Das grenzt an Gotteslästerung

Der Kult um "Per Anhalter durch die Galaxis" geht mit einem neuen Autor weiter: Eoin Colfer hat es gewagt, eine Fortsetzung des Klassikers zu schreiben.

Als der Weltraum an einem freundlichen Tag im August 2008 nach Wexford kam, hatte Eoin Colfer Nein gesagt. Genau genommen hatte er erschrocken die blauen Augen aufgerissen und gesagt: "Nein, nein, nein. Oh nein. Und noch mal nein. Auf keinen Fall mache ich das. Es geht mir gut, meine Karriere als Schriftsteller läuft toll, ich habe 16 Millionen Bücher verkauft - warum sollte ich mir das antun?" Eoin Colfer hatte ein Telefon in der Hand, als er das sagte, am anderen Ende war seine Agentin in London, die ihm Sekunden zuvor ein geradezu irrwitziges Angebot unterbreitet hatte: Er solle einen sechsten Band für die "Per Anhalter durch die Galaxis"-Reihe schreiben. Das Werk des genialen Autors Douglas Adams fortführen. Millionen von "Anhalter"- Fans weltweit Nachschub liefern. Der Ire Colfer, der von sich selbst behauptet, es mangele ihm nie an Fantasie, kann sich grundsätzlich fast alles vorstellen. Das nicht, beim besten Willen.

Eoin Colfer: Wer wird sich denn da hinter einer Sessellehne verstecken? Eoin Colfer im legendären "Egg Chair" von Arne Jacobsen, designt im "Per Anhalter durch die Galaxis"-Stil

Wer wird sich denn da hinter einer Sessellehne verstecken? Eoin Colfer im legendären "Egg Chair" von Arne Jacobsen, designt im "Per Anhalter durch die Galaxis"-Stil

Verstehen kann man ihn. Man stellt sich ja als Autor auch nicht hin und sagt: "Die 'Herr der Ringe'-Trilogie endet irgendwie unrund, da muss ein viertes Buch her." Niemand würde einen achten Harry-Potter-Band aus dem Hut zaubern, nicht mal Joanne K. Rowling. Der Bibel ein fünftes Evangelium anheften? Das würde doch für ziemliche Verstimmung sorgen unter den Christen. Und diese Vergleiche sind nicht übertrieben: "Per Anhalter durch die Galaxis" ist nicht nur literarischer Kult bei der Generation 40 plus - die Reihe und ihr Schöpfer Douglas Adams werden von mehreren Dutzend Millionen Menschen quer durch das Universum derart uneingeschränkt verehrt, dass es quasi religiöse Züge trägt. Der erste und titelgebende Band der Serie erschien 1979 in England, der letzte - auf Deutsch "Einmal Rupert und zurück" - 1992. Gut 20 Millionen Bücher sind weltweit verkauft worden, es gibt eine Hörspiel-, eine Fernsehserie und einen Kinofilm. Der Engländer Douglas Adams hat sich und seinen Fans mit diesen Büchern ein spektakuläres Science- Fiction-Universum zusammengebastelt, das an schräger und tiefgründiger Komik kaum zu schlagen ist. Die Hauptfigur ist Arthur Dent, ein blasser, langweiliger Engländer, der eines Tages feststellen muss, dass sein Planet von Vogonen, einem unausstehlichen Weltraum-Volk, für eine interstellare Umgehungsstraße gesprengt wird. Zum Glück entpuppt sich sein kauziger Freund Ford Prefect als Außerirdischer, dank seiner Hilfe überlebt Arthur als einer von zwei Menschen. Ford arbeitet darüber hinaus als Reporter für den Reiseführer "Per Anhalter durch die Galaxis", das erfolgreichste Buch des Universums, das fortan auch Arthur wertvolle Informationen über seine neue Umgebung liefert. Es folgt eine rastlose, nonsensgetriebene Nonstop-Reise durch die Weiten des Weltraums, durch Paralleluniversen und Zeitdimensionen (in denen die Erde leider immer wieder zerstört wird), begleitet vom narzisstischen Präsidenten der Galaxis, Zaphod Beeblebrox, seinem depressiven Roboter Marvin und der zweiten menschlichen Überlebenden Tricia McMillan, gejagt von den bürokratischen Vogonen, die jeden Auftrag gewissenhaft zu Ende bringen, und der zur Ausrottung aller Erdbewohnung ist nun einmal noch nicht abgeschlossen. Bis zum bitteren Ende von Band fünf. Da scheint es plötzlich keine Rettung mehr zu geben. Es ist ein düsteres, trauriges, hoffnungsloses Ende für eine Reihe, deren Witz und funkensprühende Fantasie das Lesen und Schreiben so vieler Menschen verändert hat. Douglas Adams war selbst nicht glücklich damit. Er wollte einen sechsten Band schreiben, einen, der versöhnlicher würde, mit einem positiven Ende. Und dann fiel er tot um, mit 49, ein Herzinfarkt, in einem Fitnessstudio in Santa Barbara. Das war am 11. Mai 2001.

