Tagebuch eines Verführers

Mit 89 Jahren fängt das Leben nicht gerade an. Das heißt aber nicht, dass die Erotik im Alter verschwindet. Die Tagebücher des Franzosen Marcel Mathiot feiern die hochbetagte Liebe.

Drei Tage habe ich mich von deinem Rausch mitreißen lassen. Diese Nacht verbringe ich nicht mit dir, Mado. Ich habe Angst, mich völlig zu verausgaben." Als Marcel Mathiot diese Zeilen in sein Tagebuch schreibt, ist er 89 Jahre alt. Ein halbes Jahr zuvor ist, nach beinah 70 Jahren Ehe, seine Frau Kiki gestorben, und obwohl Mathiot von Herzen um sie getrauert hat, will er sich nicht als einsamer Witwer fühlen. Lieber wieder Junggeselle sein. Da trifft es sich gut, dass es in seinem langen und ausschweifenden Liebesleben immer schon viele Frauen gegeben hat, und genau die ruft er auch jetzt einfach wieder an: "Mado, die Fleischeslust; Hélène, die große Liebe meines Lebens; Louise, die sich Fantasien hingibt; Lili, geistige Harmonie und unendliche Zärtlichkeit."

Bis zu seinem Tod im Jahr 2004 mit 93 Jahren war Marcel Mathiot, Dorfschulmeister im französischen Contigné, nicht nur ein begeisterter Liebhaber, sondern auch ein leidenschaftlicher Chronist. Seit seinem 16. Lebensjahr führte er : über 21 000 Seiten, gefüllt mit den Träumen der Jugend und denen des Alters, mit Sehnsüchten und Erinnerungen, mit Alltagsbeobachtungen und Überlegungen, voller Humor, Herzlichkeit, Neugier und Glück. Und voller Liebe. Noch nie wurde so offen und charmant von der hochbetagten Liebe in all ihren Facetten geschrieben, "von flüchtiger Verliebtheit bis zur leidenschaftlichen Verrücktheit, von zartester geistiger Liebe bis zur nackten Fleischeslust".

Erotik im Alter: Monsieur Mathiot war ewig verliebt

Erotik im Alter: Marcel Mathiot am 1. Mai 1999. Da war er 89 - und hatte die Maiglöckchen nicht für sich selbst gekauft.

Marcel Mathiot am 1. Mai 1999. Da war er 89 - und hatte die Maiglöckchen nicht für sich selbst gekauft.

Entdeckt hat diesen Schatz die französische Rundfunk- Journalistin Claire Hauter. Sie war auf Marcel Mathiot neugierig geworden, als er einige Male nach ihren Radiosendungen angerufen und - dezidiert und pointiert - etwas zu dem gesagt hatte, was zuvor zu hören gewesen war. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, verabredeten einen Besuch, aus dem Claire Hauter eine weitere Sendung machte, eine rührende halbe Stunde, in der Marcel Mathiot aus seinem Leben erzählt, mit der heiseren, verwitterten Stimme eines Greises, in der aber eine verblüffende Jugend mitschwingt, ein Timbre von Lebenslust, Begeisterungsfähigkeit und Glück.

Die beiden hörten alte Chansons, summten und sangen mit, Marcel Mathiot erinnerte sich an die jungen Jahre, an die Liebe, seufzte ein paarmal, gluckste häufiger vor Vergnügen. Und las schließlich auch aus seinen Tagebüchern vor. "Ich muss einfach schreiben, ich kann nicht anders", sagte er damals in der Sendung, "und beim Lesen sehe ich dann alles noch einmal vor mir, ich erlebe es noch einmal." Eigentlich, hatte Claire danach zu Marcel Mathiot gesagt, eigentlich müsste man diese Tagebücher veröffentlichen. Und Marcel Mathiot hatte sich geziert, natürlich. Aber doch immerhin verfügt, dass die Journalistin es nach seinem Tod dürfte - mit Einwilligung seiner Kinder. Sie hat es gemacht, zusammen mit dem Schriftsteller Bernard Fillaire hat sie alle 21 000 handschriftlichen Seiten gelesen, katalogisiert und verschlagwortet. Nach sieben Monaten Arbeit konnte sie so schließlich ein wunderbares Buch zusammenstellen, in dem die wichtigsten Einträge der letzten 40 Monate im Leben Marcel Mathiots an den passenden Stellen um Notate aus früheren Jahren ergänzt sind. Sie zeigen, wie Erinnerung im Alter und Erfahrung von einst ineinandergreifen, wie Marcel Mathiot dank seiner Tagebücher in allen Lebensaltern zugleich lebte, welche Geschichte und Gegengeschichte seine Gedanken zuweilen haben.

