So werden Sie schnell wieder gesund

Nicht mehr krank, aber auch noch nicht wieder fit: Wie schnell werden wir nach einem Infekt wieder gesund? Und was braucht der Körper, um neue Stärke zu gewinnen?

Achtzehn Stufen, erster Stock. Mein Herz hämmert zum Zerspringen. Ich bekomme kaum Luft, kalter Schweiß steht auf der Stirn. Die Beine fühlen sich an wie Gummi. Ich muss eine Pause machen. Achtzehn Stufen, zweiter Stock - dasselbe Trauerspiel. Endlich in der Wohnung, muss ich mich, noch in Mantel und Schuhen, erst mal hinsetzen. Wie eine steinalte Frau. Ständig diese Kraftlosigkeit, diese bleierne Müdigkeit, das Gefühl, den Alltag nicht zu schaffen. So geht das nun schon fast eine Woche. Klar, der Darminfekt durch einen Norovirus war heftig. Aber mein Körper muss sich davon doch schon längst erholt haben! Kein Fieber, kein Durchfall mehr. Eigentlich bin ich wieder gesund - trotzdem fühle ich mich hundeelend.

Bin ich gesund und krank zugleich?

Ein Mensch ist gesund, wenn seine körperlichen, mentalen, seelischen und sozialen Funktionen nicht beeinträchtigt sind. So die "Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit", die die Weltgesundheitsorganisation in Genf 2001 herausgegeben hat. Gesunde können sich danach in jedem Lebensbereich entfalten und all das tun, was von jemandem ohne Gesundheitsprobleme erwartet werden kann.

Nach dieser Definition bin ich noch krank. Von Entfaltung ist bei mir keine Spur. Ich schaffe ja nicht mal zwei Stockwerke in einem Rutsch. "Gesundheit ist ein abstrakter Idealbegriff. Die Salutogenese, die sich mit der Frage nach der Entstehung von Gesundheit beschäftigt, spricht in diesem Zusammenhang lieber von gesunder Selbstregulation", sagt Theodor Dierk Petzold, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Sie ist ununterbrochen aktiv, damit wir uns dem Idealbild von Gesundheit annähern. Jeder Herzschlag, jeder Atemzug, jede Bewegung sorgt dafür, dass wir uns gesund entwickeln", so Petzold.

So werden Sie schnell wieder gesund

Auf der Ebene der abstrakten Begriffe "Gesundheit" und "Krankheit" gebe es keine Übergänge. In der Realität sehe das anders aus. Da verbinde der Genesungsprozess das Kranksein mit dem Gesundsein. In diesem dynamischen Prozess nähert der Organismus sich - laut der Salutogenese-Lehre - neu an. Symptome wie Fieber, Schwellung der Lymphknoten oder Schmerzen sind Zeichen des Gesundwerdens. Sie zeigen, dass das Immunsystem kämpft, um den Körper von Krankheitserregern zu befreien. Kranksein und Gesundsein gehören als Rhythmus einer gesunden Selbstregulation zusammen wie Ebbe und Flut.

Ich bin nicht krank, mein Körper ist rekonvaleszent.

Er sortiert sich wieder hin zum vollkommenen Fitsein. Fein, aber auf dem Damm bin ich trotzdem nicht. Das sei in meinem Zustand völlig normal, beruhigt mich Dr. Andreas Goyert, Internist an der anthroposophischen Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden. Denn in der Rekonvaleszenz-Phase finden überall im Körper Reparatur- und Regenerationsvorgänge statt. "Am Ort der Infektion, zum Beispiel in Darm, Blase oder Bronchien, hat der Organismus sich mit Krankheitserregern auseinandergesetzt. Während dieser Immunantwort kommt es zu einem Entzündungsprozess. Er verursacht Störungen und Verletzungen der Organstrukturen, und die müssen erneuert und wiederhergestellt werden." Dabei fallen geschädigte Zellen und Stoffwechselprodukte an, von denen der Körper sich befreien muss.

Aufgeräumt und repariert wird oft sogar bis in die Gene, die etwa durch eine Viruserkrankung verändert werden können. "Vergleicht man Krankheit mit einem Unwetter, das Schäden wie geknickte Äste oder entwurzelte Bäume anrichtet, entsprechen die Aufräumarbeiten dieser Sturmschäden dem Genesungsprozess", beschreibt der Chefarzt der Kneipp'schen Stiftungen in Bad Wörishofen, Dr. Hans-Jörg Ohlert, den heilsamen Übergang von der Krankheit zur Gesundheit. Außerdem muss das Immunsystem als molekulare Antwort auf den Kontakt mit Keimen Antikörper bilden. Dafür benötigt es viel Energie. Da verwundert es nicht, dass Genesende sich schlapp, müde und unkonzentriert fühlen und bei der kleinsten Anstrengung Probleme haben.

Nach einer Krankheit fehlt dem Körper die Kraft für den Alltag.

"Wer mehrere Tage das Bett hüten musste, verliert Muskelkraft und Kondition. Obendrein wird das Herz-Kreislauf-System belastet. Auch das reduziert vorübergehend die Leistungsfähigkeit", bestätigt Dr. Felix Joyonto Saha, Oberarzt an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. Je tiefgreifender und umfangreicher der körperliche Flurschaden, desto länger braucht man, um wieder auf die Beine zu kommen. Nach einem banalen wie einer Erkältung dauert es im Schnitt sieben Tage, nach einer Lungenentzündung vier oder sogar sechs Wochen. Als Faustregel gilt: Zur Dauer der akuten Krankheitsphase kommt noch einmal dieselbe Zeit für die Genesungsphase hinzu.