Eoin Colfer ist kein mutiger Mann

Sieben Jahre später nun überlegte Adams' Agent, was man 2009 zum 30. Jahrestag des Erscheinens von "Per Anhalter durch die Galaxis" machen könnte. Er überlegte laut, und zufällig war eine Kollegin anwesend, die Agentin von Eoin Colfer. Ihr Klient hatte sich seit Anfang des Jahrtausends weltweit einen Namen als besonders origineller Jugendbuchautor gemacht, seine Reihe um den genialen jugendlichen Gentleman- Verbrecher Artemis Fowl hat sich beinahe genauso gut verkauft wie die "Anhalter"-Bücher. Sie fragte: "Warum schreibt Eoin nicht das sechste Buch?" Der Agent war sofort entfesselt für diese Idee, schnappte sich ein paar Bücher von Colfer, flog nach Kalifornien und klingelte an der Tür von Jane Belson, der Witwe von Douglas Adams. Er erzählte von der Idee eines sechsten Bandes und dass er sich Colfer wunderbar als Autor dafür vorstellen könne, er hätte hier ein paar Bücher, die er zur Ansicht dalassen könnte. Das, sagte Jane Belson, sei nicht nötig. Sie und ihre Tochter hätten ohnehin alles von Eoin Colfer gemeinsam gelesen und ja, das sei wirklich eine tolle Idee.

Die Handlung des Romans? Nebensache...

Wenig später klingelte in Wexford, einem ebenso kleinen wie bezaubernden Städtchen im Südosten der Republik Irland, das Telefon, und Eoin Colfer sagte Nein. Es erschien ihm wie ein Sakrileg, denn es ging doch um das Erbe von Douglas Adams, dem Genie, dem Querkopf, dem Visionär. Colfer dachte an das Haifischbecken, in das er springen müsste, mitten hinein in die Masse fanatischer "Anhalter"-Fans. Menschen, die auf der Straße laut "42!" rufen und garantiert zustimmendes Gejohle ernten - "42" ist im ersten Buch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, des Universums und des ganzen Rests, die der Computer Deep Thought nach mehreren Millionen Jahren Nachdenkens endlich ausspuckt. (Nur dass damit niemand etwas anfangen kann, weil sie so präzise wie kryptisch ist.) Diese Menschen begehen auch weltweit am 25. Mai jeden Jahres den "Towel Day", den Handtuch-Tag - das nämlich ist die wichtigste Regel für Weltraum-Anhalter: immer ein Handtuch dabeihaben. Und sie unterschreiben ihre Briefe mit "Keine Panik!", dem gut gemeinten Rat, der auf der Rückseite des Original-"Anhalters" steht.

Eoin Colfer ist kein mutiger Mann, das sagt er selbst. Dass aus seinem Nein nach zwei Wochen Bedenkzeit schließlich doch ein Ja wurde - "ehrlich gesagt, das verblüfft mich immer noch selbst". Aber nach dem ersten Schrecken sickerte langsam die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass er hier die Chance bekam, ein Stück Weltliteratur zu bereichern. Aber trotzdem: "Es war nicht diese Art von Entscheidung, von der man dann auch komplett überzeugt ist. Ich bin oft danach morgens aufgewacht und habe gedacht: miese Idee. Ganz miese Idee. Manchmal denke ich das jetzt noch. Aber meine Nervosität ist kein guter Grund, etwas nicht zu tun." Colfer ist 44 Jahre alt, aber er würde auch glatt für zehn Jahre älter durchgehen. Er ist klein und schmächtig und in erster Linie grau: seine Haare, sein freundliches, runzliges, graues Gesicht. Er bewegt sich unauffällig, es gelingt ihm sogar, nicht weiter aufzufallen, wenn er in Wexford unterwegs ist, dieser Stadt mit ihren nicht mal 9000 Einwohnern, deren berühmtester Sohn er ist. Colfer war früher Lehrer, auch im Ausland, in Saudi-Arabien, Italien, Tunesien. 2001 erschien der erste Band der "Artemis Fowl"- Reihe. Und das hat sein Leben kom plettgeändert. Plötzlichkonnte er vom Schreiben leben, gut leben sogar, ein Traum. Er geht jetzt morgens nicht mehr in die Schule, sondern schickt nur noch seine beiden Jungs von sechs und zwölf Jahren dorthin, gibt seiner Frau und Jugendliebe Jackie einen Kuss und wandert in den Anbau des Hauses, für mindestens sechs Stunden. Dort schreibt Eoin Colfer, entwirft eine Welt unter der Erdkruste oder in entlegenen Spiralarmen der Galaxis.

