Dietmar Bär und die Lust auf Genuss

Dietmar Bär ist der polternde Dicke aus dem Kölner "Tatort" mit einer Vorliebe für Currywurst. Doch privat ist Dietmar Bär ein feinsinniger Gourmet. Ein Interview über Lust auf Genuss.

Dietmar Bär kommt aus Dortmund, aber alle kennen ihn als Kommissar Freddy Schenk aus dem Kölner "Tatort". Seit 1997 spielt er den polternden Dicken an der Seite von Klaus J. Behrendt. In den 1980er Jahren besuchte Bär die Schauspielschule Bochum, es folgten Engagements am Theater in Tübigen und Wuppertal. Am 5. Februar 2011 feiert Dietmar Bär seinen 50. Geburtstag.

Treffen mit Dietmar Bär

Die Tischdecken im "Restaurant Sachs" in Berlin-Charlottenburg sind weiß und gestärkt, das Licht ist gedämpft, es riecht nach dunklem, edlem Holz. Auf der Tageskarte stehen Steinbeißer und Filetspitzen.

"Das hier war früher mein Wohnzimmer", sagt Dietmar Bär. Jahrelang habe das "Sachs" einem Freund aus Bochumer Zeiten gehört. Tatsächlich bewegt sich der Schauspieler nicht nur wie ein Stammgast durch das Lokal, sondern gleich wie sein Besitzer. Bereits beim Reinkommen fragt er, wo ich sitzen will, was ich trinken möchte, ob es mir gutgeht. Dann wirft er Handy, Autoschlüssel und Baseball-Kappe schwungvoll auf die Fensterbank, zupft an seinem hellblauen Hemd, um sich Luft zuzufächeln, und verwickelt die Kellnerin in eine Diskussion über die Qualität verschiedener Mineralwassersorten: Ein zackiges Namedropping von Quellen aus dem Brandenburger Umland beginnt. Als die Getränke dann kommen, hebt Bär die Flasche fachkundig hoch: Hildon, eine englische Marke. Der Whisky unter den Mineralwässern. Um die vier Euro kostet die Flasche im Geschäft.

"Eines der besten", seufzt Bär und bedankt sich überschwänglich bei der Bedienung. Die erste Überraschung: Dietmar Bär ist viel höflicher als sein "Tatort"-Alter-Ego Freddy Schenk. Und er kann sich über ein Glas Mineralwasser so freuen wie andere über ein riesiges Schokoladeneis.

BRIGITTE WOMAN: Herr Bär, trifft man Sie nicht eher an einer Kölner Imbissbude, Bier trinkend und Wurst essend?

Dietmar Bär: Hah, so denken Sie also über mich: Grundnahrungsmittel Currywurst und Pommes. Klar, in meiner Jugend im Ruhrgebiet war das so. Zwei-, dreimal in der Woche waren wir sicher an der Pommesbude. Heute esse ich bei unserem "Tatort"- Imbiss zwar mal Fritten - der Mann weiß wirklich, wie man mit Fett und Kartoffeln umgeht -, aber bei Bratwurst passe ich. Ich esse kein Schwein.

BRIGITTE WOMAN: Warum nicht?

Dietmar Bär: Erst mal ist meine Frau Vegetarierin, das beeinflusst mich. Und dann versteh ich die Leute nicht, für die Essen nichts als Energiezufuhr ist. Luke auf, Essen rein? Nein! Da muss man doch hingucken, hinschmecken. Schweine sind Aasfresser. Kommen mir darum nicht auf den Teller.

BRIGITTE WOMAN: Ihr Vater war Metzger. Was sagt er dazu?

Dietmar Bär: Meinen Eltern braucht man mit "Biofleisch" gar nicht zu kommen. Sie kaufen nach wie vor vieles im Supermarkt. Und wenn ich zu Hause bin und meine Mutter meine Lieblingsgerichte kocht, werde ich sicher nicht investigativ tätig und frage erst mal nach, woher denn was kommt.

BRIGITTE WOMAN: Aber Sie selbst sind schon ein Öko?

Dietmar Bär: In den achtziger Jahren fand ich Öko sein schwieriger. Vollkornkuchen war kaum essbar, der schmeckte wie Pumpernickel mit Kirschen drauf. Heute ist das was anderes. Bio schmeckt, Dinkelbrot ist lecker. So passte es für mich zusammen. Denn ich will mich ja nicht quälen. Also: Ich bin eher Zutatenfetischist. Einer, der Lebensmittel liebt.

BRIGITTE WOMAN: Und zu jedem Salatblatt in Ihrem Kühlschrank haben Sie eine enge Beziehung.

Dietmar Bär: Dazu ist er viel zu voll. Ich horte einen Grundstock an Zutaten, die immer zum Kochen da sein sollten: Butter, Oliven, Parmesan, Zitronen... Auch gern mal eine gute Gänseleber.

BRIGITTE WOMAN: Was kochen Sie damit am liebsten?

Dietmar Bär: Gerichte, die mir schnell, aus dem Bauch heraus, gelingen. Hühnerfrikassee. Risotto. An vieles andere, Lammkeule oder Pasteten, traue ich mich immer noch nicht ran. Andere Rezepte vergeige ich dafür dauernd: Mein Angstgegner heißt Pizzateig, er bleibt mir zwischen den Fingern kleben oder bröselt weg. Wir beide kommen einfach nicht zusammen.

BRIGITTE WOMAN: Also lieber zum Italiener um die Ecke.

Dietmar Bär: Noch lieber gehe ich ins Sternerestaurant, ehrlich gesagt. Da erlebe ich regelmäßig Geschmacksexplosionen. Da gibt es Kartoffelbrei, der treibt mir die Tränen in die Augen, weil er so sehr nach Kartoffeln schmeckt. Manchmal ist das dann ganz nah dran an dem, was ich aus der Kindheit erinnere, von der Mutter, von Omas und Tanten.

BRIGITTE WOMAN: Für diese Erinnerung muss man aber auch bereit sein, einiges auszugeben.

Dietmar Bär: Vor einiger Zeit war ich im Nacht-Supermarkt, weil ich noch schnell einen Wein kaufen wollte. Neun Euro habe ich für eine Flasche irgendwas bezahlt, es stand jedenfalls Chardonnay drauf. Mitten auf der Zunge hörte dieser Wein auf zu sein. Danach habe ich mir geschworen: Das geht für mich nicht mehr. Für billigen Wein und schlechtes Essen bin ich zu alt. Von einem Berufskoch habe ich mal den Spruch gehört: "Essen und Trinken sind der Sex des Alters." Da ist was dran. Früher - da war ich auch noch Biertrinker - war Nahrungsaufnahme Nebensache. Wenn ich denke, wie viele böse Würste ich im Stadion oder auf der Kirmes in mich hineingestopft habe, einfach, weil es gerade passte. Heute ist mir das ganze Drumherum wichtiger. Ich will es schön haben.

BRIGITTE WOMAN: Um das „Drumherum“ wird heute ein ziemlicher Kult getrieben. Ein einfaches Abendessen reicht nicht, das „perfekte Dinner“ muss es sein.

Dietmar Bär: Man muss das ganze Gewese ja nicht mitmachen. Ich versuche immer, eine eigene Haltung zu den Dingen zu finden und zu gucken, wie etwas zu mir passt. Ich versuche seit zwei Jahren Golf zu spielen. Für viele ein elitärer Schnöselsport. Aber niemand zwingt mich, in Bundfaltenhose im Clubrestaurant aufzuschlagen und meinen Stammbaum aufzublättern. Ich spiele in T-Shirt und Jeans - und falle da nicht mal als Rebell auf. Zum Glück haben sich die Traditionen gelockert. Mir macht Golf einfach Spaß, ich bin an der Luft, bewege mich...

Mein Eis gehört zu mir: Gourmet Dietmar Bär und BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Anne Otto.

