Perfekt aussehen: Generation Bauch, Beine, Busen

Immer mehr Mütter stellen fest, dass ihre Töchter nur eins wollen: perfekt aussehen. Dabei dachten sie, sie hätten ihnen vorgelebt, welche Werte im Leben zählen.

Eigentlich hatte sich Mirja Roth für dieses Jahr vorgenommen, Chinesisch zu lernen, mit ihrer erwachsenen Tochter in deren Semesterferien zum Tadsch Mahal zu reisen oder wenigstens den Krimi zu schreiben, der ihr schon seit geraumer Zeit im Kopf rumspukt. Stattdessen denkt sie mit ihren 55 Jahren seit Monaten nur an eines: schöne große Brüste. Nicht für sich, sondern für ihre Tochter - Madeleine. Die 21-jährige Jura studentin aus Bayreuth hat keine Lust auf Indien, dafür aber auf Körbchengröße C. "Als sie sich vor einem Jahr von uns zum Geburtstag eine Operation wünschte, dachte ich noch, das gibt sich", erzählt ihre Mutter. "Vielleicht hatte ja ihr Freund eine blöde Bemerkung gemacht oder so." Der Freund ist inzwischen abgelegt, der Wunsch leider nicht. Mit 21 weiß die volljährige junge Frau genau, was sie will: einen neuen Busen. "Ich bin fassungslos", sagt Mirja Roth. "Ich frage mich ständig: Was habe ich falsch gemacht, dass sie so unzufrieden mit ihrem Körper ist, dass es für sie offenbar nichts Wichtigeres als ihr Aussehen gibt?"

Eine Frage, die auch Roberta Stiller, 51, umtreibt. Nach einem Touristikstudium in Berlin hat ihre 24-jährige Johanna gerade ihren Job in einem Reisebüro für Incentive-Trips angetreten. Die neue Stelle jedoch ist kaum Thema, wenn sie am Wochenende bei ihren Eltern reinschaut. "Jos größtes Problem ist ihr Gewicht", erklärt Roberta Stiller. "Sie hat eine richtig schöne Figur, aber sie findet, ihr Po sei viel zu dick. Ständig zählt sie Kalorien und guckt strafend, wenn sie sieht, dass ich zwei Stück Kuchen nehme. Einmal klagte sie über Stress im Büro und dass ihr kaum noch Zeit zum Entspannen bleibe. Ich sagte: Dann lass doch mal das Joggen weg, du musst doch nicht jeden Tag in den Wald. Sie guckte mich entgeistert an und sagte: Du achtest in deinem Alter natürlich nicht mehr so darauf, aber mir ist das wichtig." Neulich rief Johanna ihre Mutter heulend aus der Stadt an: "Ich dachte schon, irgendwas im Büro sei schiefgelaufen." Aber Johanna schluchzte nur, weil sie beim Shoppen erstmals eine Hose in Größe 38 statt in der gewohnten 36 kaufen musste. Als Roberta Stiller erleichtert auflachte, legte Johanna beleidigt auf. Ihre Mutter ist entsetzt: "Von mir kann sie diese totale Fixierung aufs Äußere nicht haben."

Perfekt aussehen: Schönheitswahn ist keine Phase, sondern Lebenseinstellung

Roberta Stiller liebt duftende Cremes, Mirja Roth spielt Tennis und geht regelmäßig zur Kosmetikerin; beide machen sich gern schön, es macht ihnen Spaß, schicke Klamotten zu tragen, neue Farben im Gesicht auszuprobieren. Sie sehen auch ein, dass pralle Brüste, das fiese Zünglein an der Waage oder ein Fitnessprogramm für einen flachen Bauch manchmal unendlich wichtig werden: in der Pubertät nämlich, bei Teenagern. Zwei, drei Jahre Ausnahmezustand, bis man kapiert, dass man auch mit Pickeln geliebt wird und das Glück nicht an ein paar Pfund mehr auf der Hüfte hängt. Dass es verdammt noch mal eine Menge Wichtigeres gibt. Man liebt, lacht, lebt und wünscht irgendwann den eigenen Töchtern inständig, dass sie diesen Umweg zum Selbstbewusstsein, zur inneren Freiheit erst gar nicht gehen müssen. Um dann entsetzt festzustellen: Im Wertesystem der erwachsenen Tochter hält sich die Schönheit hartnäckig an der Spitze, die junge Frau hadert mit ihrem Körper, isst statt mit Spaß mit schlechtem Gewissen, quält sich bis zum Umfallen beim Hanteltraining für straffe Oberarme, spart nicht auf ein neues Sofa in der ersten eigenen Wohnung, sondern auf eine neue Nase. ist bei ihr keine Phase, sondern Lebenseinstellung.

