Mobile Ansicht
Für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht wechseln
Weiterlesen Mobile Ansicht

"Hilfe! Mein Chef ist schwierig"

Nörgeln, schmollen, explodieren: Manche Vorgesetzte gehören zur Kategorie der schwierigen Chefs. Angeblich würde jeder Fünfte Deutsche seinen Vorgesetzten am liebsten zum Mond schießen.

"Zu dünn. Geht gar nicht", sagt er, während er mir mein Konzept auf den Schreibtisch legt. Und schon ist er wieder draußen. Ohne ein weiteres Wort. Was ist ihm denn heute wieder über die Leber gelaufen? Warum sagt er nicht klar und deutlich, was er will? Was denkt er sich dabei, mich so zu behandeln? All das würde ich ihn jetzt gern fragen, doch er ist mein Chef. Und er hat mich auf dem Kieker.

Szenen wie diese habe ich zu Dutzenden erlebt - und das ist einer der Gründe dafür, dass ich heute als Selbständige meine eigene Chefin bin. Ich liebe meinen Beruf, ich habe immer gern meine Arbeit getan, mit manchen ehemaligen Kollegen bin ich befreundet. Darunter sind auch ein paar frühere Vorgesetzte. Das waren die kompetenten, fairen, sachlichen, kurz: die angenehmen Chefinnen und Chefs. Doch ich habe im Lauf meines Berufslebens auch äußerst unangenehme Führungskräfte kennen gelernt. Damit bin ich nicht allein. Eine Studie des Münchener Geva-Instituts hat ergeben: Fast 90 Prozent aller Beschäftigten auf den unteren Hierachie-Ebenen haben Probleme mit ihrem Vorgesetzten. Ein Fünftel von ihnen sagt sogar: "Ich hasse meinen Chef." Das Gallup-Institut stellt seit 2001 jährlich aufs Neue fest, dass jeder Dritte am Arbeitsplatz leidet. In der derzeit aktuellsten Umfrage aus dem Jahr 2010 geben lediglich 13 Prozent der Befragten an, dass sie engagiert arbeiten und sich mit ihrem Betrieb verbunden fühlen. Zwei Drittel der Befragten sind nach eigenen Angaben lustlos bei der Arbeit - und jeder fünfte legt es sogar darauf an oder nimmt zumindest in Kauf, dass dem Unternehmen durch sein Verhalten Schaden entsteht.

Ein Vorgesetzter ohne Führungsqualität?

Die Misere in den Betrieben war kürzlich Thema in der Talksendung "Menschen bei Maischberger". Eine der Ursachen nach Meinung der Experten: Heute sind die meisten Arbeitgeber multinationale Konzerne, die von angestellten Managern geführt werden. Von ihnen wird erwartet, dass sie kostengünstig, also mit möglichst wenigen Mitarbeitern, innerhalb kurzer Zeit die bestmögliche Bilanz vorlegen. Gelingt ihnen das, können sie mit einer Beförderung rechnen - oder werden von der Konkurrenz abgeworben.

Eine Abteilung zu einem eingespielten Team zusammenwachsen zu lassen, jeden Einzelnen in seiner beruflichen Entwicklung zu fördern - das interessiert solche "Führungskräfte" nicht. Sie dulden nur treu ergebene "Leistungsträger" in ihrer Nähe. Alle anderen kennen sie kaum beim Namen, wer Schwäche zeigt oder unbequem ist, fliegt raus.

Es gab Phasen, in denen ich geradezu körperlich gelitten habe an meinem Arbeitsplatz. Das kann schnell gehen mit einem Vorgesetzten, der seine Mitarbeiter nicht führt, sondern vorführt, der viel verlangt und selbst wenig leistet, der Kritik austeilt, aber nicht einstecken kann.

Liegt das Problem vielleicht sogar bei mir?

Wenn so ein Mensch als Führungskraft auf eine Mitarbeiterin trifft, die - wie ich - gern Widerworte gibt, fliegen bald die Fetzen. "Hast du vielleicht auch ein bisschen Anteil daran, dass ihr nicht miteinander könnt?", fragte mich einmal eine Freundin, als ich ihr von einem - wie ich fand - besonders fürchterlichen Chef-Exemplar erzählte. "Sei doch diplomatischer, lass dir auch mal was sagen..." - "Von dem? Niemals!", tobte ich. Heute glaube ich: Die Freundin hatte recht. Dass ich mich von diesem Chef schließlich im Streit getrennt habe, lag auch daran, dass ich keine Lust hatte, mich einem Mann unterzuordnen, der mich an einen verhassten Mathelehrer erinnerte.

