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Neben der Spur: Wann wird mein Kind erwachsen?

Völlig neben der Spur: Sie finden keinen Job, sie haben keine feste Partnerschaft und auch sonst keinen Plan. Und sie sind schon 30. Hören die Sorgen um die Kinder niemals auf?

Früher hat Britta Petersen* diese Abende geliebt. Ein Essen mit Freunden, guter Wein, interessante Gespräche, oft über die Kinder. Am liebsten über ihren Sohn Bastian, so sehr ein Traumkind, dass sie schon früh lernte, immer etwas tief zu stapeln, wenn sie von ihm erzählte. Seufzten andere Eltern über Koliken in der Babyzeit, schlechte Zeugnisse und Pubertätswahnsinn, hatte sie bestenfalls ein "Mein Basti ist so ein Stubenhocker, ich krieg ihn einfach nicht an die frische Luft" zu bieten. Egal ob Schule, Universität oder Praktika, überall fand er sich ohne Anstrengung in der Spitze wieder, überall hörte sie nur, was für ein Prachtkerl er sei.

Natürlich erledigte er auch seinen Master in Germanistik und Psychologie in Rekordzeit und mit Traumnote. Und dann war Sebastian plötzlich 27, und sie wurden trüber, die Abende mit Freunden, deren Kinder scheinbar mühelos in dualen Ausbildungen landeten, heirateten, Kinder bekamen, während Bastians bis dahin so guter Lauf auf einmal zum Halt auf freier Strecke wurde. "Plötzlich war Schluss", sagt die 58-jährige Cutterin, "überall bewarb er sich, bei Verlagen, bei Pressestellen, an der Uni, keiner wollte ihn. So habe ich mich früher in der Tanzschule gefühlt, wenn alle Mädchen aufgefordert wurden, nur ich blieb sitzen und musste zuschauen, wenn die anderen tanzten. Ganz, ganz schrecklich."

Er zeigt keinerlei Eigeninitiative. Wo habe ich bloß dieses faule Kind her?

Ja, sie hat Probleme damit, dass ihr Traumkind, statt Karriere zu machen, in einem Getränkemarkt jobbt, keine Freundin hat, nach dem Studium wieder bei ihr eingezogen ist. Sie war nicht vorbereitet auf ein erfolgloses Kind. Hatte sie ihren Sohn als alleinerziehende, berufstätige Mutter wegen ihrer ständigen Schuldgefühle zu sehr verwöhnt oder doch vernachlässigt? Aber von einigen ihrer glücklich verheirateten, nicht berufstätigen Freundinnen wusste sie, dass auch deren erwachsene Kinder im Leerlauf steckten. Egal ob die Väter gereizt oder großzügig reagierten, egal auch, ob Eltern verständnisvoll ins Portemonnaie griffen, sorgenvoll nörgelten oder häufig unerbetene Ratschläge verteilten. "Wie man's macht, ist es verkehrt", seufzt Britta Petersen, "jedenfalls spreche ich mit meinen Freunden jetzt lieber über andere Themen."

Auch die Lehrerin Marlene Wiese, 49, kennt diesen inneren Druck, der einfach nicht weichen will, wenn sie das Leben ihrer 26-jährigen Tochter betrachtet. Sie weiß, dass sie ihr damit auf die Nerven geht, aber sie kann es nicht lassen, dieses "Kind, ich mach mir Sorgen um dich". Es gibt ja leider Gründe für diese Sorgen: zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt, von zwei Männern, keine Ausbildung, immer nur gejobbt. "Sie ist so begabt", seufzt Marlene Wiese, "alles ist ihr zugeflogen, Klavierspielen, Sprachen, Sport. Was hat sie daraus gemacht? Zwei uneheliche Kinder. Die ich über alles liebe, aber sie haben Johanna die Zukunft verbaut." Was die übrigens nicht so sieht. "Ich hasse Geiz in jeder Form", sagt sie, "also auch Ehrgeiz."

* Namen der Betroffenen geändert

Es ist schwer auszuhalten, wenn in ihrem Leben plötzlich Zwangspausen entstehen

"Deine Tochter war wenigstens in der Schule gut", seufzt Marlene Wieses Kollegin Angela Bachmann, deren 23-jähriger Sohn sich seit Schulbeginn vor allem durch Verweigerung auszeichnete: schlechte Beurteilungen und zwei Ehrenrunden noch vor dem Abschluss der mittleren Reife, dann in eine Tischlerlehre "fast reingeprügelt", so die 51-Jährige, "weil ich hoffte, dass er sich vielleicht für das Praktische eignet".