Ich fange an zu rechnen: Sieben Tage war ich krank, fast eine Woche quäle ich mich schon durch meine Pflichten - dann müsste ich ja bald über den Berg sein! Doch nur in Schonhaltung abzuwarten, bis sich der Körper von selbst wieder in seine gesunde Mitte bringt, reicht nicht. In der Genesungsphase muss er besonders unterstützt werden. "Ähnlich wie ein guter Gärtner durch Pflege der Beete das Gedeihen seiner Pflanzen fördert, sollten Sie jetzt optimale Bedingungen für die Entfaltung Ihrer Selbstheilungskräfte schaffen", betont der anthroposophische Arzt Andreas Goyert.

Dazu gehört in erster Linie ausreichend Schlaf. Er ist die beste Ruhe- und Regenerationspause. Acht Stunden sollten es während der Genesungszeit schon sein. Bekommt der Körper genügend Tiefschlafphasen, kann sich das Immunsystem erholen. Es bildet vermehrt spezielle weiße Blutkörperchen, die Killer- und Fresszellen, und die Zellteilung läuft bis zu zehnmal schneller ab. Notwendige Reparaturarbeiten können blitzschnell erledigt werden.

Der Körper braucht in der Rekonvaleszenz außer Ruhe auch Anreize.

"Er sollte gefordert werden, jeden Tag ein wenig mehr - aber nicht überfordert", rät Naturmediziner Felix Joyonto Saha. "Das verlangt ein gutes Gespür für die Bedürfnisse des eigenen Körpers und ein verstärktes In-sich-hinein-Horchen." Der perfekte Start in ein sanftes Fitnessprogramm ist ein gemütlicher Spaziergang. Anfangs reichen zehn Minuten, von Tag zu Tag können fünf Minuten dazukommen. Kneipparzt Hans-Jörg Ohlert empfiehlt außerdem eine "Sauerstoffdusche" durch regelmäßige Atemübungen, bei denen sich die Lungenflügel maximal entfalten.

Ein weiterer wichtiger Genesungsfaktor ist die Ernährung: Auf dem Speiseplan sollten wenig belastende Fette, wie zum Beispiel in Schweinefleisch, stehen. Stattdessen viel Obst und Gemüse, pflanzliche Öle wie Lein- und Distelöl, fettarmes Fleisch wie Huhn und Fisch, Soja-Produkte, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Reis. "Wer Antibiotika eingenommen hat, sollte die Bakterien im Dickdarm, die für das Immunsystem von entscheidender Bedeutung sind, wieder aufbauen. Das gelingt zum Beispiel mit milchsauer vergorenem Gemüse, probiotischem Joghurt oder Brottrunk", empfiehlt Felix Joyonto Saha.

Kaffee, schwarzer Tee, Alkohol, Zucker und Nikotin tun dem Immunsystem im Moment überhaupt nicht gut. Dafür braucht es mindestens zwei bis zweieinhalb Liter Flüssigkeit, um die Filterfunktion der Nieren anzukurbeln. Warmer Kräutertee hilft dabei besser als kaltes Mineralwasser oder Fruchtsäfte. "Die Entgiftungsarbeit der Leber unterstützt ein Schafgarbenwickel. Und zusätzlich ein Mariendistel-Präparat", rät Andreas Goyert. Da der Wärmehaushalt des Körpers nach einer Erkrankung noch nicht wieder im Lot ist, sollten die Füße immer in mollig warmen Socken stecken. Ein tägliches Senfmehl-Fußbad heizt ebenfalls ein, um erneuten Infekten vorzubeugen.

Alle diese Maßnahmen helfen nicht nur, schneller gesund zu werden, sie sind auch ein erster Schritt in eine bessere Selbstfürsorge: Sich Zeit für sich nehmen, sich um sich kümmern, auf seine Gesundheit und persönlichen Kraftressourcen achten - das tut gut, gerade jetzt. Nicht zuletzt liegt im Innehalten und Rückzug aus der Hektik des Alltags die Chance, sich mit der eigenen körperlichen Schwäche auseinanderzusetzen. "Und in Ruhe und Achtsamkeit nachzuspüren, ob es vielleicht an der Zeit ist, seine Gewohnheiten zu ändern, gesünder zu leben, mehr auf seine innere und äußere Stimmigkeit zu achten", gibt Allgemeinmediziner Theodor Dierk Petzold zu bedenken. "Das sollte sich nicht nur auf die Ernährung oder die sportliche Aktivität beziehen. Betrachten Sie ruhig einmal Ihren beruflichen Tagesablauf oder Ihren Freundeskreis. Ist das Ihrer Gesundheit zuträglich?"

Auch ich habe mein Leben auf den Prüfstand gestellt. Und die erfüllende Erfahrung gemacht: Wer die Zeit der Rekonvaleszenz als Beginn eines ausbalancierten Lebens nutzt, wird ganzheitlich erstarken - genau so, wie es die lateinische Bedeutung des Wortes "reconvalescere" verspricht.

Text: Susanne Schütte Ein Artikel aus der BRIGITTE Woman 01/15

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