Ein anderer Abteilungsleiter hatte es sich für immer mit mir verdorben, als er eine kaum 30-jährige Kollegin - die jüngste im Team - nach einem halben Jahr im Betrieb überraschend zu seiner Stellvertreterin machte. Ob diese Frau vielleicht tatsächlich am besten für diese Position geeignet war, das war mir damals egal. Eine unkomplizierte Mitarbeiterin war ich sicher nicht. Und wenn es mir irgendwo nicht mehr gefiel, bin ich gegangen. Deshalb kenne ich mich in meiner Branche gut aus und bin - unter anderem - Expertin für anstrengende Chefs und Chefinnen aller Art.

Da sind zum Beispiel die großen Kommunikatoren. Sie waren auf Anweisung von ganz oben beim Coaching und legen jetzt Wert darauf, mächtig kommunikativ rüberzukommen. Ihre Tür steht weit offen - genauso wie angeblich ihr Ohr für ehrliche und/oder vertrauliche Äußerungen. Doch wehe, jemand spricht tatsächlich etwas hinein...

Wer im Internet die Suchwörter "Chef" und "hassen" eingibt, findet tausende von Seiten.

Einer meiner Vorgesetzten rühmte sich gern seiner Fairness und Verschwiegenheit. Als ich ihm einmal gestand, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte - zum Glück ohne nennenswerte Folgen -, lächelte er jovial und beruhigte mich: "Das kann jedem mal passieren." Ab diesem Tag wurde ich in der Abteilung mit freundlicher Herablassung behandelt, und hinter meinem Rücken wurde getuschelt: "Kristina? Der kann man doch keine Verantwortung übertragen, die vergisst ja immer alles..."

Wer im Internet die Suchwörter "Chef" und "hassen" eingibt, findet tausende von Seiten. Auf den meisten geht es vor allem um ein Thema: Klagen über den Boss. Sind es womöglich vor allem schwierige, unverträgliche Menschen, die in den Unternehmen Karriere machen? Sicher nicht, aber: "Viele Vorgesetzte machen unabsichtlich Fehler", sagt die Hamburger Arbeitspsychologin Sibylle Bräuer. "Sie kochen ihr eigenes Süppchen, sie informieren ihr Team unzureichend, oft geht es ihnen auch nicht um den Erfolg eines Produktes oder Projektes, sondern nur um ihren eigenen. Und sie machen sich keine Vorstellung davon, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf die Mitarbeiter hat."

Schlechter Führungsstil: ein echter Motivationskiller

Wenn Menschen innerlich kündigen oder durch Stress oder gar Mobbing am Arbeitsplatz krank werden, kostet das einen Betrieb viel Geld. Deshalb wird heute zunehmend Wert gelegt auf ein gutes Betriebsklima - und auf Vorgesetzte mit gutem Führungsstil. Doch es gibt immer noch viele schlechte Chefinnen und Chefs, denen es schlicht egal ist, was ihre Leute von ihnen denken. Die zum Beispiel in Kauf nehmen, dass jemand für den Papierkorb arbeitet - weil der oder die Vorgesetzte eine wichtige Entscheidung für sich behalten hat. Ich habe es oft genug erlebt: Ideen für Projekte, die noch vor Kurzem als "super" bezeichnet worden waren, tauchten in Planungskonferenzen plötzlich gar nicht mehr auf - und auf Nachfragen hieß es lapidar, das sei doch längst nicht mehr im Gespräch. "Ein typischer Motivationskiller", meint Sibylle Bräuer. "Solche Chefs vertrauen einfach darauf, dass die Mitarbeiter schon irgendwie erfahren, was im Betrieb vor sich geht."

Diese einsamen Wölfe sind nach meiner Erfahrung meist Männer. Frauen sind zwar kommunikativer, aber deshalb nicht automatisch die besseren Führungskräfte. Denn manche neigen leider dazu, es zu übertreiben mit der Kommunikation. So hatte ich einmal eine Chefin, die in mir offenbar eine gute Freundin sah und mich zunehmend in ihr Privatleben einweihte. Anfangs fühlte ich mich geschmeichelt, aber irgendwann wurden mir die Erzählungen über ihre vergangenen und aktuellen Liebesaffären unangenehm. Als sie mir schließlich von dem jungen, attraktiven Praktikanten vorschwärmte, dem sie sich wegen ihrer Position leider nicht nähern dürfe, verlor ich den letzten Rest von Respekt vor ihr. Immerhin fand ich sie weiterhin sympathisch - was ich von anderen weiblichen Vorgesetzten nicht sagen kann. Einige der unangenehmsten Chefs, die mir begegnet sind, waren Frauen. Sie machten ihren Untergebenen auf leise, elegante Art das Leben zur Hölle - so, dass es schwer zu fassen war, dass niemand eine Handhabe hatte, sich zu beschweren. Gern setzten sie Besprechungen, die ohne Weiteres auch am Vormittag hätten stattfinden können, für 17 Uhr an - in dem Wissen, dass die jungen Mütter im Team entweder auf Kohlen dasitzen oder sich entschuldigen müssten, um dann von der Chefin zu hören zu bekommen: "Schade, dass Sie so gar nicht flexibel sind..."

