Warum Frauen so gern ins Gestern reisen

Historische Romane sind Reisen in die Vergangenheit. Der Mix von Fakten und Fiktion schließt Lücken im Geschichtswissen und beschert guten Autorinnen hohe Auflagen.

Wer wissen will, wie lebendig Vergangenheit sein kann, der muss Brigitte Riebe besuchen. Sie wohnt in der Römerstraße, die sich lang und schmal durch Münchens Mitte schlängelt. Seit neun Jahren lebt die Schriftstellerin hier in einer lichten Altbauwohnung. Und wenn sie auf ihrem Sofa sitzt und mit schnellen Sätzen von der Antike ins Mittelalter eilt, wenn sie das Ständewesen erläutert, um anschließend die Geschichte ihres Hauses einzuschieben, das im Zweiten Weltkrieg fast abgebrannt wäre, dann steht das Gestern plötzlich mitten im Raum. "Die Vergangenheit beantwortet Fragen der Gegenwart", sagt Riebe und beginnt, von ihren Lesungen zu erzählen, bei denen die Leute manchmal bis weit nach Mitternacht bleiben, weil Riebe nebenbei das Koordinatensystem der Zivilisation erklärt. "Das sind dann die reinsten Geschichtswerkstätten", sagt die 54-Jährige, "ich nenne wichtige Daten und ziehe die großen Linien. Und dann werden die Leute immer ganz still und sagen ,Oh!' oder ,Ach so ist das'."

Seit 1990 verwandelt die promovierte Historikerin Geschichte in Geschichten und gehört mit Büchern wie "Straße der Sterne" zum Erfolgs-Sextett der deutschsprachigen Historien-Schriftstellerinnen. So wie Tanja Kinkel und Rebecca Gablé, wie Sabine Weigand, Petra Oelker und Helga Hegewisch erzielt Brigitte Riebe mit ihrem Mix aus exakter Recherche und Unterhaltung Millionenauflagen. Und während Experten erst glaubten, dass die Fans nur spannende Lektüre für kleine Alltagsfluchten suchen, weiß man mittlerweile, dass sie beim Lesen auch schlauer werden wollen.

Für gute historische Romane wird in Archiven recherchiert

"Ein guter historischer Roman vermittelt etwas, was man vorher nicht gewusst hat", erklärt Helga Hegewisch, 76, die das Grundrezept für Geschichtsromane durch einen literarischem Ton verfeinert: Im Idealfall gleichen ihre Bücher und die ihrer Kolleginnen einer Bildungsreise, die sich bequem vom Sofa aus unternehmen lässt.

Damit die Reise einen bleibenden Eindruck hinterlässt, achten die Reiseleiterinnen auf jedes Detail. Sie durchforsten Stadtarchive und Heimatmuseen nach uralten Dokumenten, sie versenken sich monatelang ins Internet oder ins Studium alter Adelsgeschlechter. "Die Recherche für einen Unterhaltungsroman dauert genauso lange wie die für ein akademisches Sachbuch", sagt die promovierte Historikerin Sabine Weigand, 46, die in Romanen wie "Das Perlenmedaillon" sogar historische Briefe zitiert, um das späte Mittelalter in Nürnberg und Venedig glaubwürdig darzustellen. Damit jede Kleinigkeit stimmt, beauftragen viele Autorinnen oft zusätzliche Rechercheure. "Die Kunst besteht allerdings darin, beim Schreiben nicht in die Informationsfalle zu tappen", sagt Helga Hegewisch. "Wenn man monatelang Material gesammelt hat, will man auch alles unterbringen. Das kann den Unterhaltungswert eines Buches beträchtlich hemmen." Deshalb müssen Fakten und Fiktion kunstvoll verwoben werden.

Allerdings darf man die Wahrheit dabei nicht ungestraft verbiegen. Denn die häufigste Frage an die Autorinnen ist: Stimmt das alles? Selbst wenn niemand je erfahren wird, was Menschen in früheren Jahrhunderten gefühlt und gedacht haben, soll eine Epoche so authentisch wie möglich wirken. Welche Stoffe haben die Menschen damals getragen? Was hat ein Brot gekostet? Die Leserinnen faszinieren besonders Fragen und Mühseligkeiten aus dem täglichen Leben – das interessiert im Zweifelsfall sogar mehr als der Aufstieg und Fall eines Königshauses.

