Fremdgehen in der Ehe: Das sitze ich aus

Wie schafft man es, einem Partner die Treue zu halten, der nicht treu sein kann? Unsere Autorin erzählt.

Es war die Abwesenheit von Geruch, die mir zeigte, wenn Georg von einer anderen Frau kam. Weil er aus Rücksichtnahme auf mich immer duschte, bevor er spätnachts zu mir ins Ehebett stieg. Wie mein Herz klopfte, wenn er dann, meist blitzschnell, eingeschlafen war und ich mich vorsichtig über ihn beugte, um zu erschnüffeln, ob er nach gar nichts, sprich: nach Fremdgehen roch. Oft habe ich dann sein friedlich schlafendes Gesicht beobachtet, während mir das Herz brach und gleichzeitig die heiße Wut in mir hochstieg.

Wie erklärt man anderen Menschen die Liebe zu einem Mann, der einen im Laufe einer 27-jährigen Ehe unzählige Male betrogen hat? Wann immer ich es auch nur ansatzweise versucht habe, bin ich auf absolutes Unverständnis gestoßen. Immer sind Sätze wie "Das hast du doch nicht nötig" oder "Dass du dich so erniedrigen lässt!" gefallen. Immer ging es mir richtig schlecht danach. Also hab ich die dunkle Seite meiner Ehe für mich behalten und der Außenwelt nur die helle gezeigt. Das beruflich erfolgreiche Architektenehepaar mit zwei gut gelungenen Söhnen.

Das gastfreundliche, gemütliche Haus, die Sommerfeste in unserem Garten, ja, die Fassade stimmt. Aber, und genau da liegt mein Dilemma, eben nicht nur die. Vom Sexuellen mal abgesehen, sind Georg und ich noch immer ein Traumpaar.

"Monogamie wird überbewertet" - dieser Satz fiel in unserer Ehe nicht nur einmal

Wir reden, wir lachen, wir reisen und kochen miteinander, noch nie haben wir uns miteinander gelangweilt. "Mein Lebensmensch", nennt mich Georg, und ich weiß inzwischen mit knochentiefer Sicherheit, dass er mich nie verlassen wird. Vermutlich wird er mich seit seinem vierten Bypass vor sechs Monaten auch nicht mehr betrügen. Aber selbst wenn, wäre das kein Trennungsgrund mehr. "Monogamie wird überbewertet" - als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, stand Georg nackt vor meinem Herd und zeigte mir, wie man das perfekte Risotto kocht.

Es war nicht die Optik, die mich an ihm faszinierte, Georg ist klein und früh verglatzt und hatte schon damals ein kleines Bäuchlein. Aber er hatte dieses "Mit mir wirst du Spaß haben"-Funkeln in den Augen, das alle Frauen in seiner Gegenwart einfach "anknipst". In seiner Gesellschaft fühlen sie sich jung, schön, begehrenswert. Natürlich ist Georg ein begnadeter Liebhaber. Bevor ich ihn kannte, hat mir Sex nie viel Spaß gemacht. Die ersten Monate mit ihm waren deshalb fast unwirklich schön.

Fremdgehen in der Ehe: Wann hat das angefangen?

Aber dann hatte ich das Bedürfnis, unsere sexuelle Intensität etwas zu lockern, etwas mehr Alltag in unser Leben zu bringen. Ich hatte einfach weder Lust noch Kraft auf jede Nacht Sex bis in die frühen Morgenstunden. Und dann wurde ich schwanger. Schlapp und müde. Keine Lust auf Sex.

Ich merkte, dass Georg unruhig wurde, dass die Leichtigkeit zwischen uns verloren ging, ich ahnte, woran es lag, aber ich verdrängte. Solange wir nicht darüber redeten, war meine Angst vielleicht nur ein Hirngespinst. Kurz vor der Geburt kam er nach einem Geschäftsessen erst um drei Uhr morgens nach Hause. Ich war so fertig, dass ich ihm eine Riesenszene machte. Und er mich mit den üblichen "Zu viel getrunken, Zeit vergessen"-Lügen beschwichtigte.

