltag sollten Betroffene jedoch versuchen, das zu sich zu nehmen, was sie persönlich vertragen."

Silvia Hüsken meistert ihr Leben inzwischen gut - Familienfeiern, Restaurantbesuche und Reisen sind für sie jedoch so gut wie unmöglich. Ihr großer Traum ist es, zusammen mit ihrem Mann mit einem Wohnmobil durch Kalifornien zu fahren. Bisher war die Angst, dort nicht die richtigen Lebensmittel zu finden, zu groß. "Und dann tagelang im Wohnmobil flachliegen? Das will ich nicht!", sagt Silvia Hüsken resolut.

Auch gemeinsam essen gehen würden die beiden, die der lange Krankheitsweg nicht auseinandergebracht, sondern eher zusammengeschweißt hat, gern ab und zu. Vor acht Jahren waren sie das letzte Mal in einem Restaurant. Doch vielleicht lässt sich wenigstens dieser Wunsch demnächst erfüllen. "Kürzlich hat hier in der Nähe ein Lokal aufgemacht, das angeblich laktose- und fruktosefreie Speisen anbietet. Das könnten wir mal ausprobieren", sagt Silvia Hüsken und strahlt ihren Mann an.

Unverträglichkeit oder Allergie?

Rund ein Drittel der Bevölkerung kann bestimmte Lebensmittel nicht vertragen. Schnell wird von einer Allergie gesprochen. Doch in den meisten Fällen handelt es sich "nur" um eine Unverträglichkeit - ein wichtiger Unterschied bei Empfehlungen zum Essverhalten.

Diagnose: Welche Methode ist seriös - und welche nicht?

Unverträglichkeiten lassen sich schwer feststellen. Und oft werden Untersuchungen angeboten, die wenig aussagen. Privatdozent Dr. Jörg Kleine-Tebbe, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), sagt, welchen Tests Betroffene trauen können.

Diese Diagnosemethoden sind durch Studien abgesichert

  • H2-Atemtest: Um eine Laktose- oder Fruktose-Unverträglichkeit festzustellen, muss der Patient eine Lösung trinken, die eine bestimmte Menge Milchzucker oder Fruchtsäure enthält. Was der Körper nicht verarbeitet, wandeln Darmbakterien in Wasserstoff (H2) um, der ausgeatmet wird. Das wird alle 30 Minuten gemessen.
  • Blutuntersuchung auf Laktose-Intoleranz: Nachdem der Patient 50 Gramm Laktose zu sich genommen hat, wird über zwei Stunden der Glukosespiegel im Blut gemessen. Im Normalfall wird die Laktose in Glukose umgewandelt, der Blutzuckerspiegel steigt an.
  • Blutuntersuchung auf Histamin-Intoleranz: Ist im Blut das Enzym, das Histamin abbaut (Diaminooxidase), zu finden, kann das auf eine Abbaustörung hinweisen. Eine gesicherte Diagnose gibt nur eine umfassende allergologische Untersuchung.
  • Allergologische Tests wie Prick und IgE-Test: Diese Tests werden durchgeführt, wenn unklar ist, ob eine Allergie oder Unverträglichkeit besteht. Beim Prick-Test werden Allergenlösungen z. B. auf den Arm getropft, dann wird die Haut darunter oberflächlich "angepiekt" ("geprickt"). Auch die Untersuchung der IgE-Antikörper im Blut kann Aufschluss über Allergieauslöser geben.
  • Darmspiegelung: Mit diesem Verfahren kann der Arzt prüfen, ob eventuell eine entzündliche Darmerkrankung die Ursache für Beschwerden ist.

Diese Diagnosemethoden sind nachweislich ungeeignet

  • Blutuntersuchung auf Fruktose: Damit lässt sich laut Studien keine Fruktose-Unverträglichkeit feststellen.
  • Blutuntersuchung auf Histamin: "Leider wenig aussagekräftig, da der Histaminspiegel im Blut stark schwankt", sagt Jörg Kleine-Tebbe.
  • Blutuntersuchung auf IgG(Immunglobulin G)-Antikörper: Diese wird sogar als Test für zu Hause, meist aber als Privatleistung von Ärzten oder Heilpraktikern angeboten. Für bis zu 400 Nahrungsmittel soll sich damit eine Unver- träglichkeit oder Allergie feststellen lassen. Aber: "Diese Tests zeigen nur, ob ein Mensch Kontakt mit einem Lebens- mittel hatte, mehr nicht", sagt Allergologe Kleine-Tebbe. "Kein seriöser Arzt bietet einen solchen IgG-Test an."
  • Kinesiologie, Bioresonanztherapie, Elektro-Akupunktur nach Voll: Durch Messung elektrischer Ströme oder der Armkraft soll festgestellt werden, wie der Körper auf bestimmte Nahrungsmittel reagiert. "Damit kann man gar nichts diagnostizieren", sagt Kleine-Tebbe. Wissenschaftliche Studien zeigten gar, dass Gesunden Unverträglichkeiten zugeschrieben, hochgradige Allergiker jedoch nicht "entdeckt" wurden.

Text: Katrin Steffens Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN

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