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Urlaub im Kloster

Autorin Birgit Schönberger versucht Ruhe zu finden - und nimmt Urlaub im Kloster mitten in Berlin.

Kloster: Das klingt nach lichtdurchfluteten Kreuzgängen, duftenden Kräutergärten, pittoresken Kirchtürmen und romantischen Sonnenuntergängen über üppigen Weinbergen. Doch der Ort, den ich mir für meine dreitägige Auszeit ausgesucht habe, ist ein karger, moderner Bau neben einer Gedenkkirche für die Opfer des Nationalsozialismus - mitten in Berlin, gerade mal drei Autominuten vom ehemaligen Flughafen Tegel entfernt.

Ich will keine Wochenend-Wellness-Erfahrung auf dem Land, auch keinen "ora et labora"-Klosteraufenthalt mit Heckenschneiden oder Küchendienst - arbeiten tue ich wahrhaftig schon genug. Ich sehne mich nach Kontemplation im Großstadtchaos. Und genau dazu laden die Karmeliterinnen vom "Karmel Regina Martyrum" ein: "Die Lebensordnung im Karmel dient der Sammlung. Das Schweigen eröffnet einen Zugang zur inneren Stille", habe ich im Faltblatt gelesen. An einem Montagmorgen stehe ich vor der Tür des Gästehauses - und beginne bereits, an meiner Entscheidung zu zweifeln. Der hohe graue Glockenturm mit dem Kreuz darauf erinnert mich an einen Gefängnisturm, und die Betonlamellen, die das Gästehaus des Klosters umschließen, sehen aus wie Gitterstäbe. Warum habe ich für ein bisschen Ruhe nicht doch einfach ein abgelegenes Hotel mit Seeblick gebucht?

Obwohl ich das alles nur denke, sind meine Zweifel offenbar so laut, dass sie im Klosterladen gehört werden. Eine junge Schwester kommt heraus, strahlt mich an und führt mich ins Gästehaus. Im Vorraum begrüßt mich eine Madonna mit Jesuskind. Die schwere braune Holztür fällt im Zeitlupentempo ins Schloss. Angenehm kühl und ruhig ist es hier, eine andere Welt. Ich seufze erleichtert. Ade, Supermarkt-Gedränge, Handyterror und Baustellenlärm! Kann es wirklich sein, dass ich eben noch Wäsche abgehängt und E-Mails verschickt habe - gerade mal zehn U-Bahn-Stationen entfernt? Eine ältere Nonne kommt mir entgegen. "Ich bin Schwester Petra. Sie sind aber früh dran."

Urlaub im Kloster: Stille, bitte komm!

Ich hab's halt eilig, mich zurückzuziehen, denke ich, schließlich bin ich effizient. Sie lächelt, huscht lautlos über den rot gefliesten Boden die Treppe hinauf in den ersten Stock, zeigt mir die Bibliothek, die Teeküche und den Meditationsraum und führt mich schließlich in mein Zimmer. Ein schmales Bett, ein Waschbecken, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl: Die Einrichtung ist so sparsam wie Schwester Petras Wortwahl. "Wir lieben das Schweigen", sagt sie, "deshalb sprechen wir unter einander nur das Nötigste. Das Mittagessen ist um halb eins. Seien Sie bitte pünktlich." Dann ist sie weg. Verschwunden in der Klausur - so heißen die Räume, die nur die Nonnen betreten dürfen und in denen fast nicht gesprochen wird. Und was mache ich jetzt? Nichts! Ich mache einfach mal nichts. Leider habe ich vollkommen vergessen, wie das eigentlich geht. Das letzte Mal, als ich absolut nichts gemacht habe, war ich - glaube ich - sieben. Ich bin noch nicht so weit. Ich muss erst noch was tun.

Auspacken, Matratze testen, Handy ausschalten, Gästehausbroschüre studieren, ankreuzen, ob ich lieber Tee oder Kaffee möchte. Und jetzt Stille. Bitte komm! Stattdessen meldet sich mein Genusstrieb. Ein Latte macchiato wäre schön, denke ich, am besten irgendwo an der Spree. Von dort springt mein Geist direkt zum Bodemuseum, da will ich schon so lange hin. Museum, Cafés, Freizeit - was könnte ich in diesen drei freien Tagen nicht alles unternehmen! Kaum bin ich im Kloster, fühle ich mich schon wie auf Entzug.