Ich glaubte ihm, weil ich ihm glauben wollte. Natürlich ging es weiter. Er war nicht erreichbar, er steckte im Funkloch, er kam spät nach Hause, seine "Geschäftstermine" häuften sich. Ich war wieder schwanger, fühlte mich dick und hässlich, es herrschte Flaute in unserem Ehebett. Ein paarmal raffte ich mich zu dem auf, was Georg dann die "eheliche Frustnummer" nannte, was auch stimmte, denn es fühlte sich freudlos an. Kurz darauf fand ich, wie in einem schlechten Film, eine Rechnung über ein Doppelzimmer, dazu die passende Restaurantrechnung. Es war eindeutig, dass er mich betrog. Und das erste und letzte Mal in unserer Ehe, dass wir darüber sprachen.

"Warum setzt du unsere Ehe aufs Spiel?", heulte ich. Und Georg nahm mich in die Arme und heulte mit. Aber danach sagte er: "Du musst dich damit abfinden, dass ich nicht treu sein kann. Es ist nicht nur der Sex, es ist die Jagd, die Eroberung, dieses Mit-allen-Sinnen-lebendig-Sein. Das kann mir eine Frau allein nicht bieten. Alles andere bekommst du von mir – meine Freundschaft, meine Loyalität, mein Geld. Wenn du darauf bestehst, dass ich dir sexuell treu bin, trenne ich mich von dir. Aber wenn du es aushältst, verspreche ich dir, dass ich dich nicht damit belaste."

Das war natürlich naiv. Und hart, sehr hart. In dieser Phase habe ich versucht, mit meinen Freundinnen darüber zu reden, und schnell gemerkt, dass ich mit dem Problem allein war. Von einer wusste ich, dass ihr Mann sie seit Jahren heimlich betrog - war das die bessere Variante? Mir war klar, dass ich mich entscheiden musste. Und die ersten Jahre war ich sehr oft sehr dicht davor, mich zu trennen.

Weil ich es einfach nicht aushalten konnte, wenn Georg fröhlich mit den Kindern spielte, etwas kochte, mich liebevoll in die Arme nahm, und ich ganz genau wusste, dass er gerade von einer anderen Frau kam. Dass er umso netter zu mir und den Kindern war, wenn er vorher eine gute Zeit im Bett hatte. Manchmal so energiegeladen und aufgekratzt war, dass er auch noch Lust auf mich hatte. Und ich manchmal sogar darauf einging. Das hat mich oft an meine Grenzen gebracht. Gehen wollte ich trotzdem nicht.

Ist Fremdgehen denn schlimmer als Gleichgültigkeit oder Geiz?

Wir hatten inzwischen ein sehr erfolgreiches Architektenbüro auf die Beine gestellt, in dem ich halbtags mitarbeitete, die Kinder liebten ihren Vater abgöttisch, und auch zwischen mir und Georg stimmte ja eigentlich das meiste - es ging uns gut. Wie oft habe ich mir die ehelichen Klagelieder meiner Freundinnen angehört. Der eine trinkt oder raucht zu viel. Einer liegt nur noch auf dem Sofa und sieht fern, der andere kümmert sich nicht um die Kinder. Irgendwas ist immer. Keine Ehe ist perfekt. Und Georg braucht Sex einfach sehr viel mehr als ich.

Ist Fremdgehen schlimmer als Gleichgültigkeit oder Geiz? Natürlich gab es Tiefpunkte. Einmal war es etwas Ernsteres, Georg war ganz weit weg, auch wenn er mit uns am Küchentisch saß und Uno spielte. Da habe ich gemerkt, wie groß meine Angst war, ihn zu verlieren. Ich habe ihn in die Arme genommen und einfach nur "Bleib bei uns" zu ihm gesagt. Kurz darauf war die Sache zu Ende. Als ich nach Georgs vierter Bypass-OP an seinem Krankenbett saß, nahm er nach Minuten des Schweigens meine Hand und flüsterte: "Ich fürchte, dein alter Wolf ist zahnlos geworden." Klingt es zynisch, wenn ich sage, dass dies für mich einer der schönsten Momente in unserer Ehe war?