Als Brigitte Riebe für die Präsentation ihres Romans "Liebe ist ein Kleid aus Feuer" einen Schmied einlud, der frühmittelalterliche Messerklingen und Alltagsgegenstände fertigte, drängelte sich das Publikum stundenlang in einem heißen, stickigen Raum, als könne der Mann Blei in Gold verwandeln. Niemand hatte mit dieser Ausdauer gerechnet: "Das hat etwas damit zu tun, dass Schmieden eine andere Sinnlichkeit hat als ein moderner Computerjob", vermutet Riebe.

Je mehr sich die Gegenwart in virtuellen Welten entstofflicht, umso größer ist das Interesse an der Haptik der Historie. Mehr als 80 Prozent der Historien-Fans sind Frauen, schätzen Insider der Buchbranche. Und auch die Protagonisten der Bücher sind meist weiblich – in ihren besten Momenten leisten gut recherchierte Romane einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung aus Frauensicht.

"Als Autorin kann man darauf hinweisen, dass es schon immer Frauen gegeben hat, die mehr waren als Dekoration oder Lustobjekt", sagt Tanja Kinkel, die bereits mit 22 Jahren den Historien-Bestseller "Die Löwin von Aquitanien" geschrieben hat. Eine Mischung aus Vergangenheit und zeitlosem Mut inspiriert die heute 38-Jährige zu Heldinnen, die weitaus differenzierter wirken als die Frauenfiguren, die sich rechtlos durch zahlreiche Billigschmöker schleppen. "Diese Opferrolle ist historisch nicht haltbar", ärgert sich Brigitte Riebe, "natürlich waren Epochen wie das Mittelalter von Männern dominiert, aber Frauen waren auch wertvoll. Es gab Eheverträge, Testamente und Zunftbestimmungen, die sie absicherten. Sie waren nicht per se rechtloses Gewürm, das von Männern nur getreten wurde."

Eine vergangene Epoche nach den eigenen Vorstellungen gestalten

Doch nicht jedes Buch über eine starke Frau ist auch ein gutes Buch. "So ein Roman muss jenseits von Ideologien eine innere Wahrheit entwickeln", sagt Helga Hegewisch bestimmt, und man hört die Überzeugung einer Literaturwissenschaftlerin, die da aus ihr spricht. "Ich persönlich schreibe ja auch deshalb historische Romane, weil ich die Gegenwart nicht richtig zu fassen bekomme. Die große weite Möglichkeit des Neuen – das ist nichts für mich. Ich gestalte lieber eine vorgegebene Epoche nach meinen Vorstellungen. Ich ziehe es auch vor, ein fertiges Haus umzugestalten. Das ist mir lieber, als ein neues Haus zu erbauen."

Um ihren Romanheldinnen zu begegnen, folgt Helga Hegewisch oft den Spuren des eigenen Lebens und transferiert persönliche Erlebnisse in die Vergangenheit. So beruht ihr Bestseller "Die Totenwäscherin" auf Erfahrungen, die sie nach dem Tod ihrer Eltern machte. Als sie sich daraufhin ausführlich mit Familiendokumenten beschäftigte, fand die Tochter einer Hamburger Kaufmannsfamilie in alten Totenscheinen immer wieder die Unterschrift einer Totenwäscherin. Kaum jemand wusste Genaues über diesen Beruf. Hegewisch begann zu recherchieren und entwickelte schließlich für ihren Familienroman die Figur der mecklenburgischen Totenwäscherin Magdalena, die um 1840 aus kleinbäuerlichem Milieu ins Bürgertum aufsteigt.

Obwohl Helga Hegewisch nicht die Absicht hatte, einen emanzipativen Roman zu schreiben, lebt auch "Die Totenwäscherin" von dem Kampfgeist seiner sympathischen Heldin. Hegewisch guckt erstaunt, als sie das hört, und betont, wie sehr ihr auch die männlichen Figuren am Herzen liegen, als wolle sie sie gegen eine Frauenübermacht verteidigen. Während sie über Rollenvorbilder und Geschlechteridentitäten spricht, über ihre Biografie, die von Töchtern, Schwestern und Tanten dominiert ist, sucht sie immer wieder nach möglichst sachlichen Erklärungen.