Diese Chefinnen haben eben keine Familie. Familie haben sie nicht, weil sie keine Zeit haben, und Zeit haben sie nicht, weil sie Führungskraft sind.

Ist die Kündigung ein Lösungsweg für mich?

Manches Mal wäre ich gern mit wehenden Haaren hinausgelaufen.

Manches Mal wäre ich gern mit wehenden Haaren hinausgelaufen - in die Personalabteilung, um meine Kündigung abzugeben. Aber immer gleich alles hinwerfen, wenn es mit dem Chef Ärger gibt? Das ist natürlich keine Lösung. Wenn der Chef geht oder zumindest die Abteilung wechselt, erledigt sich das Problem möglicherweise von selbst.

Und wenn nicht? Wenn im Gegenteil alles darauf hindeutet, dass der oder die unliebsame Vorgesetzte sich an diesem Platz auf Dauer eingerichtet hat? Dann hilft es, sich bewusst zu machen: Wir arbeiten für ein Produkt, für eine Dienstleistung, für unsere Kunden - und nicht so sehr für ein Lob vom Chef. "Die Situation versachlichen, die Emotionen beiseitelassen", empfiehlt Sibylle Bräuer. "Vorgesetzte wollen eigentlich nur, dass ihre Mitarbeiter das tun, was sie sagen. Sie wollen keine aufreibenden Auseinandersetzungen."

Die will ich auch nicht. Deshalb bin ich irgendwann dazu übergegangen, mich auf das Positive an meiner Situation zu konzentrieren. Manchmal war das vor allem das pünktlich überwiesene Monatsgehalt. Danach sehne ich mich heute, als Feiberuflerin, manchmal zurück. Und es gibt Tage, da hätte ich gern wieder einen Chef. Über wen soll ich mich sonst ärgern?

Foto: Olix Wirtinger/Corbis

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Weniger Emotionen können durchaus hilfreich sein. Ich sehe heute mit 51 Jahren meinen Job als das was er ist: Die Möglichkeit mein Geld zu verdienen. Ich arbeite für meine Kunden und nicht für eine gute Beurteilung durch die Chefetage. Die Aufgaben mache ich so gut wie es geht.



    Früher habe ich meine Arbeit "gelebt". Das führte zu einem unangenehmen Ausbrennen. Heute lasse ich mit dem Dienstschluss sämtliche Gedanken am Job im Büro und das tut sehr gut. Außerdem habe ich wieder eine konsequente Trennung zwischen Beruf und Privatleben eingeführt. Kollegen können nicht private Freunde sein und umgekehrt.



    Unangenehme Vorgesetzte kommen immer wieder mal vor und werden einfach ignoriert. Solche Typen kommen und gehen. Heute verlasse ich nie die Sachebene und lasse mich auf keinen Fall zu irgendwelchen Spontanreaktionen hinreißen. Treffe ich so einen Horrorchef am Wochenende in der Einkausmeile, schaue ich in eine andere Richtung. Bin doch so kurzsichtig.....
Bild Montagsnl

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!

Unsere Empfehlungen

BrigitteNewsletter
Noch kein Fan?Folge uns jetzt auch auf Facebook
Fan werden
Dein Adblocker ist aktiv!

Wir - die Redaktion von Brigitte.de - wenden uns an dieser
Stelle direkt an dich, unsere Nutzerin!
Danke, dass du Brigitte.de besuchst.

Dein AdBlocker ist jedoch aktiviert.

Da unser Angebot kostenfrei ist, finanziert sich unsere Redaktion über Werbung. Damit wir dir Brigitte.de Inhalte weiterhin in hoher Qualität zur Verfügung stellen können, bitten wir dich, deinen AdBlocker für unser Angebot auszuschalten.

Sobald du deinen AdBlocker ausgeschaltet und die Seite neu geladen hast, erscheint dieses Dialogfeld nicht mehr in unseren Artikeln.

Es ist ganz einfach - und:
So sicherst du die Existenz deines Lieblingsportals.
Vielen Dank!

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

"Hilfe! Mein Chef ist schwierig"

Nörgeln, schmollen, explodieren: Manche Vorgesetzte gehören zur Kategorie der schwierigen Chefs. Angeblich würde jeder Fünfte Deutsche seinen Vorgesetzten am liebsten zum Mond schießen.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden