Helfen Hormone gegen Hitzewallungen?

Was hilft gegen Hitzewallungen in den Wechseljahren? Sollte ich doch Hormone nehmen und wenn ja, wie gefährlich ist das? Ein Überblick.

Roter Kopf, nass geschwitzte Bluse, gereizte Stimmung und das alles bei einem wichtigen Jobtermin oder kurz bevor die Gäste zum Abendessen klingeln. Bis vor ein paar Jahren hätten die meisten Frauen sich das kein zweites Mal zugemutet. Sie wären zu ihrem Arzt gegangen und hätten sich Hormone verschreiben lassen - lange Zeit gängige Praxis. Im Jahr 2000 nahm fast jede zweite Frau zwischen 55 und 60 Jahre Hormone. Die sogenannte Hormonersatztherapie (HET, englisch: Hormone replacement therapy HRT) galt als das Allheilmittel gegen aufsteigende Hitze und andere klimakterische Beschwerden, als Jungbrunnen-Therapeutikum für alle Frauen über 50. Sie wurde nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt, zum Wohl der Frauen, wie die Mediziner meinten. Und zur Freude aller, die Hilfe suchten.

Jahrzehntelang, bis 2002. Als die große amerikanische WHI-Studie (Women's Health Initiative Study) zeigte, dass Hormonpräparate das Risiko nicht nur für Brustkrebs, sondern auch z. B. für Herzinfarkte erhöhen können, geriet diese Praxis in die Kritik. Die Zahl der Verordnungen sank drastisch. 2012 bekam nur noch jede fünfte Frau Hormone. Heute ist die Hormoneuphorie eher in Ablehnung umgeschlagen, Hormonpräparate haben einen schlechten Beigeschmack. Aus Angst vor Krebs und anderen gefährlichen Nebenwirkungen versuchen die meisten Frauen, ohne solche Mittel auszukommen. Doch was tun, wenn die nicht nur leichte Beschwerden bereiten?

Eine neue dänische Untersuchung könnte jetzt zu einem Umdenken führen. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hormone nicht in jedem Fall so gefährlich sind wie befürchtet. In der Studie nahmen Frauen, die im Durchschnitt 50 Jahre alt und erst seit Kurzem in den Wechseljahren waren, zehn Jahre lang Hormonpräparate ein. Nach insgesamt 16 Jahren Nachbeobachtung war das Brustkrebsrisiko dieser Frauen nicht höher, ihr Infarktrisiko sogar geringer als das von Gleichaltrigen, die keine Hormone bekommen hatten.

Ein Grund dafür könnte sein, dass die Frauen im Schnitt 15 Jahre jünger waren als in der WHI-Studie. Bedeutet das eine Entwarnung für Frauen um die 50? Professor Werner Meier, Leiter der Frauenklinik des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf möchte allen, die unter schweren leiden, Mut machen: "Diese neue Studie zeigt, dass Frauen zu Beginn der Wechseljahre offenbar keine Angst haben müssen, wenn sie nach gründlicher frauenärztlicher Beratung eine Zeit lang Hormone einnehmen."

Die Mehrzahl der Ärzte hält die Risiken einer Hormontherapie ohnehin für überbewertet, wie Befragungen zeigen. Viele greifen deshalb auch heute zum Rezeptblock. Zu schnell, kritisiert Dr. Carmen Alice Kirstgen. Die Gynäkologin, Ärztin für Naturheilverfahren und Systemische Therapeutin aus der Nähe von Darmstadt, ist strikt dagegen, alle Frauen über einen Kamm zu scheren und bei Wechseljahresbeschwerden sofort reflexartig Hormone zu verschreiben.

Das sieht auch Professor Rolf Kreienberg so. "Die Hormontherapie hat zweifelsfrei eine Reihe von Nutzen. Dennoch muss ihr Einsatz gründlich abgewogen werden, da sie gesundheitliche Risiken bergen kann", sagt der ehemalige Ärztliche Direktor der Universitätsfrauenklinik Ulm und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG). Unter deren Federführung haben deshalb jetzt 18 deutsche ärztliche Fachgesellschaften und zwei Patientinnen-Organisationen gemeinsam eine Leitlinie zur Hormontherapie in den Wechseljahren erarbeitet.

Darin werden erstmals eindeutige Aussagen gemacht, die man bisher in dieser Deutlichkeit von den Gynäkologen vermisst hat. Die Quintessenz: Eine Hormontherapie sollte nur bei ausgeprägten Beschwerden verordnet werden und dann auch nur für eine kurze, begrenzte Zeit und mit geringster Dosis. Also: nie ohne klaren Grund und so kurz und so niedrig dosiert wie möglich.

Hitzewallungen: Mehr Zeit für sich einplanen

Entscheidend für das damit verbundene Risiko ist vor allem die Dauer der Verordnung. So haben Frauen, die mehr als fünf Jahre kombinierte Östrogen-Gestagen-Präparate bekommen, ein fast doppelt so hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, wie Frauen, die keine Hormone nehmen. Das hat die MARIE-Studie des und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gezeigt. Experten empfehlen Frauen deshalb, nicht länger als ein bis zwei Jahre Hormone zu schlucken.

Doch auch Frauen, die Hormone nehmen, fragen sich häufig: Wie hoch ist mein ganz persönliches Risiko? Nach der neuen Leitlinie soll der behandelnde Arzt das jetzt noch intensiver abklären als früher, die Therapie soll individueller werden. Frauen sollten sich deshalb gründlich über das Für und Wider in ihrem ganz persönlichen Fall informieren lassen, besonders, wenn sie nicht ganz gesund sind. Wer zum Beispiel keine weiteren Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel oder genetische Veranlagung für einen Herzinfarkt oder Brustkrebs hat, kann eine Hormontherapie gelassener angehen.

Wer dagegen schon einmal eine Thrombose oder einen Schlaganfall hatte, unter stark erhöhtem Blutdruck oder Störungen der Blutgerinnung oder des Fettstoffwechsels leidet, sollte eher zurückhaltend mit Hormonen sein. Das gilt auch für Raucherinnen. Denn, wie aktuelle Studienergebnisse zeigen, können Hormone das Risiko erhöhen, an Lungenkrebs zu sterben.

Es ist in Ordnung, nicht immer gut drauf zu sein. "Frauen sind nicht alle gleich", sagt Carmen Alice Kirstgen. Und nicht immer sind Hormone nötig. "Ich schaue zuerst: Wer kommt da eigentlich zu mir? Man kann nicht jede Schlafstörung und jede seelische Verstimmung auf die Hormone schieben. Die Zeit zwischen 40 und Mitte 50 ist eine Zeit des Umbruchs: Was war bis jetzt, wo soll es hingehen in meinem Leben? Da ist es erlaubt, nicht immer ausgeglichen und gut drauf zu sein." Oft hilft es dann schon, so die Frauenärztin, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen und den eigenen Lebensstil etwas umzustellen.


Hat eine Frau starke Wechseljahresbeschwerden, verschreibt aber auch die Naturheilkundlerin Hormone, wenn pflanzliche und homöopathische Mittel nicht helfen. Allerdings sehr individuell: "In den beginnenden Wechseljahren ist es wichtig, das Gleichgewicht der Hormone wiederherzustellen, beispielsweise mit natürlichem Progesteron. Erst später, wenn auch die Östrogenproduktion nachlässt, sind Kombinationspräparate aus Östrogenen und Gestagenen sinnvoll." Bei leichten Beschwerden können biochemische Schüßler-Salze, homöopathische sowie pflanzliche Mittel eine Alternative sein.

Hitzewallungen: Auch bei Naturmitteln Risiken abwägen

Vielen Frauen helfen diese Präparate, auch wenn die Studiendaten recht widersprüchlich sind. Für zugelassene Arzneimittel aus Traubensilberkerze (Cimicifuga) und Sibirischer Rhabarberwurzel gibt es Studien, die eine positive Wirkung bescheinigen. Dürftiger ist die Datenlage bei Nahrungsergänzungsmitteln aus Soja und Rotklee. Denn anders als Arzneimittel müssen sie keine Nachweise für Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erbringen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat deshalb bereits 2007 vor hoch dosierten Präparaten mit Isoflavonen (hormonähnliche Pflanzenstoffe, so genannte Phytoöstrogene) aus Soja gewarnt, weil auch bei deren längerfristiger Einnahme ein erhöhtes Brustkrebsrisiko nicht ausgeschlossen werden kann.