BRIGITTE WOMAN: Achten Sie eigentlich auf Ihre Figur?

Dietmar Bär: Jeder achtet auf seine Figur. Ottfried Fischer wie Karl Lagerfeld. Ich bin da keine Ausnahme. Die Frage ist doch, ob man damit Erfolg hat. Es gibt immer mal wieder Phasen, in denen ich sage: Ich will zwei oder drei Kilo weniger haben, sonst fühle ich mich nicht wohl, sonst bin ich nicht beweglich. Aber eine Model- Figur strebe ich nicht an.

BRIGITTE WOMAN: Hatten Sie diese Lässigkeit schon immer?

Dietmar Bär: In der Schauspielschule wird man ja gleich in Typen eingeteilt: der jugendliche Held, der Liebhaber... Ich geriet schon früh in die Kategorie "der Schwere". Richtig gewurmt hat mich das nie. Mit den Jahren habe ich festgestellt: Für mich als schweren Schauspieler gibt es in einem Ensemble immer was zu tun. Und wenn ich ausfalle, kann man mich kaum ersetzen. Ich muss also mittlerweile sogar aufpassen, dass ich nicht zu viel abnehme. Eine ziemlich harte Diät, sage ich Ihnen.

BRIGITTE WOMAN: In dem Fernsehfilm „Fasten à la carte“ spielen Sie den schwergewichtigen Gourmet Gilles, der seinen Geschmackssinn verliert und fasten gehen muss. Erst flucht er, dann merkt er: Verzicht hat was.

Dietmar Bär: Die Rolle hat mir gefallen. Meine Frau und ich halten die Fastenzeit seit ein paar Jahren streng ein. Es gibt dann bei uns keinen Alkohol, kein weißes Mehl, keinen Zucker. In diesen sechs Wochen passiert bei mir innerlich viel. Ich gehe abends früh ins Bett, lese mich müde, wache früher als sonst wieder auf, höre überhaupt mehr darauf, was mein Körper mir sagt. Viele Menschen sagen, dass man in solchen Phasen auch mehr Zeit hat. Genussmittel können den Alltag sehr bestimmen. Wenn ich abends nach einer langen Autofahrt nach Hause komme und mir aus Gewohnheit ein Glas Wein eingieße, dann peppt mich das ungut wieder auf - obwohl ich eigentlich bettreif bin. In den Fasten-Wochen fallen solche Rituale weg. Ich habe schon ein paarmal gedacht: Mensch, das könnte jetzt ewig so weitergehen.

BRIGITTE WOMAN: Und hört doch wieder auf.

Dietmar Bär: Ich freue mich dann einfach wieder so aufs Essen.

BRIGITTE WOMAN: Gibt es noch etwas, auf das Sie wirklich hungrig sind? Einen nächsten Karriereschritt vielleicht?

Dietmar Bär: Oha. Mit dem Wort Karriere tue ich mich schwer, ich kann es auf mich nicht anwenden. "Berufslaufbahn" passt besser, das hat was von Planetenumlaufbahn - etwas stößt einem zu, eine glückliche Fügung. Dass der Regisseur Dominik Graf mich ganz früh für einen seiner Filme angefragt hat. Dass mich die Schauspielschule Bochum überhaupt genommen hat. Ich ordne mich in meinem Berufsweg als mitgestaltendes Moment ein, aber das ist es auch.

BRIGITTE WOMAN: Können Sie Ihren Erfolg nicht genießen?

Dietmar Bär: Doch, heute besser. Ich bin schon etwas gelassener geworden. Das ist dem Älterwerden geschuldet. Mittlerweile weiß ich beim Drehen: Ich bin hier nicht zufällig, ich gehöre hierhin. Früher war ich am Set mehr unter Druck. Und wenn ich mal nicht gearbeitet habe, bekam ich schlimme Existenzängste.

BRIGITTE WOMAN: Waren die berechtigt?