"Frauen kenne ich einfach besser, es fällt mir leichter, sie zu beschreiben", sagt sie irgendwann, "allerdings hat dieses Ringen um Emanzipation meine Generation auch sehr geprägt. So ein Frauenleben war in meinen Jugendjahren doch völlig anders als heute." Der Satz wird durch ein paar energische Gesten bekräftigt, dann erzählt Hegewisch eine Episode, die man dieser souveränen Frau kaum glauben mag: "Wenn ich als Kind beim Spielen einen Wunsch frei hatte, dann habe ich mir immer gewünscht: ,Lieber Gott, lass mich bitte einen Mann kriegen.'" Hegewisch macht eine kleine Pause. "So war das damals", sagt sie schließlich, und dann schweigt sie weiter, als würde sie sich im Stillen noch einmal fragen, wie aus dem Mädchen von damals die kluge, selbstsichere Publizistin von heute werden konnte.

Für ihren aktuellen Roman "Johanna Romanowa" hat Helga Hegewisch die Zeit von Zar Peter dem Großen erforscht. Sie beschreibt die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der die Macht des Monarchen das Leben vieler Menschen beschränkt. Der Alltag ist durch Traditionen und Vorschriften geregelt, Unabhängigkeit und Freiheit des Einzelnen sind große Ideale.

Historische Romane geben Fixpunkte

Heute scheinen diese Ideale verwirklicht, doch Brigitte Riebe hört bei Veranstaltungen oft, dass Leserinnen der Markt der grenzenlosen Möglichkeiten verunsichert. "Gerade das ungewöhnlich große Interesse für das Mittelalter erklärt sich damit, dass die Menschen nach neuen Fixpunkten suchen", erläutert Brigitte Riebe. "Jene Epoche hat durchaus Parallelen zu unserer Zeit. Auch das Mittelalter war eine enge Welt, die gerade dabei war, sich zu entgrenzen. Zugleich tauchten Sinnfragen auf, die uns heute noch berühren. Und plötzlich schlugen überall Kirchturmuhren und mahnten zur Eile. Die Zeit wurde messbar und bekam eine ganz neue, kostbare Dimension."

Dann beginnt Brigitte Riebe wieder durch die Jahrhunderte zu jagen. Sie springt aus der Ära der Pharaonen in die Zeit von Sonnenkönig Ludwig und erzählt zwischendurch, dass oft drei Frauengenerationen in ihren Lesungen sitzen, Töchter, Mütter und Großmütter. "Und alle wollen wissen, wissen, wissen", meint Riebe, und dann sagt sie noch, dass sie manchmal das Gefühl habe, ein großes stilles Nichts zu füllen. Einmal wurde sie bei einer Lesung sogar gefragt, auf welchem Kontinent Ägypten liege. Das habe ihr dann doch für einen Moment die Sprache verschlagen. "Aber das ist schon länger her", sagt die Autorin, "ich merke, dass die Bücher heute genauer gelesen werden, oft kommen sehr detaillierte, kenntnisreiche Fragen." Holen die Leserinnen mit Historien-Romanen etwa ihren Geschichtsunterricht nach? "Vielleicht", sagt Riebe, "vielleicht" und nestelt an den Schulternähten ihrer schönen schwarzen Tunika. Dann wendet sie den Kopf zur Seite. Und irgendwie sieht es aus, als würde sie dabei heimlich und mit leisem Stolz lächeln.

BUCHTIPPS: Rebecca Gablé: "Das Lächeln der Fortuna", Lübbe, 1291 S., 9,95 Euro und "Das Spiel der Könige", Ehrenwirth, 1040 S., 24,95 Euro Helga Hegewisch: "Die Totenwäscherin", List, 398 S., 9,95 Euro und "Johanna Romanowa", Pendo 459 S., 19,90 Euro Brigitte Riebe: "Straße der Sterne", Diana, 445 S., 8,95 Euro und "Die Sünderin von Siena", Diana, 560 S., 19,95 Euro Sabine Weigand: "Das Perlenmedaillon", Fischer, 592 S., 8,95 Euro und "Die Königsdame", Fischer, 464 S., 18,90 Euro

Text: Christa Thelen Foto: Cinetext

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