Aber ich sage mir, dass Latte macchiato nur kurzfristig glücklich macht, und gehe nach oben in den Meditationsraum. 20 Quadratmeter Ruhe nur für mich. Sisalteppich, Holzdecke, weiße Wände, eine Kerze in einem roten Windlicht, ein Kreuz. Keine Möbel bis auf ein paar Meditationsbänkchen. Ich setze mich und schließe die Augen. Genau in dieser Sekunde wirft der Klostergärtner draußen den Rasenmäher an. Die Stille und ich sind wie zwei Königskinder: Immer wenn wir uns mal treffen wollen, kommt irgend etwas dazwischen. Der Rasenmäher brüllt mich an: Hast du vielleicht gedacht, im Kloster gäbe es keinen Krach? Trotzig bleibe ich sitzen. Mal sehen, wer den längeren Atem hat. Nach einer gefühlten Ewigkeit hört der Lärm auf. Die Stille danach erscheint mir plötzlich so unendlich kostbar. Tränen laufen mir übers Gesicht.

Ich bin gerade mal zwei Stunden hier und muss schon weinen. Von ganz tief aus meinem Innersten steigt Trauer hoch. Warum strenge ich mich immer so an, warum mache ich es mir so schwer?, frage ich mich. Ich weine über die Unmöglichkeit, Kontemplation zu finden - in meinem voll gepackten Leben und hier in diesem Raum, weil der Druck, zur Ruhe zu kommen, das Geschrei in meinem Kopf noch lauter macht. Und weil die Leere mich schmerzlich berührt, mich sehnsüchtig macht. Die Glocken läuten und reißen mich aus meinen Gedanken. Sie rufen die Nonnen zum Gebet: morgens um sieben, mittags um zwölf und abends um sechs Uhr. Glockengeläut bedeutet: innehalten. Dann lassen sie alles stehen und liegen und betreten die Krypta mit Wänden aus schwarzem Basalt.

Ihre Gesänge vibrieren im dunklen Raum, laden ihn mit Energie auf. Die Vorsängerin hat eine glockenhelle Stimme, die mein Herz berührt. Doch mein Kopf rebelliert gegen die Texte, die ich seit meiner Kindheit kenne: Während die Nonnen ein Friedensgebet singen, muss ich an die jungen Webdesigner in Mitte denken, die jetzt die Cafés bevölkern und in ihre Handys brüllen. Ein absurder Kontrast. Die Stadt da draußen holt mich immer wieder ein.

Nach dem Mittagsgebet steht das Essen auf dem Tisch: eine dampfende Schüssel Brühe mit Eierstich, gefolgt von Hähnchenschnitzel mit Kartoffeln, und zum Abschluss gibt es eingemachte Zwetschen. Der Duft umhüllt mich wie eine warme Decke, weckt Erinnerungen an die Sonntagsessen bei meiner Oma. Ich bin allein im Speisesaal, die anderen Gäste kommen erst abends. Wann habe ich das letzte Mal ganz allein in Andacht gegessen?

Ich könnte heulen und weiß nicht, warum.

Ich könnte schon wieder losheulen - und weiß gar nicht so recht, warum. Diese ersten Stunden im Kloster sind ein Kampf, dauernd bin ich hin- und hergerissen. Wenn durch die Fensterchen ein Sonnenstrahl in den Meditationsraum fällt, zieht es mich nach draußen in den kleinen Vorgarten mit den Birken. Kaum sitze ich dort, denke ich: Drinnen ist es eigentlich doch viel schöner und ruhiger. Mich plagt das, was Buddhisten "Affengeist" nennen. Der ist nie zufrieden und gaukelt mir vor: Genau da, wo du gerade nicht bist, ist es noch viel besser.

Manchmal erhasche ich tatsächlich für ein paar Sekunden einen Zipfel Gelassenheit und spüre, dass es in mir einen Ort gibt, der ruhig ist und zeitlos. Doch dann kommt wieder ein Gedanke, der alles kaputt macht. "Das ist völlig normal. Am Anfang geht man die Wände hoch", beruhigen mich die beiden Mönche, die ich später beim Abendessen treffe. Sie kommen aus Österreich, machen vier Tage Urlaub von ihrem eigenen Kloster und genießen es, nach Lust und Laune zu reden und die Gebetszeiten zu schwänzen. Morgen wollen sie eine Schiffsfahrt auf der Spree machen. Ich beneide sie kein bisschen, obwohl ich Spreefahrten wirklich liebe. Die Abwesenheit sämtlicher Reize fasziniert mich allmählich mehr als die Verlockungen der Stadt.