Dietmar Bär: Kennen Sie den Gedanken "Wann fliegt der Schwindel auf?". Ich habe ihn eine Weile mit mir herumgetragen. Aber je öfter ich mich mit anderen unterhielt, desto klarer wurde mir: ein Klassiker. Selbstzweifel sind weit verbreitet, selbst unter großen Schauspielern. Und sie haben auch ihr Gutes: So richtig satt, gesetzt und zufrieden wird man mit ihnen nie.

BRIGITTE WOMAN: Ihre „Tatort“-Rolle hat Sie doch bestimmt sicherer gemacht?

Dietmar Bär: Sie bringt mir auf jeden Fall Spaß. Schon als Jugendlicher habe ich dieses bittersüße "Tatort"-Gefühl (mehr über dieses Gefühl in unserer Fanpost auf Seite 68) geliebt: Das Wochenende ist zu Ende, die Woche noch nicht wieder da, und irgendwo dazwischen ist dieser "Tatort", den man besonders genießt. Nach dem Motto: Noch muss ich nichts machen, noch gucke ich anderen bei der Arbeit zu. Aber das funktioniert natürlich nur, weil die Filme auch eine hohe Qualität haben, packend und spannend sind.

BRIGITTE WOMAN: Stimmt es, dass Sie sich beim Drehen mit Ihrem Freund und „Tatort“-Kollegen Klaus J. Behrendt einen Wohnwagen teilen?

Dietmar Bär: Seit 13 Jahren. Dieser Wohnwagen ist unser Refugium, unser Rückzugsort. Da legen wir uns beim Nachtdreh aufs Ohr oder machen bei Regen mal eine Drehbuchbesprechung.

BRIGITTE WOMAN: Und es gibt nie Krach?

Dietmar Bär: Einziges Reizthema: Rauchen. Klaus raucht, ich habe aufgehört. Deshalb muss er jetzt vor die Wohnwagentür. Macht er auch meistens. Nur wenn ich mal nicht da bin, qualmt er mir die Bude voll. Na ja. Ich bin ja nur neidisch.

Über Dietmar Bär

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, wuchs in Dortmund auf, als ältestes von drei Kindern. Sein Vater war Metzger, seine Mutter Hausfrau. In der Schulzeit spielte er Schlagzeug und engagierte sich in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

Mit 21 Jahren kam er an die Schauspielschule Bochum. Bereits während seiner Ausbildung spielte er verschiedene Nebenrollen im Fernsehen, unter anderem in Dominik Grafs Film "Treffer", wofür er einen Nachwuchspreis bekam. Seinen Beruf begann Bär als Theaterschauspieler, konnte aber bald erste Erfahrungen als Ermittler in verschiedenen Fernsehkrimis sammeln und wurde durch die Serie "Sportarzt Conny Knipper" in den 90er Jahren zu einem bekannten Fernsehgesicht.

1997 brachte ihn sein Freund Klaus J. Behrendt zum "Tatort". Als Freddy Schenk und Max Ballauf sind die beiden Kölner Kommissare jetzt schon seit 13 Jahren im Einsatz. Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt haben gemeinsam ein Hilfsprojekt für Straßenkinder gegründet (Tatort - Straßen der Welt e.V.). Zusammen mit alten Freunden aus Bochum hat Bär zwischendurch auch mal etwas ganz anderes gemacht - er plante und finanzierte eine Eisdiele mit Bio-Eis.

Interview: Anne Otto Fotos: Max Lautenschläger

Wer hier schreibt:

Anne Otto

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Vorliebe für Currywurst? Sehr einfallsreich! Ein Tatort, inszeniert mit ollen Kamellen, ein Mann wie ein Baum, der nasses Papier in der Luft zerreißt und von Häftlingen verdroschen wird? Behrends und Bär streiten sich bis auf Messer, was natürlich nervt. Das Drehbuch will es so - zum Leidwesen der Zuschauer. Eins ist sicher: Bär trägt den Mantel nicht nach dem Wind, sondern offen. Meinung auch der "Leidgenossen zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche".
Bild Montagsnl

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