„Das Praktikum ist unsere Wunderwaffe“

Mit Anfang 50 und nach längerer Auszeit wieder in den Beruf einsteigen? Annette Warlimont coacht Frauen, die das versuchen wollen oder müssen. Mehr als drei Viertel der Teilnehmerinnen finden nach Ende ihres Kurses einen Job.

BRIGITTE WOMAN: Was sind das für Frauen, die bei Ihnen Anlauf zu einem beruflichen Neustart nehmen?

ANNETTE WARLIMONT: Höchst unterschiedliche – von der promovierten Akademikerin bis zur Bürokauffrau, Ehefrauen und Geschiedene, Alleinerziehende ebenso wie Mütter, deren Kinder bereits aus dem Haus sind. Viele Frauen kommen auch, weil sie nach einer Trennung von dem neuen Unterhaltsgesetz betroffen sind und unter Erwerbszwang stehen. Unser Durchschnittsalter ist 46, ein Alter, in dem bei vielen Frauen große biografische Veränderungen geschehen. Was sie eint, ist der Wunsch, sich wieder beruflich zu engagieren. Und häufig leider auch eine starke Verunsicherung, was den eigenen Wert angeht.

Woher rührt die denn?

Viel ergibt sich aus der häuslichen Isoliertheit. So schnell kann man gar nicht schauen, wie da innere Mauern entstehen. Schon nach kurzer Zeit kommen Selbstzweifel auf, das berichten uns fast alle Frauen. „Kann ich das noch?“, „Wer will mich denn noch?“ – diese Fragen nagen an einem, wenn man länger aus dem Beruf raus ist. Die berufliche Welt bekommt für manche fast etwas Bedrohliches, sie fürchten, nicht mehr mithalten zu können.

Nun wird Frauen jenseits der 50 aber nicht gerade der rote Teppich ausgerollt. Wie stellt sich die Situation realistisch betrachtet dar?

Es kommt immer drauf an, welche Voraussetzung jemand mitbringt. Aber auch darauf, was jemand zu investieren bereit ist, etwa was Weiterbildung angeht. Ich erlebe nicht, dass mit 50 Schluss ist. Aber man muss natürlich realistisch sein. Nach einer langen Unterbrechung steigt man nicht ganz oben auf der Karriereleiter ein, und manchmal muss man sich auch gute Bedingungen erkämpfen. Viel erfolgversprechender als der offizielle Stellenmarkt ist für uns der verdeckte Arbeitsmarkt jenseits der Stellenanzeigen. Das sind Vakanzen, die nirgends annonciert sind, weil sie nicht oder noch nicht ausgeschrieben sind. Diese Stellen bekommt man eher über eine Initiativbewerbung oder persönliche Präsenz – also zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein und den Arbeitgeber für sich begeistern. Dafür muss man kreativ sein. Der klassische Weg, sich auf Stellenanzeigen zu bewerben, führt da oft nicht weiter.

Wie schafft man es denn, die Selbstzweifel zu zerstreuen und den Frauen Mut zu machen?

Unsere Erfahrung ist, dass da ganz viel über die Gruppe geschieht. Hier erleben die Frauen Rückhalt, Anerkennung und eine große Solidarität. Für viele ist das ein Novum. Wir arbeiten zudem mit psychologischen Mitteln der Selbststärkung und Selbsterkenntnis. Die eigenen mentalen Grenzen zu überschreiten und sich selbst größere Handlungsspielräume zu schaffen, das ist für uns das Wichtigste. Das Feedback aus der Gruppe und auch aus dem persönlichen Umfeld spielt dabei eine große Rolle. Wir ermuntern unsere Teilnehmerinnen, sich dieses Feedback zu holen. Für viele ist das eine neue Erfahrung. Die Vertrauenssituation in der Gruppe erlaubt es außerdem, ehrlich über Ängste und Selbstzweifel zu sprechen und sie in etwas Positives umzuformulieren.

