Was ist besser? Weniger oder mehr arbeiten?

Einst galt die 20-Stunden-Woche als Königsweg, um Job und Familie unter einen Hut zu bekommen. Heute gilt Teilzeit als Sackgasse. BRIGITTE WOMAN-Autorin Julia Karnick, seit 15 Jahren Teilzeit-Journalistin, zieht Bilanz.

Job: Was ist besser? Weniger oder mehr arbeiten?

Sommer 2001 - mein Sohn war drei, meine Tochter knapp ein Jahr alt - erzählte ich auf dem Spielplatz, dass unser Sohn mit neun Monaten drei Tage pro Woche zur Tagesmutter gekommen sei, unsere Tochter mit einem halben Jahr. "So klein hast du sie weggegeben? Das hätte ich nie übers Herz gebracht!", sagte eine der Mütter. Ich antwortete spitz. Und kam mir extrem modern und emanzipiert vor.

2007 sollte ich mit einer anderen Journalistin öffentlich über Geschlechterrollen diskutieren. Wir arbeiteten beide frei - sie mehr als ich, weil sie getrennt lebte und den Lebensunterhalt für sich und den Sohn allein verdienen musste, während ich das Glück hatte, einen Partner samt Festgehalt zu haben. Ansonsten teilte ich ihre Ansichten: Haushalt und Familie sind nicht allein Frauensache, berufliche Selbstverwirklichung und Geldverdienen sollten kein Privileg der Männer sein. Die andere war trotzdem unzufrieden mit mir: "Gut, Sie arbeiten. Aber doch nur so viel, dass es nicht zu stressig wird. Sie nehmen sich einfach das Beste aus beiden Welten!" - "Stimmt. Warum auch nicht?", fragte ich. Ich kam mir bevorzugt vor, nicht benachteiligt.

Im September 2013 erschien die Fortsetzung der großen BRIGITTE-Studie "Frauen auf dem Sprung", dazu ein Interview mit der Studienleiterin Jutta Allmendinger. Darin beklagte die Professorin für Soziologie die Situation junger Frauen, die "mit ihrem Nachwuchs auf einer Halbtagsstelle hocken, alles schön flexibel, aber in Wahrheit sind sie aussortiert". Die Möglichkeit, die Arbeitszeit zu reduzieren, führe dazu, dass die Durchschnittsfrau "von nun an in arbeitet und sich von ihren Karriereplänen verabschieden muss. Sie wird zwar immerhin einen halbwegs geschlossenen Erwerbsverlauf vorlegen können, aber bestenfalls auf einer guten mittleren Position bleiben müssen". 15 Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes komme ich mir zwar nicht gerade wie eine Versagerin vor, aber auch nicht wie ein zukunftstaugliches Rollenmodell.

Ich habe nie geplant

Um Vorbild zu sein, reicht es offensichtlich nicht mehr, es als Mutter mit freiberuflicher Teilzeitarbeit zu einer stabilen Auftragslage und einer eigenen Steuerberaterin gebracht zu haben: Ich hätte meinen Mann zu mehr Familienarbeit anhalten, den Kindern weniger Aufmerksamkeit widmen, mich mehr anstrengen, eine Führungsposition anstreben und außerdem meine Karriere zielstrebig planen müssen. Ich aber habe so gut wie nie geplant. Ich habe meist reagiert, und zwar so, wie es mir in der jeweiligen Situation am ehesten passend und pragmatisch erschien, sprich: Ich habe den bestmöglichen Kompromiss zwischen meinen eigenen und den Bedürfnissen der Familie gewählt.

Meine nicht geplante Berufslaufbahn begann damit, dass ich gleich nach meiner Ausbildung zur Redakteurin und Journalistin ungeplant schwanger wurde: Mit 27 hatte ich ein Baby, keinen Job und keinerlei Berufserfahrung. Mein Mann, fünf Jahre älter als ich, hatte dagegen bereits eine Festanstellung. Ich gestehe, angesichts dieser Konstellation zogen wir keine Sekunde eine andere Lösung in Erwägung als diese: Er arbeitete weiter, ich blieb zu Hause.

Immerhin war mir klar, dass meine Ausbildung bald keinen Pfifferling mehr wert wäre, wenn ich mich - wie damals noch üblich - drei Jahre nur ums Kind kümmern würde. Außerdem merkte ich schnell, dass mich das Muttersein allein nicht ausfüllte - und dass ich es so demütigend wie beängstigend fand, finanziell völlig abhängig zu sein von meinem Mann: Unser Sohn kam zur Tagesmutter. Ich begann, frei zu arbeiten. Das lief anfangs schleppend, dann besser, irgendwann rund. Im Jahr 2000 wurde unsere Tochter geboren. Mit 30 war ich selbständige, Teilzeit arbeitende Mutter von zwei Kindern. Ich bin es bis heute. Ich habe in den vergangenen 15 Jahren mal mehr (fast ganztags), mal weniger (fast gar nicht) gearbeitet. Feste Vollzeitstellen, die mir von meinen Auftraggebern angeboten wurden, habe ich abgelehnt.

