Freundschaften erhalten: Worauf kommt's an?

Wie kann man im hektischen Alltag Freundschaften erhalten? Ein Interview mit der Psychologin und Buchautorin Beate Weingardt.

BRIGITTE: Was macht eine gute Freundin aus?

Beate Weingardt: Eine gute Freundin ist ein Mensch, dem ich vertrauen kann. Jemand, der für mich da ist und ein offenes Ohr für das hat, was mich bewegt. Und sie sollte verlässlich sein.

Viele Frauen würden gern eine gute Freundin sein, haben aber immer weniger Zeit dafür: Job, Partner, Kinder... Wie kann man abends oder am Wochenende noch pflegen?

Man muss Prioritäten setzen. Das bedeutet natürlich auch, dass man an anderer Stelle auf etwas verzichten muss. Eine Freundschaft ist wie ein Garten. Wenn ich mich nicht um ihn kümmere, sieht der irgendwann nicht mehr so aus, wie ich ihn gern hätte. Ich lebe beispielsweise in Tübingen und wir haben in der Stadt ein großes Kulturangebot, das ich sehr schätze. Aber ich muss mich auch entscheiden: Gehe ich zu einer Veranstaltung oder treffe ich mich mit einer Freundin?

Oft sind bestimmte Dinge gesetzt: Job, Partner, Familie. Sollte ich mich aus Zeitnot von Freundschaften lösen?

Ich denke, man kommt um eine gewisse Auswahl nicht herum. Man kann viele Bekanntschaften haben, die nebenher laufen, aber in Freundschaften muss man investieren. Verbundenheit und Verlässlichkeit kann man nicht nebenher erzeugen. Ich glaube, dass viele heute den Fehler machen, ihre Zeit wahllos irgendwelchen Menschen oder Treffen zu widmen, bei denen sie sich im Nachhinein fragen, ob es wirklich lohnend und bereichernd war.

Beate Weingardt

Die 54-Jährige ist Psychologin und Theologin. Sie hält Vorträge, gibt Seminare und schreibt Bücher, unter anderem Freundschaft macht glücklich - warum wir Weggefährten brauchen (Verlag SCM R. Brockhaus, 96 Seiten, 8,95 Euro). Beate Weingardt lebt in Tübingen. Mehr Informationen auf Ihrer Website www.beate-weingardt.de.

Kann man nicht auch mit SMS oder Mails eine Freundschaft am Leben erhalten?

Damit kann man versuchen, ein Gefühl von Verbundenheit herzustellen. Ich glaube aber, dass diese Form der Verbundenheit nicht sehr tragfähig ist. Stellen Sie sich einen Ernstfall vor: Sie sind mitten in der Nacht mit Ihrem Auto liegengeblieben. Können Sie solche Freunde wirklich fragen, ob sie Sie abholen? Oder wenn Sie morgen die Diagnose bekommen, schwer krank zu sein. Sicher können Sie sich auf Ihre Familie stützen, aber es wäre doch auch schön, wenn es noch andere gäbe. Mir hat einmal eine Frau erzählt, dass sie ihren Freunden gesagt habe, dass sie schwer krank sei. Die Reaktion war: "Dann melde dich doch wieder, wenn es dir besser geht." Das war für diese Frau eine furchtbare Enttäuschung. Denn Freundschaften bedeuten auch, dass man füreinander Opfer bringt.

Aber gute Freundschaften zeichnen sich doch auch dadurch aus, dass alles ist wie früher, auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gemeldet hat.

Ja, aber der seltene Kontakt wird die Freundschaft verändern. Denn die Energie, die ich in die Beziehung investiere, ist geringer. Man erinnert sich beim Wiedersehen an alte Vertrautheit. Aber die Beziehung ist anders, weil man vom alltäglichen Leben des anderen nicht viel mitbekommt.

Gibt es Lebensphasen, in denen Freunde weniger Platz haben?

Viele berufstätige Frauen sparen tatsächlich am "Luxusgut" Freundschaften. Ich glaube, dass das eine falsche Weichenstellung ist. Ich habe gerade einen Artikel eines Altersforschers gelesen, der sagte: "Einsamkeit ist der Krebs des Alters". Man kann nicht, wenn man plötzlich Zeit hat, zum Beispiel im Ruhestand, Freunde wie Pilze züchten. Darin sehe ich eine Gefahr - dass sich die Prioritätensetzung in der hochaktiven Lebensphase bitter rächt. Ich rate dringend, dass man sich nicht nur auf die Familie konzentriert, denn die ist oft mit Erwartungen überfrachtet.

Freunde nicht?

Nicht so stark. Man hat in Freundschaften mehr Spielraum, schließlich hat man sich die Freunde ausgesucht. Es bleibt automatisch eine gewisse Distanz, sowohl räumlich als auch emotional. Ich kann steuern, wie ich mich einbringen will. Dagegen müssen wir bei Familienangehörigen, Kindern, Partnern oder Eltern meist hohe Rollenerwartungen erfüllen.

Es gibt Phasen, in denen eine Freundin viel Unterstützung braucht - etwa nach einer Trennung. Aber irgendwann ist der andere davon erschöpft. Wie kommt man wieder ins Gleichgewicht?

Mit Offenheit. Man könnte sagen: So viel Zeit und Kraft will ich aufbringen, aber ich kann leider nicht mehr bieten. Diese Ehrlichkeit sollte in einer Freundschaft möglich sein. Freunde, die das nicht tolerieren oder respektieren, wären sehr ichbezogen. Das ist keine gute Basis. In diesem Fall darf man sich abgrenzen, auch wenn das zum Ende einer Freundschaft führen könnte.

Wenn eine Freundschaft mich auslaugt, kann es keine gute Freundschaft sein?

Dann habe ich versäumt, Grenzen zu ziehen. Das ist nicht die Schuld des anderen, der einen beansprucht, sondern auch die eigene Verantwortung. Ich muss rechtzeitig signalisieren, was ich geben will.

Es geht also um einen Mittelweg zwischen "in Freundschaften investieren" und "Grenzen setzen"?

Ja, das geht glücklicherweise in Freundschaften oft leichter als in Familienbeziehungen, weil in der Familie die emotionale Nähe viel größer ist und das Nein-Sagen deshalb schwerer fällt.

Wie viele gute Freundinnen braucht man überhaupt?

Auf jeden Fall mehr als eine oder zwei, denn sonst ist die Abhängigkeit von diesen beiden zu groß. Wenn die eine aus verschiedenen Gründen nicht kann, muss die andere alles auffangen. Ich würde sagen, dass eine optimale Zahl zwischen vier bis sechs, maximal sieben liegt. Mehr kann man emotional auch gar nicht leisten. Natürlich kann man mehr Bekannte haben, mit denen man sich hin und wieder trifft. Doch ich rate, das Thema Freundschaften ernst zu nehmen. Viele sagen zwar, dass ihnen Freunde wichtig sind, aber sie tun wenig dafür. Auch eine gute Freundschaft gelingt, wie alles Wertvolle im Leben, nicht mühelos. Aber die Mühe lohnt sich.

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