Osteopathie-Behandlung: Was passiert da eigentlich?

Von außen ist oft kaum zu sehen, wie Osteopathen arbeiten. Aber tief im Inneren des Körpers kann die Osteopathie-Behandlung viel in Bewegung setzen - allein mit Fingerspitzengefühl.

Hände umfassen meine Fußknöchel, legen sich auf die Knie und auf die Schultern, wölben sich um meinen Hinterkopf. "Ihre Lenzpumpen funktionieren nicht optimal", sagt Johannes Fetzer, während er meine Beine und Arme beugt. Ich schaue ihn fragend an. "Das ist wie bei einem Schiff", antwortet der Hamburger Osteopath, Physiotherapeut und Heilpraktiker. "Wenn eine große Welle kommt und Wasser in ein Schiff schwappt, sorgen die so genannten Lenzpumpen dafür, dass es wieder trockengelegt wird. Funktionieren sie nicht richtig, bleibt ein Rest Wasser im Schiff. Mit jeder neuen Welle sammelt sich mehr, bis das Schiff sinkt. Beim Körper ist es genauso. Jede Belastung überschwemmt ihn. Kann er die Folgen nicht 'abpumpen', summieren sie sich, und er wird krank."

Mein Körper erzeugt häufig Nacken-und Kopfschmerzen, vor allem nach langen Schreibtischtagen. Die Hände drücken jetzt auf meinen rechten Unterbauch. Ein Schmerz schießt bis in den Rücken. Nicht sehr "sanft". "Der Hüftstrecker rechts ist zu fest", sagt Johannes Fetzer. "Die Spannung setzt sich bis in Nacken und Kopf fort. Wahrscheinlich eine Folge der chronischen Blinddarmentzündung." Von der Operation, inzwischen 30 Jahre her, hatte ich bei der Anamnese erzählt. Ebenso wie von einem schweren Sturz mit dem Fahrrad in Kindertagen. Minutenlang bohren sich die Finger in meinen Bauch, drücken kräftig auf die angespannte Stelle. Allmählich löst sich der Schmerz auf. Ein Kribbeln breitet sich aus, Wärme. Mein Körper setzt seine "Lenzpumpen" in Bewegung. Die Hände haben ihm einen heilsamen Anstoß gegeben.

Hilfe zur Selbsthilfe - mit Fingerspitzengefühl statt Stethoskop

Hände, sensible, extrem feinfühlige Hände mit perfekt geschulten Tastrezeptoren an den Fingerkuppen - das sind die Instrumente von Osteopathen. Erfahrene Therapeuten können damit, Schicht für Schicht, tief in den Körper hineinspüren, Spannungen in Gewebe und Organen ertasten und Störungen in der Funktion entdecken. Und sie können durch gezielte Berührungen, spezielle Techniken und filigrane Handgriffe diese Spannungszustände beeinflussen, Blockaden auflösen, Dysfunktionen beseitigen und auf diese Weise den Organismus wieder in Balance bringen, seine Selbstheilungskräfte aktivieren. "Osteopathie ist eine vielseitige und effektive, elegante und nebenwirkungsarme Möglichkeit, Patienten mit den unterschiedlichsten Beschwerden zu helfen", sagt Dr. Hans-Christian Hogrefe, Chefarzt der Orthopädie am Klinikum Landau in Bad Bergzabern und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin e. V. (DGOM). "Im Vordergrund steht dabei die Wiederherstellung der körpereigenen Ressourcen." Hilfe zur Selbsthilfe. Fingerspitzengefühl statt Stethoskop, allerfeinste Handarbeit.

Begründet wurde diese manuell-therapeutische Methode 1874 von dem amerikanischen Arzt Dr. Andrew Taylor Still (1828-1917). Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie weiterentwickelt, unter anderem von seinem Schüler, dem Arzt William Garner Sutherland (1873-1954), und um die Cranio-Sacral-Therapie ergänzt (Schädel-Kreuzbein-Therapie), bei der vorwiegend am Kopf und am unteren Ende der Wirbelsäule gearbeitet wird. Der Name, den Still seiner Methode gab - von "osteo-", griechisch für "Knochen-", und "pathos", griechisch für Leiden -, führt jedoch in die Irre. Osteopathie ist mehr als eine Behandlung des Skeletts, sie ist eine ganzheitliche Therapie. Eine Form der Regulationsmedizin, wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer in seiner Bewertung feststellt. Dahinter steckt die Idee, dass alle Systeme im Körper miteinander verbunden sind. Gelenke, Muskeln, Organe, Nerven, Blut-und Lymphgefäße arbeiten nicht isoliert, sondern als Teile des großen Ganzen. Fein austariert und exakt aufeinander abgestimmt. Nur wenn alles harmonisch läuft, funktioniert der Organismus problemlos.