Klingt gut – aber ist das so einfach?

Auch hier hilft das Mittun der anderen, die oft einen anderen Blick auf die Dinge haben. Wenn jemand zum Beispiel Angst hat, mit 20 Jahre jüngeren Kollegen nicht mithalten zu können, kann man diese Sorge in die Frage umformulieren, was sie denn qua Erfahrung in einem jungen Team beitragen könnte. Entscheidend ist der Perspektivwechsel. Sich mit eigenen Ideen und Fähigkeiten zu beschäftigen ist etwas, was viele Frauen der Familie zuliebe lange Zeit zurückgestellt haben. Der größte Probelauf ist für viele allerdings der Kurs selbst. An vier Wochentagen jeden Vormittag etwas für die eigene Zukunft zu tun, das kennen die Frauen nicht. Viele haben ein schlechtes Gewissen ihrer Familie gegenüber und meinen, sie müssten sich rechtfertigen.

Zu Ihrem Kurs gehört auch ein zweiwöchiges Praktikum in einem Betrieb, das sich die Teilnehmerinnen selbst organisieren müssen. Funktioniert das denn?

Oh ja, das Praktikum ist unsere Wunderwaffe. Es geht im Kurs ja darum, den ersten Schritt zu wagen – und genau das geschieht mit dem Praktikum. Man schaut sich unverbindlich eine Berufswelt an. Und oft stellen die Praktikantinnen fest, dass sie noch ganz schön viel draufhaben. Bei manchen mündet das Praktikum sogar in eine spätere Anstellung. Wir haben mit dem Praktikum ausschließlich positive Erfahrungen gemacht, für viele Frauen ist es wie ein Befreiungsschlag, sich tatsächlich in die Praxis zu wagen und ihre Angst davor zu überwinden. Schließlich haben fast alle von ihnen mal einen Beruf gehabt oder gelernt.

Sich als Frau um die 50 als Praktikantin anzubieten dürfte den wenigsten leichtfallen. Wie bringen Sie die Frauen dazu?

Indem wir dranbleiben. Wir beginnen gleich am Anfang der dritten Woche darüber zu sprechen und das zu begleiten. Viele Frauen sind natürlich erst mal sehr zögerlich. Aber es gibt reichlich gute Argumente. Die erarbeiten wir gemeinsam und auch die Schritte, die man unternehmen muss, um zu einem Praktikum zu kommen. Das richtige finden, Kontakte anbahnen, anfragen. Jede Teilnehmerin erstellt ein berufliches Kurzprofil, mit dem sie sich bewerben kann. Wir haken regelmäßig nach. 70 bis 80 Prozent der Teilnehmerinnen absolvieren dann tatsächlich ein Praktikum.

Und was berichten sie?

Die meisten erleben, dass sie positiv aufgenommen wurden. Die wichtigste Erfahrung jedoch ist, zu sehen, dass man eben doch nicht so draußen ist – denn das ist ja oft die Befürchtung. Zu merken, dass man ganz gut mithalten und auch eigenes Wissen und Kompetenzen einbringen kann, ist ein großer Motivator. Wir stellen auch oft fest, dass Frauen, die eigentlich etwas ganz Neues anfangen wollten, sich nach dem Praktikum doch wieder ihrem alten Beruf zuwenden. Weil sie wertschätzen, was sie können und gelernt haben.

Viele Ihrer Teilnehmerinnen haben vorher schon zahllose Bewerbungen geschickt und Absagen bekommen.  Was machen Sie denn anders oder besser?

Wir beraten natürlich hinsichtlich Bewerbungsstrategie und wie man sich beim Vorstellungsgespräch verhält. Und wir raten auch zu Initiativbewerbungen. Damit haben wir schon viele gute Erfahrungen gemacht, weil Frauen oft ein ganz gutes Gespür entwickeln, wo sie gut hinpassen könnten. Trotzdem können wir natürlich nicht garantieren, dass es keine Absagen gibt. Das gehört dazu. Wer Angst vor Ablehnung hat, darf das Haus nicht mehr verlassen, denn Ablehnung und Kritik kann einem überall widerfahren. Man muss lernen, damit umzugehen und es nicht als persönliche Herabsetzung zu begreifen. Das gelingt nur, wenn man Entschlossenheit und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten ausstrahlt. Und das lernt man in unserem Kurs.

Wie lernt man das?

Wir leiten die Frauen an, sich über ihre Wünsche und Fähigkeiten klar zu werden. Wer bin ich, was kann ich, was will ich, was habe ich schon geschafft? Nur wer sich selbst kennt und wertschätzt, kann auch nach außen ein entschlossenes und klares Bild von sich vermitteln. Viele Frauen sind geneigt, sich für ihr Alter oder ihr langes Familienengagement zu entschuldigen. Aber das ist die falsche Betrachtungsweise. Die Arbeit zu Hause ist ebenfalls eine verantwortungsvolle Arbeit, wenngleich sie unangemessen honoriert wird und in der Gesellschaft keinen hohen Stellenwert mehr hat. Wir sprechen bewusst nicht von der Familienpause, sondern von dem häuslichen Arbeitsplatz. Erst wenn sich die Frauen ihrer Erfahrungen und Leistungen bewusst werden, trauen sie sich, auch Forderungen zu stellen.

Und das funktioniert?

Warum sollte es nicht? Frauen, die länger aus dem Beruf waren, müssen sich nicht als Bittsteller fühlen. Sie sind ja darüber keine Dilettanten geworden. Im Gegenteil, wir wissen von vielen Arbeitgebern, wie sehr diese die Organisationsfähigkeit und Multitasking-Qualitäten von Müttern schätzen, die darüber hinaus meist hoch motiviert sind.

Wie wichtig ist ein Netzwerk?

Oft ist es das Entscheidende. Viele Frauen meinen, dass nur berufstätige Menschen über ein Netzwerk verfügen, aber sie haben selbstverständlich auch eines. Und es ist außerordentlich wichtig, dieses auszubauen und zu nutzen. Viele Praktika und spätere Jobs sind bei uns über das persönliche Netzwerk der Teilnehmerinnen, auch über den eigenen Kurs hinaus und das Netzwerk des „Neuen Starts“, entstanden. Diese Erfahrung ist für viele Frauen eine positive Überraschung. Unsere Gruppen bleiben über das Kursende hinaus vernetzt und treffen sich weiter als „Erfolgsteams“. Das hat sich bewährt.

Helfen soziale Netzwerke wie Facebook, LinkedIn oder Xing?

Uns geht es mehr um die Vernetzung unter den Teilnehmern. Über die persönliche Schiene läuft erstaunlich viel, da werden Kontakte angebahnt, und es entstehen oft sehr tragfähige Beziehungen. Die Teilnehmerinnen wissen ja, was die anderen suchen und was sie bewegt, und bringen häufig Impulse mit. Auch mit örtlichen Frauennetzwerken, wo man sich zu Vorträgen oder Stammtischen trifft, machen wir gute Erfahrungen. Die persönliche Begegnung bringt meiner Meinung nach mehr als eine Verbindung im Social Web.

Was raten Sie Frauen, die keinen Kurs wie Ihren belegen können?

Es gibt in den meisten größeren Städten Angebote für Berufsrückkehrerinnen. Das reicht vom Seminar für Existenzgründerinnen über Fort- und Weiterbildungsangebote bis zu Bewerbungstrainings. Die örtlichen Arbeitsagenturen und Gleich stellungsbeauftragten sind gute Anlaufadressen, aber es gibt auch gemeinnützige Initiativen wie die unsere. Das Wichtigste ist, sich in dieser Phase Unterstützung zu suchen, am besten in einer Gruppe.

Interview: Barbara Esser
Themen in diesem Artikel

BRIGITTE Academy direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!

Unsere Empfehlungen