"Selbst eine enttäuschende Annäherung schafft endlich Klarheit."

Die 42-jährge Heike möchte mit ihren einst verstoßenen Geschwistern Kontakt aufnehmen. Die Psychotherapeutin Claudia Clasen-Holzberg warnt vor möglichen schmerzhaften Erfahrungen. Gleichzeitig kann eine solche Begegnug aber auch die ewigen Grübeleien ein für alle mal beseitigen.

Zunächst sollte Heike sich von dem Druck befreien, das tun zu wollen, was für alle das Beste ist. Das kann sie gar nicht genau absehen, und damit ist sie auch überfordert. Grundlage für ihre Entscheidung sollte sein, ob sie als Schwester gerne Kontakt mit ihren leiblichen Geschwistern aufnehmen möchte. Und dass ihre Mutter damit einverstanden ist, ja sogar selber großes Interesse daran hat. Die Mutter hat sich vermutlich selber nie getraut, diesen Schritt zu tun – aus unbewältigten Schuldgefühlen und aus Angst, die Kinder wollten vielleicht nichts mit ihr zu tun haben, könnten sie ablehnen.

Das wird ein Prozess des An-einander-Herantastens.

Es besteht natürlich das Risiko, dass die Kinder (und die Adoptiveltern) nicht an einem Kontakt interessiert sind. Dass die Kinder sich nie gemeldet haben, kann aber auch daran liegen, dass sie genauso unsicher sind und nicht wissen, ob so ein Versuch willkommen ist. Viele Mütter, die ihre Kinder zur Adoption freigegeben haben, wollen später keinen Kontakt mehr zu ihnen, auch nicht, wenn sie erwachsen sind. Auch diese Erfahrung kann sehr enttäuschend und schmerzhaft sein. Es kann auch sein, dass die Adoptiveltern eine Kontaktaufnahme nicht unterstützt haben.

Aber bevor Heike sich hier in Spekulationen verliert, ist es wohl das Beste, herauszufinden, wie es in der Realität aussieht. Wenn sie sich bei ihren – ja inzwischen auch schon lange erwachsenen - Geschwistern meldet, wird sie erfahren, ob sie Heike kennen lernen möchten oder nicht. Wobei sie damit rechnen sollte, dass sie nicht unbedingt auf sofortige Begeisterung stößt, sondern dass das ein längerer Prozess des An-einander-Herantastens werden kann. Schon allein, damit das Familientabu nicht an ihre Tochter weitergegeben wird, die sich dann wiederum Gedanken macht, dass sie doch einen Onkel und eine Tante in Amerika hat, lohnt sich der Versuch allemal.

Selbst wenn die Annäherung mit einer Enttäuschung enden würde, wäre damit aber endlich Klarheit geschaffen, die zwar schmerzt, aber auch allen Zweifeln und Grübeleien, die viel psychische Energie kosten, ein Ende setzt. Ein offenes Kapitel der Familiengeschichte wäre damit abgeschlossen, was immer heilsam ist – und vermutlich kommt es ja doch zu einem guten Ende.

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Protokoll: Vera Sandberg

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