Professorin Sabine Kulling vom Bundesforschungsinsitut für Ernährung und Lebensmittel (Max Rubner-Institut) in Karlsruhe rät ebenfalls zur Zurückhaltung: "Besonders bei Präparaten aus Rotklee ist Vorsicht geboten. Denn sie enthalten viele verschiedene Isoflavone, von denen einige noch nicht auf mögliche negative Wirkungen getestet sind." Besser ist es deshalb, auch solche Mittel nicht ohne ärztliche Beratung zu nehmen.

Anders sieht es bei Sojalebensmitteln wie Tofu aus. "Gegen ihren Verzehr in normalem Umfang ist nichts einzuwenden", sagt Sabine Kulling. "Viele Experten raten aber Brustkrebspatientinnen vorsorglich von einem exzessiven Konsum von Sojaprodukten ab." In Japan werden täglich maximal 30 Milligramm Isoflavone (in Form von angereicherten Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln) zusätzlich zu der dort üblichen sojareichen Ernährung als ungefährlich angesehen. Aber auch hier gilt wieder: Wer sichergehen möchte, sollte sich von einem Arzt oder einer Ärztin seines Vertrauens beraten lassen - ganz individuell.

Zum Weiterlesen

Für immer jung? Wechseljahre aus ganzheitlicher Sicht
Von Carmen Alice Kirstgen (erhältlich über den Buchhhandel, über die Autorin oder den Klett-Cotta-Verlag).

Wechseljahre - Praktische Begleitung für diese Lebensphase
Herausgegeben vom Feministischen Frauengesundheitszentrum Berlin (erhältlich im Buchhandel oder direkt unter www.ffgz.de)

Hitzewallungen: Was in jedem Fall guttut

  • Sich bewegen und Sport treiben: Eine schwedische Studie hat gezeigt, dass Frauen, die keinen Sport machen, dreimal häufiger unter Hitzewallungen leiden als körperlich aktive Frauen.
  • Regelmäßig in die Sauna gehen: Das trainiert die Gefäße und verhindert, dass sie sich spontan erweitern.
  • Mit dem Rauchen aufhören.
  • Scharfe Gewürze vermeiden und nur in Maßen Kaffee trinken.
  • Sich ausgewogen ernähren: Natürliche Phytoöstrogene sind außer in Soja in geschroteten Leinsamen und Hülsenfrüchten wie beispielsweise Linsen, Erbsen und Bohnen enthalten.
  • Scheidenzäpfchen ohne Hormone benutzen: Gegen Scheidentrockenheit helfen Präparate, die das natürliche feucht-saure Milieu unterstützen, z. B. mit Hyaluronsäure, Milchsäure oder Milchsäurebakterien (Laktobazillen), und Entzündungen vorbeugen. Viele Frauen benutzen auch Rosenzäpfchen.
  • Hormonyoga machen: Dinah Rodrigues, die Begründerin dieser Methode, zeigt die wichtigsten Übungen exklusiv auf BRIGITTE-woman.de.

Hormontherapie: Empfehlungen der neuen Leitlinie

  • Hitzewallungen und Scheidentrockenheit können am effektivsten mit Östrogenen behandelt werden; pflanzliche Wechseljahrespräparate sind bei ausgeprägten Beschwerden keine gleichwertige Alternative.
  • Hormontabletten helfen entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil nicht gegen Blasenschwäche (Harninkontinenz) - im Gegenteil, sie verschlimmern sie.
  • Frauen mit hohem Osteoporoserisiko sollen nur dann vorbeugend Hormone nehmen, wenn andere Medikamente nicht infrage kommen. Ärztinnen und Ärzte sollten Nutzen und Risiko individuell sehr genau abwägen.
  • Hormonpräparate helfen nicht gegen Hautprobleme (Bartwuchs, Akne).
  • Eine Hormontherapie mit einer Östrogen-Gestagen-Kombination erhöht das Risiko für bestimmte Krankheiten: Laut Studien treten acht bis zwölf Schlaganfälle, sechs Herzinfarkte und nach fünf Jahren Anwendung acht Brustkrebsfälle mehr pro 10.000 Frauen auf als ohne Hormontherapie.
  • Östrogenpflaster helfen genauso gut gegen Hitzewallungen wie Tabletten, führen aber seltener zu Thrombosen.
  • Bei Scheidentrockenheit ist eine lokale Therapie (Vaginalcreme oder -gel) genauso wirksam wie die Einnahme von Tabletten; sie belastet den Stoffwechsel aber weniger.