Zwar liegt ihm das mehr als die Bücher, aber nicht so, dass er sich jetzt, wo er fertig ist, schwungvoll um einen Arbeitsplatz bemühen würde. Was ohnehin schwierig ist, weil es immer mehr Möbelketten und immer weniger Handwerksbetriebe gibt. "Er ist total bocklos", seufzt Angela Bachmann, "schläft am liebsten bis in den frühen Nachmittag, zeigt keinerlei Eigeninitiative. Wo habe ich bloß dieses faule Kind her?"

Als unsere Kinder klein waren, haben wir damit angegeben, was sie alles schon konnten (durchschlafen, laufen, sprechen), später, in der Pubertät, damit, was sie alles noch nicht taten (kiffen, Alkohol trinken, Sex haben), aber bei allem waren wir sicher: Es geht vorüber. Es wird besser. Irgendwann sind sie selbständig, verdienen Geld, haben nette Partner, irgendwann muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Mit diesem Grundoptimismus ließ sich viel aushalten - aber was ist, wenn es nicht weitergeht?

Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen - als wir hinter lauter vollen Windeln keine Welt mehr sahen, haben wir diese Volksweisheit nicht geglaubt, aber sie stimmt. Denn der Schulabschluss mit all dem Zeugnis- und Lehrerstress ist leider keineswegs der schwierigste Meilenstein, im Gegenteil, oft geht es dann erst los.

Auch mal zurückgewiesen werden.

Weil die Struktur der Schule fehlt und oft auch der eigene Antrieb. Weil wir im Leben unserer Kinder nur aufregende und glückliche Momente zugelassen und sie deshalb sträflicherweise nicht darauf vorbereitet haben, dass die globale, einerseits so offene Welt andererseits für junge Menschen zunehmend unübersichtlich und feindlich wird. Für die "Generation Praktikum" gibt es auf dem Arbeitsmarkt kaum noch Festanstellungen, dafür stapelweise Absagen oder allenfalls Zeitverträge bei schlechter Bezahlung. "Schwer auszuhalten, wenn ein Kind, das man doch mit so viel Liebe erzogen hat, im Erwachsenenalter so viel Zurückweisungen aushalten muss", seufzt eine Mutter, deren 27-jährige Tochter auf ihre Nonstop-Online-Bewerbungen als Eventmanagerin "gar nichts zurückbekommt, nicht mal eine Absage per E-Mail".

Warum soll er mit abgeschlossenem Studium als Packer bei Lidl arbeiten?

Es ist schwer auszuhalten, finanziell und emotional, wenn im Leben unserer erwachsenen Kinder auf einmal Zwangspausen entstehen. Weil da eine Urangst in uns aufkommt, die wir kaum wieder loswerden. Habe ich in der Erziehung versagt? Landet mein Kind mit dem Hut in der Hand vor einem Kaufhaus, oder kriegt es die Kurve noch? Und weil diese Angst groß ist, uns in den Grundfesten erschüttert, haben wir sie so wenig im Griff, dass sie sich auf unsere Kinder überträgt, was das Problem noch verschärft. Unsere Spiegelneuronen sind schuld daran, sagt die Hamburger Psychologin Heide Gerdts, "denn die bilden im Hirn nicht nur Handlungen des Gegenübers nach, sondern auch Empfindungen und Gefühle. Starke Elternängste wirken schwächend auf die Kinder, und sie müssen sich extrem abgrenzen, weil sie sich in ihrem Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl beeinträchtigt sehen".

Kinder müssen Stress kennen lernen.

Also die Dinge einfach laufen lassen? Es ist nicht leicht, das abzulegen, was Psychologen etwas vorwurfsvoll eine "überelternde Haltung" nennen. Begluckte Kinder sind nicht immer beglückte Kinder. Eine Erkenntnis, die sich nur schwer durchsetzt, denn die heute 30-Jährigen sind in den goldenen 80er Jahren auf die Welt gekommen, als uns, ihren Eltern, beruflich alles möglich war, wir keinen Job akzeptierten, der nicht gut bezahlt war und in dem wir uns nicht "selbst verwirklichen" konnten.

Narzisstisch sehr hoch besetzt waren damals die Themen Beruf und Kinder. "Ich bin etwas Besonderes, weil ich etwas Besonderes mache", das galt natürlich auch für unseren Nachwuchs. Dem wir alles ersparen wollten, was anstrengend und langweilig war. "Der größte Fehler, den ich als Mutter von drei Kindern gemacht habe, war der, sie immer nur zu bespaßen, ihnen alles Unangenehme abzunehmen", sagt Cornelia Hilker, 57, "Kinder müssen frühzeitig lernen, Stress und Langeweile auszuhalten und mit Problemen umzugehen."