Töchter im Schönheitswahn: Perfekt aussehen: Generation Bauch, Beine, Busen

"Junge Menschen wollen heute möglichst perfekt sein", glaubt die plastische Chirurgin Dr. Hengameh Farsad aus Tübingen. Wie bei den meisten ihrer Kollegen sind die Anfragen enorm gestiegen, junge Frauen rücken nicht selten mit ihrer Mutter oder ihrem Freund an der Seite zum Vorgespräch zu einer Brustoperation an. Oder mit einem Bild aus dem Internet: Christina Aguileras Bauchpartie, den Lippen Angelina Jolies, den Brüsten von Gisele Bündchen und der klaren Ansage: "So hätte ich das gern."

Immer häufiger lassen sich Frauen mit knapp über 20 vorsorglich Botox spritzen, und seit der Trend zur Intimrasur in der jüngeren Generation zum Kahlschlag führt, sind Anfragen nach Schamlippenoperationen der große Renner. "Dieser Trend wächst ganz gewaltig", bestätigt Dr. Regina Wagner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische und Plastische Chirurgie.

"Meine 20-jährige Tochter Lisa fragte mich neulich, ob sie das Problem ,untenrum' wohl von mir geerbt habe", erzählt Corinna Meyer, 49, aus Remscheid. "Erst wusste ich gar nicht, was sie meint, dann sagte sie ganz ruhig, dass ihre inneren Schamlippen rausgucken würden. Und dass sie das ,wegmachen' lassen wolle. Ich war so verblüfft, ich hatte so was noch nie als Makel begriffen. Es macht mich auch wütend: Da kämpfen wir hier gegen die Verstümmelungen der afrikanischen Mädchen, und meine Tochter lässt sich freiwillig was wegschneiden? Für mich ist das eher eine Grundsatzgeschichte, für sie offenbar nur eine einfache Verschönerungsmaßnahme."

Es ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der plötzlich selbst operative Eingriffe im Namen der Schönheit akzeptiert werden, die der Müttergeneration übel aufstoßen. "Natürlich hatte ich meiner Tochter Ann-Kathrin die Brustoperation ausreden wollen, aber das ging gar nicht, völlig zwecklos. Immerhin akzeptierte sie, dass ich mit zum Chirurgen ging, ich wollte wenigstens, dass sie in guten Händen landet", erzählt die Düsseldorferin Pia Land, 50. "Wir saßen kaum, da fragt er nur: D-Größe, wie alle anderen auch?" Pia war sprachlos: "Ob das sein muss, ob so eine 22-Jährige sich das gut überlegt hat, war überhaupt kein Thema!"

Töchter im Schönheitswahn: Perfekt aussehen: Generation Bauch, Beine, Busen

Die Müttergeneration kaut an Fragen, die von ihren Töchtern häufig einfach runtergeschluckt werden: Unterwirft man sich mit rigiden Diäten, zwanghaften Fitnesstorturen oder gar plastischen Operationen nicht einem tumben Schönheitsideal? Muss nicht eher die Gesellschaft sich ändern als die Körper junger Frauen? Wieso stützt eine ganze Generation ihr Selbstvertrauen in erster Linie auf Bauch, Beine und Busen? "Unsere Gesellschaft ist vom Diktat eines uniformierten Schönheits- und Schlankheitsideals massiv durchdrungen", klagt die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Professor Beate Wimmer-Puchinger. "Den Druck zum gemachten Körper spüren Frauen jeden Alters und Einkommens."