Gerät der Körper aus dem Takt, sammelt sich "Sand im Getriebe"

Der Körper ist gesund. Gerät jedoch irgendwo etwas aus dem Takt, sammelt sich durch Überbelastung "Sand im Getriebe", sind Funktion und Beweglichkeit oft nicht nur dort gestört, es können auch an einer ganz anderen Stelle Beschwerden auftreten. "Kribbelnde, eingeschlafene Hände können zum Beispiel ihre Ursache im Becken haben", sagt Birgit Gillemot. Die Münchener Osteopathin hat sich auf frauenspezifische Probleme spezialisiert. Sie weiß: Nach den Wechseljahren lockert sich das Stützgewebe, die inneren Organe sacken nach unten, das Zwerchfell steht dagegen hoch. Die Folge sind Spannungen im Oberkörper und Staus in seinen Gefäßen. Nervenbahnen werden eingeengt und geraten unter Druck. Das ändert sich erst, wenn das Gewebe wieder elastischer und beweglicher ist.

Auch chronische Kopf- und Rückenschmerzen hängen vielfach mit Veränderungen im unteren Becken zusammen, wie Birgit Gillemot in ihrer Praxis sieht. Eine Gebärmuttersenkung, Verschiebungen im Becken durch Schwangerschaften, ein Dammriss, Narben nach Kaiserschnitt oder Blinddarmoperation sind mögliche Ursachen. Funktion und Versorgung der Organe wie Darm, Nieren und Gebärmutter sind gestört, und da diese in Verbindung zur Lendenwirbelsäule stehen, kann das Schmerzen auslösen. "Verändertes und vernarbtes Gewebe ist wie ein verfilzter Pullover, nicht mehr so elastisch", sagt die Osteopathin. "Bekommt der Körper einen Anstoß, kann er die Fasern jedoch zumindest teilweise wieder verändern, geschmeidiger machen."

Um dies zu erreichen, wenden Osteopathen unterschiedliche Techniken und bis zu 3000 verschiedene Handgriffe an. Viele setzen an den Faszien an. Das sind die Bindegewebshüllen, die alles im Körper umschließen. Zusammen bilden sie ein faseriges Netzwerk, das aus den Teilen des Organismus ein Ganzes formt, das alles mit allem verbindet, das Druck und Zug ebenso überträgt wie die Bewegung der Atmung und das so die Kommunikation der Strukturen untereinander ermöglicht, von der Hautoberfläche bis hinein in die Tiefe der Organe. "Wie ein Betttuch", sagt Johannes Fetzer. "Wird es unten glatt gezogen, bewegt es sich auch oben." Ein Grund, warum selbst feinste, kaum spürbare Reize eine tief greifende Wirkung haben können.

Doch nicht alle Griffe sind so sanft wie oft behauptet. Auch eine Erstverschlechterung kann eintreten. "Wenn massiv verspanntes Gewebe behandelt wird, erzeugt die einsetzende stärkere Durchblutung erst einmal noch mehr Spannung. Müdigkeit und eine leicht erhöhte Temperatur sind ebenfalls möglich. Das ist ein Zeichen dafür, dass Zellgifte ausgeschwemmt werden", sagt Hans-Christian Hogrefe. "Länger als ein bis zwei Tage dürfte das aber nicht andauern. Meist ist sofort eine Linderung der Beschwerden spürbar."

Osteopathie kann für den Körper harte Arbeit bedeuten

Dennoch: Osteopathie ist keine Wellness-Behandlung. Zwar lösen Berührungen, gerade am Kopf, Wohlbefinden aus. Arbeitet der Therapeut an den Faszien, kann das aber auch harte Arbeit für den Körper bedeuten. Denn über die Spannung in den Faszien können erfahrene Hände mögliche Auslöser für Beschwerden aufspüren. Diese Ursachenforschung kann durchaus zu lange zurückliegenden Unfällen, Operationen und Verletzungen, sogar zu seelischen Traumata führen.

"Unser Körper gleicht einem Computer. Er besitzt eine ungeheure Speicherkapazität, nichts wird vergessen", sagt der bekannte Osteopath Jean-Pierre Barral aus Grenoble. "Bei einer Verletzung speichert das Gehirn eine unendliche Menge an Informationen. Ist der Schmerz erst einmal vergangen und das Gelenk wiederhergestellt, kann die ‚Speicherdatei' der Verletzung zu einer Veränderung unserer Haltung führen." Durch die Arbeit an den Faszien kommt neue Bewegung in den Körper. So hat er die Chance, sich mit den "Altlasten" auseinanderzusetzen - physisch wie psychisch. Erinnerungen können hochkommen. Osteopathen sprechen davon, dass in den Faszien "Emotionen stecken".

Wissenschaftliche Beweise gibt es nicht

Schulmediziner werden sich dieser Aussage kaum anschließen. Trotzdem erkennen inzwischen immer mehr von ihnen die Möglichkeiten, die die Osteopathie bietet. Studien zeigen, dass die Behandlungen bei einer Reihe von Beschwerden wirksam sein können, vor allem bei Rücken- und Gelenkproblemen, chronischen Schmerzen, Fibromyalgie. Auch bei Magen-Darm-Beschwerden, Regelschmerzen, Schwindel und Inkontinenz können die gezielten Handgriffe helfen. Bedingung ist jedoch immer, dass der Körper noch in der Lage ist, sich zu regenerieren, seine Selbstheilungskräfte zu entfalten.

Notfälle, schwere und akute, vor allem lebensbedrohliche Erkrankungen gehören nicht in die Verantwortung eines Osteopathen. Sinnvoll ergänzen kann die Osteopathie die Schulmedizin jedoch oft. "Ein Versuch lohnt sich fast immer", sagt Hans-Christian Hogrefe. "Sogar bei einer Tumorerkrankung im letzten Stadium lässt sich damit das Wohlbefinden, wenn auch nicht die Prognose, des Patienten verbessern." Wichtige Voraussetzungen sind für den Mediziner allerdings eine umfassende und detaillierte Diagnostik vor Beginn der Behandlung und ein qualifizierter, medizinisch gut ausgebildeter Therapeut. Das Risiko von möglichen Schäden durch die Behandlung ist sonst zu groß. Allein mit dem entsprechenden Fachwissen können die Techniken im Verborgenen ihre Wirkung entfalten und die "Lenzpumpen" des Körpers wieder flottmachen. Nur in den richtigen Händen ist Osteopathie mehr als Handauflegen.

Gut zu wissen

• Geeignet ist die Osteopathie für alle, die keine Scheu vor Berührungen haben und bereit sind, sich auf einen Therapeuten oder eine Therapeutin einzulassen. Vor einer Behandlung sind eine exakte schulmedizinische Diagnostik (je nach Beschwerden inklusive Laborwerten, Röntgenbild, MRT etc.) und eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) wichtig. Auch lange zurückliegende Unfälle, Verletzungen und Operationen sollten dem Therapeuten mitgeteilt werden. • Eine osteopathische Behandlung dauert zwischen 45 und 60 Minuten. Der Körper kann noch zwei bis drei Wochen lang darauf reagieren. Wie viele Therapiesitzungen insgesamt nötig sind, hängt von den jeweiligen Beschwerden ab. Je akuter und je schwerer eine Krankheit ist, desto häufiger muss Osteopathie angewandt werden. Nach vier bis sechs Terminen sollte zumindest eine erste Besserung der Symptome zu spüren sein. • 60 bis 120 Euro kostet eine Behandlung. Private Krankenkassen tragen, je nach Tarif, eventuell die Kosten. Einige gesetzliche Kassen bezahlen Osteopathie inzwischen ebenfalls, allerdings sind die Regelungen von Kasse zu Kasse sehr unterschiedlich (auf jeden Fall nachfragen). Außerdem wird nicht immer auf die Qualität der Therapeuten geachtet. • Die Berufsbezeichnung "Osteopath" ist in Deutschland nicht geschützt. Neben Ärzten und Heilpraktikern mit einer entsprechenden Zusatzausbildung bieten auch Physiotherapeuten Osteopathie an; sie dürfen aber nur auf Anweisung eines Arztes behandeln. Adressen von Therapeuten mit einer professionellen, hochwertigen Ausbildung und weitere Informationen gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin e.V. (DGOM),www.dgom.info , und beim Verband der Osteopathen Deutschland e.V. (VOD), www.osteopathie.de.

Text: Monika Murphy-Witt Ein Artikel aus der BRIGITTE WOMAN

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe FRau Murphy-Witt, es war der Hüftbeuger in Ihrem Bauch nicht der Strecker
Bild Montagsnl

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