Hormontherapie ganz praktisch - ein Interview

Individuell, kurz und möglichst niedrig dosiert - wie sich das im Alltag umsetzen lässt, sagt Professor Ludwig Kiesel. Der Direktor der Uni-Frauenklinik in Münster hat die neue Leitlinie zur Hormontherapie mit erarbeitet.

BRIGITTE WOMAN: Für eine begrenzte Zeit, etwa ein bis zwei Jahre, ist eine Hormonersatztherapie in Ordnung, sagen die Experten. Aber was ist, wenn danach die Hitzewallungen genauso heftig wiederkommen?

Ludwig Kiesel: Die Hormone sollten nicht abrupt abgesetzt werden. Am besten wird die Dosis nach und nach verringert. Bei einem solchen Ausschleichen ist das Risiko nicht so groß, dass nach Ende der Therapie wieder starke Hitzewallungen auftreten. Ist dies trotzdem der Fall, sollten Frauen mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprechen, ob es vertretbar ist, dass sie die Hormone doch noch etwas länger nehmen.

Was ist besser: Tabletten oder Hormonpflaster?

Beide Darreichungsformen haben Vor- und Nachteile. Bei Pflastern ist laut Studien das Thromboserisiko geringer.

Viele möchten keine Hormone schlucken, könnten sich aber bei trockener Scheide vorstellen, ein Östrogengel anzuwenden.

In Deutschland enthalten solche Cremes und Gels meistens Östriol. Das ist ein recht schwaches Hormon, das die meisten Frauen ohne Bedenken nehmen können. Nur ein kleiner Teil davon wird vom Organismus aufgenommen. Bei Brustkrebspatientinnen, die keine Hormone nehmen sollen, ist allerdings nicht ganz klar, ob auch solche Vaginalgels ein Risiko sind oder nicht. Auf jeden Fall sollten diese Frauen kein Produkt benutzen, das das potentere Hormon Östradiol enthält.

Manche Frauen nehmen ihre Hormontabletten nur alle zwei oder drei Tage, um die Gesamtdosis möglichst gering zu halten. Spricht etwas gegen diese Vorgehensweise?

Wahrscheinlich nicht, obwohl es auch dazu keine Studien gibt. Besser ist es aber, täglich eine sehr gering dosierte Tablette zu schlucken. So wird dem Körper kein ständig schwankender Hormonspiegel zugemutet. Frauen sollten auch darüber mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin sprechen.

Reine Östrogenprodukte sollen unbedenklicher sein als Östrogen-Gestagen-Kombinationen. Wie lange dürfen Frauen diese Medikamente einnehmen?

Bei einer Einnahme von reinen Östrogenprodukten ohne Gestagenanteil bis zu fünf Jahren sind das Brustkrebs- und Herzinfarktrisiko nicht erhöht. Aber eine reine Östrogentherapie kommt nur für Frauen infrage, die keine Gebärmutter mehr haben.

Kann man Hormonpräparate und natürliche Produkte aus Soja oder Rotklee miteinander kombinieren?

Möglicherweise wäre so eine Mischung gar nicht schlecht, wenn die einen Mittel nachteilige Wirkungen der anderen kompensieren könnten. Ob das aber wirklich der Fall ist, muss ebenfalls erst noch untersucht werden.

Text: Sabine Thor-Wiedemann

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • ella
    ella
    Ich habe ein Präparat mit sibirischem Rhabarber genommen welches hormonähnliche Wirkung hat und es hat mir sehr geholfen, vor allem von der scheußlichen Unruhe wegzukommen, auch die Hitzewallungen sind spürbar weniger.

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