Einer britischen Umfrage zufolge sind nur zwei Prozent aller Mädchen und jungen Frauen mit ihrem Körper zufrieden, sieben von zehn meinen, das Leben wäre schöner, wenn sie selbst hübscher wären. Zwei von fünf Frauen würden drei bis fünf Jahre ihres Lebens für ein Idealgewicht geben. Vorbilder heute: Models und Schauspielerinnen. Models, natürlich, eiferte man schon vor 20 Jahren nach - nur wogen sie damals nur rund acht Prozent weniger als die Normalfrau -, heute liegt der Unterschied bei 23 Prozent. Junge Frauen machen sich freiwillig zu Barbiepuppen, zu Sexsymbolen, sagt die britische Feministin Natasha Walter und sucht mit ihrem neuen Buch die Antwort auf die Frage "Warum junge Frauen heutzutage lieber schön als schlau sind". Vielleicht interpretieren junge Frauen die Ziele der Emanzipation auch einfach nur anders. Nicht als Befreiung von Sexsymbolen, sondern als Befreiung des weiblichen Körpers schlechthin: Mit seiner Haut, seinem Busen, seinem Gewicht kann man machen, was man will; man darf seinen Körper nach Herzenslust modellieren und verändern.

"Ich tue es ja nicht für einen Mann, ich tue es für mich selbst", behauptet Roberta Stillers Tochter Johanna. "Ich fühle mich schlank einfach wohler." Ein gefährlicher Irrglaube, meint die Landauer Diplompsychologin Dr. Marion Sonnenmoser: "Junge Frauen halten das, was die Gesellschaft von ihnen erwartet, für ihren ureigenen Wunsch." Weil Schönheit nicht mehr nur als Doping bei der Partnersuche verkauft wird, kommt sie vermeintlich zweckfrei daher. In Wirklichkeit aber hat sie längst das Versprechen auf Universalglück in allen Lebenslagen im Schlepptau.

Perfekt aussehen für das Internet

Da heißt es auf dem Schulhof nicht mehr: Du bist ja doof, sodern: Deine Mutter sieht ja scheiße aus... Auch das Internet sorgt mit seiner ständigen Bilderflut dafür, dass unsere Wahrnehmung stärker denn je auf das Äußere fixiert ist; schon vor dem Abi ihrer Tochter fiel Mirja Roth auf: "Da heißt es auf dem Schulhof nicht mehr: Du bist ja doof, sondern: Deine Mutter sieht aber scheiße aus..." Du bist, wie du aussiehst: Jahrzehntelang haben wir auf Selbstverwirklichung und Individualität gepocht, erklärt die Berliner Diplompsychologin Ada Borkenhagen, und jetzt "wird eben das Selbst über den Körper ausgedrückt. Darüber vermarkten wir uns. Schon weil Beziehungen heutzutage weniger lange halten als früher, müssen wir uns immer mal wieder in Bestform präsentieren." Digitale Fotobearbeitung verschlankt Oberschenkel, zaubert fürs Facebook-Profilfoto mühelos Pfunde weg; für die gute Performance im wirklichen Leben sorgen Nulldiäten, Marathontraining oder auch ein Chirurg. Das Äußere ist wichtiger denn je: "Auch Angela Merkel wäre in dieser Zeit nicht Bundeskanzlerin geworden, wenn sie nicht vor der Wahl noch ihre Frisur geändert hätte", davon ist Borkenhagen überzeugt.

Einen kompletten Werteverfall ihrer körperverliebten Töchter müssen Mütter deshalb nicht befürchten. "Zu Zeiten meiner Großmutter war Haarefärben noch verpönt", sagt Borkenhagen. "Darüber regt sich heute kein Mensch mehr auf. Und so normal wie Haarefärben werden auch Botox und Hyaluronsäure zum Unterspritzen sein." Selbst Schamlippenoperationen bedeuten für sie keinen Verrat an der Frauensache: "Das Geschlecht der Frau, das bisher immer verborgen war, ist durch das Modephänomen des Rasierens erstmals sichtbar geworden. Das könnte sogar ein emanzipativer Akt sein. Aber natürlich passiert selbst dort sofort eine Normierung: Wenn es schon gezeigt wird, soll es auch schön sein. Für Männer galt der Attraktivitätsanspruch an ihr Geschlecht bereits über Hunderte von Jahren - jetzt trifft es genauso die Frauen."