Text: Evelyn Holst Foto: iStockphoto Ein Artikel aus der BRIGITTE Woman

Kommentare (17)

Kommentare (17)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Auch ich (beruflich erfolgreich, attraktiv, mit vorzeigemäßigem Leben ähnlich wie im Bericht) habe mich mehr als 20 Jahre lang betrügen lassen und dabei immer sehr an meinem Mann gehangen. Ich weiß, dass die Familie / Kinder ihm sehr viel bedeuten und er uns wahrscheinlich nie verlassen hätte. Erst vor kurzem, nachdem ich feststellen musste, dass er auf zwei Fremdgehe-Portalen aktiv war, habe ich mich getrennt, nach 29 Jahren Beziehung. Ich fühle mich seitdem enorm erleichtert, fast wie befreit. Ich bin finanziell unabhängig, habe einen großen Freundeskreis und viele Interessen, und meine Töchter unterstützen mich in meiner Entscheidung. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen ich mich frage, ob ich es nicht doch hätte aussitzen sollen wie die Architektin im Bericht. Ich hänge noch immer an meinem Mann, auch wenn mein Kopf mir das Gegenteil sagt.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Dieses Verhalten hat aus meiner Sicht nichts mit bedingungsloser Liebe zu tun, sondern fehlendem Respekt vor sich selbst und mangelndem Selbstbewusstsein. Wer sagt, dass betrogen zu werden einfacher zu ertragen ist, nur weil man weiß, dass der Partner es tut und wahrscheinlich auch noch wann und mit wem. Wenn der Partner offen ausspricht, dass er oder sie fremdgeht und vom Partner dafür eine Legitimation einfordert ist das schlichtweg egoistisch und dient nur dazu beim Fremdgehen kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und das kommt für mich überhaupt nicht in Frage. In diesem Fall bleibt nur die Trennung. Das sage ich als Mann.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich bewundere diese Frau für ihre starke Fähigkeit zu lieben und wünsche ihr ein sicheres und ruhiges gemeinsames Älterwerden mit ihrem Mann! Sie ist die bei weitem Stärkere in der Beziehung und das weiß und braucht auch ihr Mann. Nur auf dieser Grundlage kann er sein außereheliches Sexleben genießen; würde sie ihn tatsächlich verlassen, würde er vermutlich zusammenbrechen. Wie sehr er sie dabei verletzt macht er sich wahrscheinlich gar nicht klar, denn das lässt sein Narzissmus nicht zu.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ein tatsächlich sehr emotionales Thema. Ich kann Frauen auch nicht verstehen, die in so einer Beziehung leben und es mit Liebe begründen. Denn unter Liebe stelle ich mir etwas anderes vor, nämlich vor allem Respekt. Und es ist in meinen Augen absolut respektlos, wenn man den Partner jahrelang leiden lässt. Zu sagen, ich brauche das und wenn Du es nicht akzepzierst, dann trenne ich mich, mag ja "ehrlich" sein aber sehr egoistisch, denn ich vermute sehr stark, dass sich der Fremdgeher ziemlich sicher ist, dass sie bleibt. Wenn ich mich jedoch ständig betrügen lasse, darf ich mich auch nicht wundern, wenn der Respekt meines Partners mir gegenüber verloren geht. Es ist weiterhin meine Meinung, dass offene Beziehungen nicht auf Dauer funktonieren, das ist Wunschdenken. Einer zieht auf kurz oder lang immer den Kürzeren. Ich glaube außerdem sehr wohl, dass der Mensch monogam leben sollte, wenn er sich für eine Bezwihung entscheidet.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe chris,

    wir verstehen, dass dies Thema ein sehr emotionales ist. Aber wir bitten Sie, die Meinung anderer zu respektieren. Zu allen Themen gibt es unterschiedliche Ansätze, bitte werten Sie andere Meinungen nicht ab. Das würden Sie selbst bei sich auch nicht wollen.

    Herzliche Grüße,

    Ihr BRIGITTE-Team
Bild Montagsnl

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