Vom Karriere-Standpunkt aus betrachtet war das sicher ein Fehler: Mein Mann hat inzwischen eine Führungsposition. Ich, die ich außerhalb jeder Unternehmenshierarchie arbeite, habe zwar vorzeigbare berufliche Erfolge. Auf einen Aufstieg im Sinne von "immer mehr Verantwortung, immer mehr Gestaltungsspielraum, immer mehr Geld" habe ich jedoch, typisch Frau, verzichtet. Warum? Weil mir die Fantasie fehlt, mir vorzustellen, wie ein halbwegs entspanntes Familienleben möglich sein soll, wenn beide Elternteile im Korsett eines Vollzeitjobs stecken.

Ich bin gern mit meinen Kindern zusammen

Ich finde unseren Alltag auch so anstrengend genug: Obwohl ich flexibel arbeite, obwohl mein Mann Wäsche wäscht, kocht, mit den Kindern lernt oder sie zum Arzt bringt, obwohl unser Sohn und unsere Tochter schon sehr selbständig sind, gibt es immer wieder Phasen, in denen wir Eltern es kaum hinbekommen, neben dem Job die absehbaren Aufgaben und unerwarteten Probleme zu bewältigen, die das Leben auch mit älteren Kindern mit sich bringt. Es sind diese Phasen, in denen es jeden zweiten Abend Tiefkühlpizza zu essen gibt, in denen ein krankes Kind entweder eine organisatorische Katastrophe bedeutet oder ein sehr schlechtes Gewissen, weil es den ganzen Tag allein zu Hause bleiben muss, in denen mein Mann und ich hauptsächlich in Form von To-do-Listen miteinander kommunizieren und wir unsere Freunde so wenig sehen, dass wir nicht mehr sicher sind, ob wir noch welche haben. Ich kenne Alleinerziehende, die notgedrungen ständig so leben. Ich konnte mich nie überwinden, ein solches Leben im Dauergalopp freiwillig auf mich zu nehmen.

Außerdem, auch wenn dieser Satz heutzutage nahezu rückständig klingt - zumindest, wenn eine Frau ihn ausspricht: Ich bin gern mit meinen Kindern zusammen, besonders seit sie älter sind. Mir ist klar, bald werden sie keinen großen Wert mehr darauf legen, mit ihren Eltern zu reden, zu kochen oder ins Kino zu gehen. Aber solange die beiden dazu noch Lust haben, so lange will ich mir - nicht nur ausnahmsweise mal - Zeit für sie nehmen können. Um diese Freiheit beneidet mich übrigens mein Mann, so wie ich ihn ab und zu um seine Karriere beneide.

Arbeitgeber müssen einsehen, dass eine Familie Zeit kostet

Ich wollte immer arbeiten, der Freude und Unabhängigkeit wegen. Was ich nicht wollte: eine Familie, in der beide Eltern gleichzeitig ganztags Karriere machen. Ich glaube keineswegs, dass es zwangsläufig die Mutter sein muss, die beruflich kürzer tritt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer Kinder genauso gut großziehen können - und zwar von Anfang an. Wäre mein Mann nicht deutlich früher ins Berufsleben eingestiegen als ich, wäre ich nicht ungeplant und joblos schwanger geworden, hätten mich nicht diese Umstände zur Teilzeit gebracht, vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Ob "ganz anders" automatisch "viel besser" bedeutet, das weiß ich nicht. Was ich dagegen sicher weiß: dass mein Leben - wie jedes andere - auch aus Kompromissen besteht und dass es mir trotzdem sehr gut gefällt. Auch wenn ich bisher nicht das Maximum an beruflichem Erfolg herausgeholt habe.

Die Gesellschaft und vor allem die Arbeitgeber müssen endlich einsehen, dass Familie sehr viel Zeit kostet. Dass Mütter und Väter, die ihre Arbeitszeit reduzieren, das in der Regel nicht aus Mangel an beruflichem Ehrgeiz tun. Dass engagierte Berufstätigkeit in 20 Stunden Wochenarbeitszeit ebenso möglich ist wie in 40. Doch noch immer werden interessante, anspruchsvolle Positionen meist nach der Devise "Ganz oder gar nicht" vergeben. Solange das so ist, können Unternehmen mit Frauen - und zunehmend auch Männern - wie mir nicht rechnen. Es sind vor allem die Arbeitgeber, die ihre Einstellung ändern müssen. Nicht wir.