Aber genau das können viele junge Erwachsene nicht. Weil die elterliche Rundumversorgung sogar nach Ausbildungsabschluss nicht aufgehört hat. Wir alimentieren, wir strapazieren unser Netzwerk für interessante Praktika, und einige, die es sich leisten können, kaufen von ihrem für ihr Alter Ersparten eine kleine Wohnung, damit der Nachwuchs eigene vier Wände hat - wir führen die Kinderbetreuung fort. "Warum soll er mit abgeschlossenem Studium als Packer bei Lidl arbeiten?", sagt eine Mutter, die ihrem 32-jährigen Sohn noch immer Miete und Krankenversicherung zahlt, "das wäre ja die reinste Verschwendung!" Vielleicht aber auch eine wertvolle Erfahrung.

Der größte Fehler, den ich als Mutter von drei Kindern gemacht habe, war der, sie immer nur zu bespaßen

Tatsache ist: Niemand fällt auf die Füße, der immer nur getragen wird. Tatsache ist auch, dass es unseren Kindern vermutlich weder finanziell noch beruflich so gutgehen wird wie uns. "Wir müssen eine Nummer kleiner denken", rät Heide Gerdts, "dankbar sein für das, was gut gelaufen ist, Ausbildung, Mehrsprachigkeit, weltweite Praktika. Wenn Eltern mit ihren Sorgen zu mir kommen, frage ich immer: Was kann Ihr Kind, was macht ihm wirklich Spaß? Kürzlich konnte ich einen Vater überzeugen, endlich zu akzeptieren, dass sein Sohn nicht Mathematiker, sondern Spieleentwickler wird."

"Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu", hat der Dramatiker Ödön von Horvath einmal gesagt und muss dabei auch an unsere Kinder gedacht haben. Vielleicht weil wir sie ständig mit der Sorge belästigen, dass sie nicht so werden, wie wir es uns wünschen, vor allem nicht so zügig. Wir wollen das Beste und machen doch so vieles falsch. Wie machen wir es richtig? "Ermutigen statt sich einmischen", sagt Heide Gerdts, "das ist die Grundregel. Und wenn bis 30 noch gar nichts geklappt hat, sollte man einen Marshallplan aufstellen. Was kannst du, wohin willst du, wie helfe ich dir dabei?" Britta Petersen hat das beherzigt. Bastian hat inzwischen eine halbe Stelle als Deutschlehrer, am Wochenende jobbt er weiter im Getränkemarkt. "Damit kann ich leben", sagt die Mutter.

Buchtipps

Evelyn Holst und Eva Gerberding: "Wer sagt, dass Kinder glücklich machen? Von Vätern und Müttern am Rande des Nervenzusammenbruchs". Mit Illustrationen von Til Mette. 240 Seiten, 14,99 Euro, Südwest

Wie junge Erwachsene ihre alternden Eltern sehen, davon handelt das Buch "Mama, das hast du schon fünfmal erzählt! - Geschichten über das Älter-werden der Eltern". Herausgegeben von Ann-Kathrin Eckardt, 221 Seiten, 8,99 Euro, Rowohlt

Text: Evelyn Holst Foto: Image Source/Corbis BRIGITTE woman 01/2013

Kommentare (3)

Kommentare (3)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Vermutlich sind Arbeitslosigkeit und andere missliche Lagen das größte Problem für die Betroffenen selbst und nicht für ihre Mütter! Finde den Satz wunderlich, in dem beschrieben wird, dass eine Mutter damit leben könne, dass ihr Sohn eine halbe Deutschlehrerstelle und eine Aushilfsarbeit hat. Müsste es nicht darum gehen, dass der Sohn damit klarkommt?

    Übrigens: sie schreiben von den Kindern, für die in den 80ern alles getan wurde. Sie meinen vermutlich nur den westdeutschen Teil dieser Generation, richtig? Das sollten sie aber dann so schreiben. Der ostdeutsche Teil der in den 80ern Geborenen hat eine weit andere Prägung erhalten - heute aber dennoch die gleichen Probleme.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Eventmanager und -innen gibt es auch haufenweise zuviel, wer soll die alle beschäftigen???
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Es ist sehr schwierig, aber es hilft - die "Kinder" spätestens ab dreißig nur mehr als andere Erwachsene zu sehen; akzeptieren, man hat gehandelt, so gut man es eben verstanden hat, und so tun es andere Erwachsene jetzt. Wie sehr jede dieser erwachsenen Personen, gleich welcher Generation, darunter leidet, was er/sie letztlich schafft oder nicht, ist ihre/seine Angelegenheit. - Und diese Einstellung muß man üben, lange üben ...
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