Nicht alle Mütter laufen Sturm gegen die Körperfixiertheit ihrer erwachsenen Töchter. "Oft bebegleiten sie ihre Töchter zum Infogespräch vor der Brustvergrößerung bei mir und sagen: Wenn ich damals die Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich es auch getan", erzählt die plastische Chirurgin Dr. Regina Wagner aus Hamburg. Mütter, die ihre Töchter vor Eingriffen dieser Art noch in ihren Verbesserungswünschen bestärken, sind Dr. Aglaia Stirn allerdings eher suspekt: "Einige Frauen wollen sozusagen secondhand über ihre Töchter einen Attraktivitätsgrad erreichen, der vorher nicht möglich war", sagt die Chefärztin für Psychosomatik am Westklinikum Hamburg, wo viele junge Frauen auch wegen Essstörungen behandelt werden.

Die Umwelt ist gnadenloser geworden, abschätziger

Mirja Roths Tochter Madeleine trägt inzwischen tatsächlich eine neue Oberweite, auch Ann-Kathrin aus Düsseldorf hat einen neuen Busen in Körbchengröße D. Nie im Leben, sagt ihre Mutter Pia, habe sie selbst je daran gedacht, sich die kleine Brust vergrößern zu lassen, die ihre Tochter offensichtlich von ihr geerbt hatte: "Ich fand mich eigentlich immer ganz hübsch. Aber inzwischen frage ich mich: Bin ich das wirklich? Und wie sehen mich andere? Es wird einem bewusst, dass die Umwelt gnadenloser geworden ist, abschätziger." Pia Land gibt allerdings zu: Seit der Operation ist Ann-Kathrin selbstbewusster geworden, geht offener auf Menschen zu, treibt wieder Sport, mag ihren Körper. "Das freut mich natürlich unendlich", sagt ihre Mutter. "Den Weg dahin hätte ich mir halt anders gewünscht." Über die Seele, nicht über den Körper. Nicht über eine Schönheitsoperation.

Wer hier schreibt:

Silke Pfersdorf

Kommentare (3)

Kommentare (3)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Seltsamer Artikel, oder leiden wir schon unter Alzheimer? Also, ICH kann mich SEHR GUT daran erinnern, wie perfekt meine Freundin und ich Ende der 70er sein wollten, wenn wir weggingen (meine Freundin und ihre Entenschwanz-Frisur). Das ein paar Jahre später alle plötzlich die PERFEKTE Diana-Tolle haben mussten ... etc. Entschuldigung, aber dieser Artikel ist ja so was von daneben. Wer sich jetzt schon nicht erinnern kann, wie sich Jungsein anfühlt, sollte dringend zum Arzt. Mal ehrlich, wer hat nicht im stillen Kämmerlein wegen der ersten grauen Haare gejammert? Och, und Brigitte hatte damals interessante Artikel ...
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Nun, man lese die Brigitte, dann weiß man woher die Mädels diesen Anspruch haben. Auch darin geht es in jeder Ausgabe um Schönheit - die gemacht werden soll: mit Kosmetik, Mode, Diäten etc. Schade auch, dass es nun doch so wenige "normale" Frauen gibt, die die Mode zeigen- in letzter Zeit werden die "Models" doch wieder immer dünner. Ich befürchte die Idee "normale Frauen" zu zeigen ist verpufft! Brigitte und Brigitte woman, Zeitschriften für die "perfekte Frau". Leider.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Das gibt sich mit der ersten Schwangerschaft. Seit meine Tochter Mutter geworden ist, ist sie wieder frei, sich auf das Wichtige im Leben zu konzentrieren. Mein Schwiegersohn mag sie mit etwas Baeuchlein sogar lieber. Das Baeuchlein hat schliesslich auch seinen Zweck: Es gibt dem Busen ein Plaetzchen zum Liegen. Damit er nicht gleich an die Knie geht. Das ist naemlich sehr schmerzhaft. Nieder mit dem Schoenheitswahn!



    Heidelore Haubentaucher,

    Castrop-Rauxel

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