Ich will aber jammern!

Ja, stimmt, immer gibt es irgendwo jemanden, dem es noch viel schlechter geht als einem selbst. Aber jammern tut trotzdem so gut, findet BRIGITTE-Autorin Alena Schröder.

Manchmal liege ich abends auf dem Sofa, schenke mir ein großes Glas Selbstmitleid ein, nehme einen kräftigen Schluck und bejammere meinen Mann. Das Wetter! Mein Chef! Das Finanzamt! Alles furchtbar! Ungerecht! Niemand liebt mich! Und fett bin ich auch! Leider ist mein Mann ein lösungsorientierter Pragmatiker und lässt sich nicht bejammern. Maximal zwei Minuten lang hört er meinem Genöle zu, bis er die fieseste Waffe gegen mein Jammerbedürfnis einsetzt: einen wohlgemeinten Lösungsvorschlag! Mach doch ein bisschen mehr Sport. Sprich doch einfach mal mit deinem Chef. Kauf halt nicht so viel Schokolade. "Ich will mein Problem aber gar nicht lösen", greine ich verzweifelt. "Ich will einfach, dass du mich ein bisschen bemitleidest!" - "Ich versteh dich nicht", brummt mein Mann, greift nach der Fernbedienung und macht die Nachrichten an, um mir angesichts des Elends auf der Welt zu beweisen, wie unfassbar albern und ungerechtfertigt mein Gejammer ist.

Und damit hat er natürlich recht. Wie auch meine Facebook-Freunde, die mir sofort Links zu Onlinepetitionen gegen alle Großübel der Welt schicken, wenn ich mich dort öffentlich mitleidheischend über alltäglichen Pipifax beklage: "Du regst dich ernsthaft über deine lauten Nachbarn auf? Sei froh, dass du ein Dach über dem Kopf hast, anders als die Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge!"

Lebenseinstellung: Ich will aber jammern!

Ja, ja, ich weiß: Welchen Grund hätte ich schon, mich ernsthaft zu beschweren, satt und gesund, wie ich bin? Jammern, so viel ist klar, ist ein Wohlstandsphänomen. Je besser es uns geht, umso mehr verspüren wir den Drang, unser Glück zu relativieren und uns ein wenig zusätzliche Zuwendung zu erschleichen. Dabei trägt Jammern nichts zur Verbesserung der beklagten Situation bei, es gibt sogar wissenschaftliche Studien, die belegen, dass sich beispielsweise Krankheitssymptome verstärken, je mehr ein Patient über sie klagt. Und interessanterweise hört man Menschen, die ernste Sorgen haben und denen es wirklich schlecht geht - etwa weil sie krank, hungrig oder arm sind -, selten jammern. Vermutlich, weil sie all ihre Kraft zum Überleben brauchen und für so etwas wie Seelenhygiene einfach keine Ressourcen vorhanden sind.

Und trotzdem tut es gut, ab und an zu jammern, einfach nur um des Jammerns willen, egal wie schwindelerregend hoch das Niveau auch sein mag, auf dem man es tut. Jammern ist ein "guilty pleasure", genau wie der Konsum von Fastfood oder schlechten Reality-Shows: ungesund, schlecht fürs Karma - aber in unserem kontrollierten, effizienten und erfolgsorientierten Alltag dann und wann eine dreckige kleine Wohltat.

Nur ist die eigene Beziehung meist der schlechteste Ort dafür. Andauerndes Jammern macht nicht besonders attraktiv und schafft ein Ungleichgewicht. Wer will schon sein Leben mit jemandem verbringen, der sich für ein verkanntes Genie hält oder es sich für immer in dem Gefühl gemütlich macht, ein unschuldiges Opfer der Umstände zu sein? Natürlich gibt es Beziehungen, die nur wegen dieses Ungleichgewichts funktionieren: Der breitbrüstige "Ich erklär dir die Welt"-Typ, der sich ein anämisches und schutzbedürftiges Rehlein sucht. Oder die patente Seelen-Krankenschwester, die gebraucht werden will und sich deshalb einen hypochondrischen Grantler anlacht.

Lebenseinstellung: Ich will aber jammern!

Der eine nölt, der andere tröstet - nur: Ewig funktioniert das in der Regel nicht, jedenfalls kenne ich kein einziges glückliches Paar, in dem beide Partner auch nach Jahren noch mit liebevoller Zuwendung auf jeden tödlichen Männerschnupfen oder den Satz "Und du findest mich auch wirklich nicht zu dick?" reagieren.

Ich plädiere also dafür, sich für gelegentliches Jammern und wohliges Suhlen im Selbstmitleid eine patente Jammerfreundin zuzulegen. Meine heißt Susanne, wir treffen uns etwa alle zwei Wochen und praktizieren gemeinsam Jammer-Yoga. Das ist eine tolle Technik, den Körper und den Geist zu entspannen - ganz ohne sportliche Betätigung: Wir treffen uns bei unserem Lieblingsitaliener, bestellen etwas Fettiges, und dann bedauern wir einander ausgiebig. Einzige Regel: keine Ratschläge, keine Lösungen!