In Contigné, dem 800-Seelen-Nest zwischen und dem Atlantik, in dem Marcel Mathiot lebte, sorgten die "Carnets d'un vieil amoureux", die "Notizhefte eines alten Liebenden", für Empörung, als sie vor zwei Jahren erschienen. So kannte man den Dorfschullehrer, Gemeindeschreiber und langjährigen stellvertretenden Bürgermeister ja gar nicht, und so wollte man ihn auch nicht kennen! Im übrigen Frankreich wurden die Tagebücher, die nun auch ins Deutsche übersetzt wurden, als literarische Überraschung gefeiert.

Erotik im Alter: Mathiot mit seiner Frau Kiki: Das Bild links zeigt sie 1996 auf einem heißen Ofen, rechts 1930 frisch verlobt im Strandurlaub. In der Mitte: BRIGITTE-WOMAN-Autor Fridtjof Küchemann mit Mathiots Sohn Jean und Herausgeberin Claire Hauter.

Mathiot mit seiner Frau Kiki: Das Bild links zeigt sie 1996 auf einem heißen Ofen, rechts 1930 frisch verlobt im Strandurlaub. In der Mitte: BRIGITTE-WOMAN-Autor Fridtjof Küchemann mit Mathiots Sohn Jean und Herausgeberin Claire Hauter.

"Für mich hat sich immer alles um die Liebe gedreht", schreibt Marcel Mathiot. Und am Ende seines Lebens dreht es sich mehr darum als je zuvor. Wenn er sich mit seiner Mado trifft - die seit 1946 seine Dauergeliebte ist, wie sich herausstellt -, notiert er anschließend: "Du begehrst mich so leidenschaftlich, dass es mich erschreckt." Oder, als er sie einmal im Krankenhaus besucht, stellt er ernüchtert fest: "Sie ist sehr alt geworden, hat allen Reiz verloren. Und doch kehrt das Verlangen zurück, wenn wir uns küssen, unsere Gesichter sich berühren. 'Ich habe Lust auf dich!' - 'Ich auch!'"

Erotik im Alter: "Ich habe Lust auf dich" - "Ich auch"

Über Lili - eine Seelenverwandtschaft, die platonisch geblieben ist - schreibt er: "Mit fast 90 Jahren träume ich von der unmöglichen Liebe zu einem kleinen Mädchen von 78 Jahren."

Und dann sind da noch Louise, Emmanuelle, Paulette, Sandrine..., vor allem aber Hélène, eine Liebe, die Marcels Ehe zweimal, 1940 und 1980, fast an den Abgrund führte. Im März 2000 erinnert sich Marcel daran, wie er mit Hélène ein letztes Mal zum geliebten Slowfox-Tanzen in Paris war: "Ich war über 70, sie war 62, und wir waren so jung! Wir waren die 'Kinder' geblieben, 'die sich lieben', die 1940 die Ausgangssperre ausgenutzt hatten, um sich zu küssen. Bin ich jemals alt geworden?"

Ja und nein - darin liegt der besondere Zauber seines Buches. Marcel Mathiot schreibt viel über das Alter, mit Würde und Stolz, ohne das körperliche Leiden und die schwindenden Kräfte auszuklammern. Aber er lässt sich nicht einengen in seinem Vergnügen, in seiner Lebenslust und seinem Humor: "Solange man nicht tot ist, hat man noch Zeit, jung zu sein."

Einmal weist man ihm mittags in der Brasserie den Platz neben einem großen Spiegel zu. "Warum hat man mich zu dem blöden Alten da gesetzt", empört sich Marcel Mathiot. "Er schaut mich dauernd an. Stellen Sie sich vor, ich würde so aussehen!" Die Kellnerin versteht den Scherz und kontert: "Zum Glück sehen Sie viel besser aus als er."

Marcels Mathiots ältester Sohn Jean blättert immer wieder gern in den Tagebüchern seines Vaters. Für ihn sind sie eine schöne Art, auch nach seinem Tod mit ihm in Kontakt zu bleiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Schockiert war er nicht, als er sie das erste Mal las. Aber er staunt noch heute darüber, welche öffentliche Aufmerksamkeit die Aufzeichnungen seines Vaters urplötzlich auf sich zogen. Trug er doch weder einen berühmten Namen, noch hatte er ein prominentes Amt inne.