Text: Julia Karnick BRIGITTE woman 1/14

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Kommentare (29)

Kommentare (29)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Anderswo bei Brigitte wird gerade darüber gejammert, dass die Rente für viele Frauen nicht reichen wird. Weil Frauen die Folgen ihrer Fehlentscheidungen ausbaden müssen, genau wie Männer. Die Alleinerziehende, die nach einem Jahr wieder arbeiten ging und heute Vorgesetzte von mehr als 50 Mitarbeitern ist und das war zeitweise beinhart, hätte auch jahrelang Sozialhilfe kassieren können und sich nach einem gut verdienenden Mann umschauen. Die Rentnerin die mir erzählt, ihr Mann hätte nicht gewollt, dass sie arbeitet mit drei Kindern, aber heute Grundsicherung vom Steuerzahler kassiert. Mit Steuerklasse I die höchsten Abgaben vergleichbarer Länder zahlen um Ehegattensplitting und andere Subventionen zu finanzieren, da wird die Rente wird auch nicht üppig. Ich arbeite im Personalwesen und bekomme viele Rentenbescheide zu sehen. Auf Versorgerehe gesetzt, 15 Jahre daheim, dann Teilzeit gearbeitet, machen mit Mann im Rücken immer noch den besten Reibach.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Frau Karnick,

    ich finde es mutig und richtig, wie Sie Berufstätigkeit und Familie unter einen Hut bekommen haben. Bei mir ist auch der Ehepartner der "Mehr"-Verdiener und wir haben uns bewusst und gemeinsam dafür entschieden, dass ich mich selbstständig mache und für die Kinder anfangs zu Hause bleibe (wobei ich immer gearbeitet habe, wenn auch anfangs nur ca. 20 Std/Woche). Das bereue ich nie. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unseren heute 17 und 19 Jahre alten Kindern. Mein Mann hat mich immer unterstützt, so dass ich Fortbildungen besuchen konnte und meine Berufstätigkeit Schritt für Schritt in Abhängigkeit dem Entwicklungsstand unserer Kinder ausbauen konnte. Dabei haben wir auch Tagesmutter (2 Tage/Woche) und Ganztagsschule genutzt. Heute habe ich eine eigene Praxis, 2 Mitarbeiterinnen, arbeite ca. 45-50 Std/Woche, bin beruflich gut etabliert und finanziell unabhängig. Den Haushalt teile ich mir mit Mann und Kinder. Ich bin sehr zufrieden wie es gelaufen ist
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich habe eine Tochter von 2 1/2. Sie ist gerade in den Kindergarten gekommen und ich gehe wieder 50% arbeiten. Das ist toll und ich fühle mich viel ausgeglichener. Ich bin nicht verheiratet, lebe aber mit dem - vollzeit beschäftigten - Vater meiner Tochter zusammen. In seinem Job geht "man" nicht Teilzeit arbeiten. Außerdem muss er noch für eine 18-Jährige aus einer früheren Beziehung aufkommen. So sehe ich mich leider auch noch die nächsten 10 - 15 Jahre in diesem Teilzeitmodell hängen. Vielleicht schaffe ich es auf 75 % aufzustocken. Das ist - laut Aussage einer anderen Mutter in gleicher Situation - "schon recht ambitioniert". Mein Arbeitgeber hätte mich gerne zu 100% zurück. Da ich nicht verheiratet bin, partizipiere ich auch nicht an den Rentenansprüchen meines Partners. Eine ebenfalls unverheiratete und Teilzeit arbeitende Freundin sagte mir letzten "Ich habe mich damit abgefunden, dass ich in die Altersarmut rutsche. Aber was soll ich machen!?" Traurig, oder!?

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Eine Hausfrau kann so viel machen, weil sie etwas ganz Kostbares hat: ZEIT!

    Und die Zeit, die wir mit unseren Kindern verbringen können, muss nicht irgendwann enden; ich werde hoffentlich auch in Zukunft immer mit meiner Tochter reden und etwas unternehmen. Und wenn sie arbeiten möchte, werde ich ihr unbedingt helfen, falls sie Kinder haben sollte.

    Jeder kann doch sein Leben so gestalten, wie er möchte - ob mit geplantem oder Überraschungskind.

    Mein Mann und ich sind froh, schon mit Ende 20 "ungeplant" ein Kind bekommen zu haben. Denn das wirklich Gute im Leben kann man nicht planen. Und die Zeit, die wir mit unserer Tochter verbracht haben, möchten wir für kein Geld/ keine Karriere der Welt missen!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Frau Karnick,



    In Ihrem Artikel finde ich viele bedenkenswerte Überlegungen. In einem Punkt allerdings stimme ich mit Ihnen garnicht überein: Es sind nicht in erster Linie die Arbeitgeber, die ihre Einstellung ändern müssen. Die Reproduktion der Gesellschaft muß eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft sein und nicht nur der Arbeitgeber, den sozialversicherungspflichtigen Angestellten und den Frauen mit Kindern. Warum sollten die Kosten für die Zukunft einer Gesellschaft nur hier abgeladen werden. Das ist nicht gerecht und führt daher auch zu niedrigen Geburtenraten.

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