Um halb zehn liege ich schließlich todmüde vom Nichtstun im Bett. Ich mag mein karges, kühles Zimmer und den Blick in den wilden Klostergarten, der daliegt wie ein verlassenes Paradies. In dieser Nacht träume ich von riesenhaften schwarzen Kreuzen. Die Laudes, das Morgengebet, verschlafe ich und mache vor dem Frühstück Yoga in meiner Zelle. Wimperntusche und Lippenstift lege ich ungeöffnet wieder hin. Hier interessiert es niemanden, ob ich schick oder erfolgreich bin. Nicht einmal mich selbst.

Die Ruhe kommt, wann sie will

An diesem Tag bewegen wir uns sacht aufeinander zu, die Ruhe und ich. Sie ist kapriziös und mag es nicht, wenn ich sie unter Druck setze. Sie kommt, wann sie will. Meistens dann, wenn ich nicht mit ihr rechne. Ich widerstehe dem Drang, aufzuspringen und nach draußen zu gehen, bleibe einfach auf meinem Bänkchen im Meditationsraum sitzen. Allmählich beginne ich zu verstehen, dass es nicht ums Mich-gut-Fühlen geht, sondern darum, so zu sein, wie ich gerade bin: melancholisch, hungrig oder heiter, verspannt, euphorisch, träge oder hibbelig.

Am dritten Tag fühle ich mich beinahe schon heimisch. Auf wundersame Weise hat das Kloster die Stadt verschluckt. In meinen Gedanken existiert sie gar nicht mehr, obwohl ich manchmal Flugzeuggeräusche höre. Doch sie blenden sich wie von selbst aus.

Eine Koreanerin steht mit einer Reisetasche vor der Tür. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Hoffentlich geht sie nicht in "meinen" Meditationsraum. Ihren Mann und die fünf Kinder hat sie in den Urlaub vorgeschickt. "Ich brauche endlich Zeit zum Nachdenken, bei uns zu Hause ist immer Lärm." Das Gästehaus kennt sie vom Vorbeiradeln. Es ist offen für alle. Auch für die, die seit Jahren keinen Fuß mehr in die Kirche gesetzt haben, die lieber "Om" singen als "Amen" zu sagen. Wer will, kann die Schwestern um ein Gespräch bitten. Ich erzähle Schwester Petra von meinem Affengeist. Sie lacht und sagt: "Das geht mir auch manchmal so. Aber wir haben Methoden, uns wieder zu konzentrieren, durch den Atem und das Gebet." Die Glocken läuten. Sie geht in die Krypta. Mir wäre ihr Lebensweg zu einsam, zu streng, aber den Rhythmus würde ich gern beibehalten: dreimal am Tag innehalten, egal, was auch gerade um mich herum passiert.

Wenn ich daran denke, wie es sein wird, wenn ich heute Abend nach Hause komme - dass meine Tochter drei Dinge gleichzeitig von mir wollen wird, dass die Autoversicherung noch überwiesen werden muss und mein Mann mich fragen wird, wie es denn war im Kloster -, dann wünsche ich mir jetzt schon von Zeit zu Zeit ein Glockenläuten. Und den Meditationsraum möchte ich am liebsten mitnehmen in unsere Wohnung. Ein Zimmer nur für die Stille und für mich: Davon träume ich.

Eine letzte schöne Stunde in dem leeren Raum auf meinem Bänkchen, dann wird es Zeit. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe. Beruhigend zu wissen, dass es mitten in der Stadt einen Ort wie diesen gibt.

Urlaub im Kloster: Weitere Infos

Zu Tagen der Stille und Besinnung sind Gäste herzlich willkommen: - Kloster Karmel Regina Martyrum, Heckerdamm 232, 13627 Berlin, Tel. 030/364 11 70, www.karmel-berlin.de, E-Mail: karmel-berlin@t-online.de (32 Euro pro Nacht inkl. Vollpension); - Brigittenkloster, Kolpingstraße 1c, 28195 Bremen, Tel. 04 21/16 87 40, www.kgv-bremen.de/birgittenkloster, E-Mail: birgitten-kloster.bremen@t-online.de (40 Euro pro Nacht inkl. Frühstück)

Buchtipp: Wilhelm Schmid-Bode: "Maß und Zeit - Entdecken Sie die neue Kraft der klösterlichen Werte und Rituale", Campus, 251 S., 19,90 Euro

Text: Birgit Schönberger Fotos: Sibylle Fendt

Kommentare (2)

Kommentare (2)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Danke für den schönen Bericht. Ich habe mich für drei Tage dort eingemietet und bin schon sehr sehr gespannt.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Der Entzug in eine andere Zeit dauert 2-3 Tage.Nach 14 Tagen zurück in den normalen Alltag merkt man erst wie laut und hektisch es doch draußen ist.

Bild Montagsnl

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