Großer Fortschritt bei Mado, habe ihre hübschen Brüste kennengelernt.

Mit seiner Frau Minou ist er ins "Train Bleu", das prunkvolle Bahnhofs-Café in der Gare de Lyon gekommen, um Claire Hauter, die Herausgeberin und Entdeckerin seines Vaters, zu treffen. Jean Mathiot, ein ehemaliger Seemann von auch schon bald 70 Jahren, hat einen ganzen Rucksack voller Tagebücher seines Vaters mitgebracht, darunter das erste aus dem Jahr 1927, das, in schwarzes Moleskine geschlagen, wie ein Gebetbuch wirkt. Es setzt mit der rührenden Bitte ein, der Leser, wenn es je einen gäbe, möge Nachsicht mit dem Schreiber haben: "Wie Du bin ich ein Mensch, und alle Menschen haben ihre Schwächen. Vor allem, wenn sie jung sind." Der letzte Eintrag aus dem Jahr 2004 endet wenige Tage vor dem Tod des Verfassers, mitten im Wort: "Pers" steht da geschrieben - der Beginn des Worts "Personne", niemand.

Als Jean Mathiot den Tisch für einen Moment verlässt, beugt seine Frau Minou sich vor: Ihre Schwiegermutter Kiki komme vielleicht etwas zu schlecht weg in dem Buch, sagt sie. Dabei habe Kiki um das promiske Treiben ihres Mannes natürlich die ganze Zeit gewusst. Außerdem habe sie ebenfalls geschrieben: Gedichte. Und auch Jean findet beim Blättern Stellen aus den 30er Jahren, in denen Marcel voller Liebe und Hingabe über Kiki schreibt, die er gerade kennen gelernt hat und bald darauf nach einigem Zögern heiraten wird: "Es muss einem den Atem verschlagen, wenn man mit diesem jungen Mädchen allein ist." Marcel hat immer wieder bedauert, geheiratet zu haben, Kikis Tod hat er zugleich betrauert und als Befreiung erlebt. Aber, das ist den beiden wichtig: Er hat auch sie geliebt.

Dann tippt Jean auf eine Seite im letzten Heft und reicht es herüber. Claire Hauter schiebt es nach einem raschen Blick zurück. "Ich lese das jetzt nicht", sagt sie, und ihre helle, klare Stimme hat auf einmal etwas Festes, "es würde mich zu traurig machen." "Eine gute Überraschung", steht dort in dieser Handschrift, der man die Mühe des Schreibens ebenso ansieht wie die Eleganz, die sie einst hatte, "Claire Hauter ist zu Besuch gekommen." Es war das letzte Mal, dass sich die beiden, längst Freunde geworden, sehen sollten. Auch Claire hat ein Büchlein mitgebracht, in dem sie sich während der Arbeit an den "Carnets" Notizen gemacht hat. Den Arbeitstitel hat sie auf den Umschlag geschrieben: "Carnets d'un homme heureux" sollte das Buch heißen. "Ja", sagt Claire Hauter, "so habe ich ihn immer gesehen: als einen glücklichen Menschen."

Erotik im Alter: Tagebuch eines Verführers

Marcel Mathiot: "Die erotischen Abenteuer des Monsieur Mathiot" (Ü: Xenia Osthelder und Andrea Spingler), 352 Seiten, 19,95 Euro, Pendo.

Text: Fridtjof Küchemann Foto: Minou Mathiot, s/w-Bilder entnommen aus "Die erotischen Abenteuer des Monsieur Mathiot"

Weitere Themen

Kommentare

Kommentare

    Unsere Empfehlungen

    Mode&BeautyNewsletter
    Anzeige
    Jetzt verlieben: Registrieren Sie sich kostenlos beim Testsieger!
    Bild Montagsnl

    Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

    Melde dich jetzt kostenlos an!

    Diesen Inhalt per E-Mail versenden

    Tagebuch eines Verführers

    Mit 89 Jahren fängt das Leben nicht gerade an. Das heißt aber nicht, dass die Erotik im Alter verschwindet. Die Tagebücher des Franzosen Marcel Mathiot feiern die hochbetagte Liebe.

    Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

    E-Mail wurde versendet
    Deine Mail konnte leider nicht versendet werden