Die Charaktere sind nicht gerade irre tiefsinnig

Noch im August 2008 fing er mit "Und übrigens noch was ..." an. Er hätte auch die Notizen von Douglas Adams haben können, die sich dieser zum sechsten Band gemacht hatte. Colfer wollte sie nicht haben. "Eine Idee für den 'Anhalter' hatte ich sehr schnell, weil ich mir schon vor 15 Jahren darüber Gedanken gemacht habe - das fünfte Buch von Adams endet so unbefriedigend, dass ich mich damals schon gefragt hatte, wie es wohl weitergehen könnte", sagt er. Als befreiend habe er es empfunden, mit vorhandenem Personal, schon gesponnenen Beziehungen arbeiten zu können, sagt Colfer. Aber er hat Neben- zu Hauptrollen gemacht, zum Beispiel den Wowbagger - einen lebensmüden Unsterb lichen, der dafür berühmt ist, von Planet zu Planet zu reisen und Leute möglichst übel zu beleidigen, in der Hoffnung, es wäre einer dabei, der ihn dafür umbringt. Oder Thor, ein Gott auf Arbeitssuche, was aufgrund eines kompromittierenden Internetvideos ziemlich schwierig ist. Neu dabei ist der irische Verwaltungschef Hillman Hunter, der einem erdähnlichen Planeten vorsteht und gerade einen Gott dafür einstellen will. "Freundliche Außenseiter allesamt", sagt der Autor, "es gibt keine stromlinienförmigen Helden, die gab es nie im 'Anhalter'- Universum." Eine Qualitätskontrolle hat er auch eingebaut: "Mich als 18-jährigen Erstleser der Bücher von Douglas Adams", sagt Colfer. "Damals war ich zynisch, sarkastisch, kritisch und ohne jede Gnade in meinem Urteil. Ich habe mir gedacht: Wenn ich an meinem 18-jährigen Ich vorbeikomme, dann wird es ein gutes Buch."

Und das ist es geworden. Die Handlung? Ist letztlich Nebensache. Wie in bisher jedem Band suchen Arthur Dent, Tricia McMillan und deren Tochter Random nach einem Planeten, der ihnen die Erde ersetzen könnte, und flüchten vor den Vogonen. Aber das ist bloß der Rahmen für einen herrlich skurrilen Mix aus überdrehten, allzu menschlichen Aliens und der Beschreibung seltsamer ferner Welten. "Die Charaktere sind nicht gerade irre tiefsinnig", sagt Colfer, "das hier ist immer noch der 'Anhalter' und nicht 'Krieg und Frieden'."

Sein Stil, Geschichten zu erzählen, ist traditioneller als der von Douglas Adams, der noch einen Tick verrückter war. Aber trotzdem: Es ist verblüffend, wie nahtlos und reibungsfrei sich "Und übrigens noch was ..." in das so homogene "Anhalter"-Universum einfügt. Dafür müsste man ihn eigentlich feiern. Aber er ist sich da nicht so sicher. Eoin Colfer sitzt in einem "Egg Chair" im Lost Weekend, einem kleinen exklusiven Möbelladen mitten in Wexford. Das Geschäft gehört seinem Freund Declan, dessen Frau hat eine Serie der legendären Sessel von Arne Jacobsen im "Per Anhalter durch die Galaxis"-Stil designt, limitierte Aufl age, natürlich 42 Stück. Er dreht sich ein bisschen im Ausstellungsstück, das mitsoll auf Lese reise. "Ich hoffe, dass das Buch gut ankommt, und die Zeichen stehen gut", sagt er, "aber ich weiß, dass es Leute geben wird, die das Buch hassen werden. Weil sie es hassen wollen. Und die werden zu den Lesungen kommen. Sie werden es lesen, um es zu hassen, und kommen dann, um es mir zu sagen." Irgendwelche Strategien im Umgang damit, Eoin? Ach, sagt er und grinst und verschiebt damit all seine Falten, sein Gesicht bekommt sofort eine andere Topografie: "Ich war 15 Jahre Lehrer, und ich bin ganz gut darin, Leute vor versammelter Mannschaft zur Sau zu machen." Er zuckt mit den Schultern. "Aber das ist das vorletzte Mittel", sagt Eoin Colfer, "das letzte ist: weinen und durch den Hinterausgang verschwinden." Und auch dann gilt, was Douglas Adams einst in Stein meißelte: Keine Panik!

Eoin Colfer: Das grenzt an Gotteslästerung

Eoin Colfer: "Und übrigens noch was..." (Ü: Gunnar Kwisinski, 416 S., 19,95 Euro, Heyne)

Text: Stephan Bartels Fotos: Stefan Volk

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