Zum Aufwärmen tauschen wir uns über das Wetter aus (Schrecklich! Macht Kopfweh! Früher waren die Sommer nie verregnet!). Danach arbeiten wir verschiedene Themen durch. Den Job (Ich schaffe das alles nicht! Ich bekomme immer nur noch mehr Arbeit auf den Schreibtisch, und niemand sagt mal danke! Mein Chef weiß nicht mal, wie ich heiße!), die Männer (Immer bleibt alles an mir hängen! Er interessiert sich nur noch für Fußball/seine Plattensammlung/seinen Computer!), die Kinder (Ich versteh sie einfach nicht mehr! Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll! Dabei war er so ein süßes Baby!) sowie unseren voranschreitenden körperlichen Verfall (Mein Rücken ist die Hölle! Ich weiß, ich sollte mehr Sport machen, aber ich komme einfach nicht dazu! Ich bin fett/alt/hässlich!).

Während die eine jammert, hört die andere mit betroffener Miene zu, sagt ab und zu so etwas wie "Du Arme!" oder "Das muss schrecklich für dich sein!" und schließlich "Bei mir ist es noch viel , viel schlimmer!". Dieser Satz leitet über zum Höhepunkt der Jammer-Yoga-Einheit: dem Opferduell! Wir steigern uns in ein lautes Lamento darüber, wer von uns beiden den schlimmeren Job, den liebloseren Gatten, die missrateneren Kinder und den fetteren Hintern hat, um uns dann zum anschließenden Cool-down ein Trost-Tiramisu zu teilen und noch mal ausgiebig und aus tiefstem Herzen zu seufzen.

Lebenseinstellung: Ich will aber jammern!

Anschließend laufe ich entspannt, glücklich und beschwingt nach Hause. Ich habe mir meine ganzen Luxussorgen von der Seele gequatscht und außerdem noch das gute Gefühl, dass ich im Vergleich zu Susanne gar nicht so schlecht dran bin - wohl wissend, dass sie dasselbe über mich denkt. Das mag herzlos klingen, aber mal ehrlich: Wer will schon Freunde, deren Leben eine einzige Aneinanderreihung von Erfolgen und Glücksmomenten ist? Die perfekte Beziehungen, perfekte Kinder und perfekte Jobs haben und auch noch ständig davon erzählen? Eben. Für Susanne und mich ist diese Jammersymbiose ein Fundament unserer Freundschaft. Es erleichtert, es schafft eine Verbindung zwischen uns, und wir gehen damit niemandem auf die Nerven, der unsere Jammerei womöglich unangemessen findet.

Für Jammerfreundinnen, die viel zu beklagen haben, gibt es übrigens einen geradezu zwingenden Ort für ein entspanntes Frauenwochenende: Unter dem Stichwort "Jammertal" findet sich im Internet ein exklusives Spa-Resort gleichen Namens.

Text: Alena SchröderBRIGITTE woman 08/2014 Illustrationen: Grobi White

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Kommentare (7)

Kommentare (7)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Kommendatorin

    Als ich Kind war musste ich meinen Teller leer essen, weil die Kinder in Biafra hungerten. Dabei wurde dort kein Kind satter davon. Von der nicht gekauften Butter wird kein Kind satt. Niemand braucht nach Indien zu blicken, auch bei uns huungern Kinder, das kann ich in der Kita sehen. Und da ich es mir nicht leisten kann nach Indien zu fahren um selbst etwas zu verteilen, bleibt nur das spenden. Ich habe übrigens keinen Zweitwagen, den kann ich mir nicht leisten.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Was für ein ekeliger Artikel über die Rechtfertigung des pervertierten Gejammers. Ihr regt euch auf, dass die Butter alle ist und der Zweitwagen durch die Waschstraße muss, und in Indien verrecken die Kinder in der Seitenstraße und verhungern die Mütter, weil wir hier ihr Getreide vertanken. Schöne rosa Welt, Liebeskummer, Speckröllchen und niedliche Katzenbildchen. Ich geh kotzen.

    PS: Aber ihr könnt ja bei Brot für die Welt 5€ spenden - dann ist ja alles im Lot. Klar doch, genau ...
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ja Jasmin,

    diese Form des Jammerns tätige ich auch. Wohnung , schon wieder dreckig, Auto muss schon wieder durch die Waschstrasse und die Butter ist auch alle...
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Der Artikel passt zu 100% auf mich! Jammern muss halt einfach ab und an sein, ohne dass jemand (mein Freund) meine Probleme relativiert. Da geht es vor allem darum, Dampf abzulassen, ob der Ungerechtigkeit der Welt gegen mich - sei es mein Stoffwechsel (zu langsam), der Autofahrer vor mir (zu langsam) oder irgendeine Behörde (zu langsam).
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich kann dich voll vertsehen.Ich bejammer mich auch gerne.Alles in deinem Artikel trifft zu.Leider fehlt mir die Jammer-Freundin.Ich finde sie aber noch.Auch bin ich 100% tig der Meinung das sich alles zum guten wenden wird.Wie man dir auch schon sagte,es ist jammern auf hohem Niveau-manchmal.Wenn man meint der Chef oder irgendein anderer ist gegen uns,ist das natürlich recht schwer. Na,ja wie sagt mein Mann so schön ,mich dabei zur Weißglut bringend-"Wird schon".

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