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Beruflicher Neuanfang "Es kommt vor allem auf Offenheit an"

Beruflicher Neuanfang
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Ein beruflicher Neuanfang kann viele Gründe haben: Die pure Lust auf Neues, eine Krankheit oder die Kündigung. Yani Neugebauer berät Menschen ab 50 und weiß, wie der Aufbruch gelingt.

BRIGITTE.de: Sie beraten Menschen beim beruflichen Neustart. Worauf kommt es dabei vor allem an? 

Yani Neugebauer: Es kommt vor allem auf Offenheit an. Wenn jemand sagt, früher war alles besser und ich habe sowieso keine Chance, dann tut sich diese Person sehr schwer. Je offener und positiver jemand ist, desto leichter gelingt der Neustart.

Wie kann man denn offener werden?

Ich erlebe, dass Menschen mit Berufserfahrung sich auf die Kompetenzen fokussieren, die beruflich trainiert worden sind. Und dass sich plötzlich ganz neue Felder eröffnen, wenn sie sich fragen: Ist das bis jetzt eigentlich der richtige Weg für mich gewesen? Habe ich vielleicht Schattenkompetenzen oder Schattenideen, die im Beruf gar nicht zur Geltung kommen konnten? Das Berufsleben ist ja wie ein Fitnessstudio. Man wurde zufälligerweise an ein Gerät gesetzt, und wenn es einigermaßen läuft, bleibt man bei diesem Gerät und trainiert bestimmte Muskeln. Andere Muskeln verkümmern. Und genau diese untrainierten Muskeln können den Unterschied machen.

Wie findet man diese ungenutzten Muskeln?

Auf die Frage, was jemand mit der letzten Etappe seines Berufslebens anfangen soll, schaue ich mir immer die Kindheit an. Also die Zeit, in der man unbeschwert und kaum fremdgesteuert war, wo man machen konnte, was man wollte. Wenn man da überlegt: Mensch, was habe ich denn damals Besonderes gekonnt oder besonders gern gemacht? Welche Rolle hatte ich in meinem Freundeskreis oder in der Familie? Wenn man die Antworten auf diese Fragen dann in die Zukunft transportiert, kommt man zu ganz neuen Erkenntnissen.

Und wenn das eher negative Kindheitserinnerungen sind, etwa, weil ich mich als Außenseiterin erlebt habe?

In irgendeiner Rolle hat man sich als Kind wohlgefühlt, und ich frage dann, wo das geblieben ist. Dann kommt die Erkenntnis: Stimmt, dies oder jenes war angelegt bei mir, das fühlte sich damals gut an, aber der Berufsweg hat das verschüttet. Es gibt ja viele Menschen, die von den Eltern gesagt bekommen haben, du machst nur Hauptschule oder du machst eine Lehre. Die sind in eine verkehrte Rolle gedrängt worden. Und das dann herauszukitzeln: War das echt deine Entscheidung, oder war das eine Entscheidung, die dir vielleicht deine Eltern aufgezwungen haben? Da finden dann viele einen völlig neuen Zugang zu sich selbst und merken: Mein Berufsweg war zwar okay, aber er ist nicht 100-prozentig mein Thema gewesen.  

Der erste Schritt ist also, verschüttete Stärken und Vorlieben wiederzuentdecken. Wie geht es weiter?

Der nächste wichtige Punkt ist, dass man sich mal seine Erfolge vor Augen führt. Dazu zählen auch Erfolge außerhalb des Berufs – etwa, wenn man in einem Verein etwas Tolles bewirkt hat, oder auch persönliche Erfolge. Und dann zu fragen: Für wen könnte das interessant sein, wen könnte ich damit bereichern? Es wird heutzutage ja nicht nur Fachwissen gefordert, es sind vor allem Kernkompetenzen wie Lösungsorientierung oder Teamfähigkeit gefragt. Für solche Fähigkeiten sollte man ein Selbstbewusstsein entwickeln und sich deren Wert für potenzielle Kunden oder Arbeitgeber bewusstmachen. 

Orientieren sich viele Ihrer Klient:innen über 50 ganz neu?

Ja, aber ohne totales Neuland zu betreten. Ich finde es wichtig, seine Kompetenzen aus dem Berufs- und dem Privatleben so zu kombinieren, dass daraus etwas Besonderes entsteht. Diese Melange ist zentral, ich nenne sie 'Trüffel zum Erfolg', weil viele sie selbst nicht finden, sie aber Gold wert sind. Es geht darum, die eigenen Kernkompetenzen zu einem attraktiven Angebotspaket zu schnüren. Und zwar aus Sicht der potenziellen Arbeitgeber oder Kunden, die dann hoffentlich sagen: Für diese Kombination aus Fähigkeiten und Erfahrungen bin ich bereit, Geld zu bezahlen, denn diese Person kann in meinem Unternehmen einen Mehrwert schaffen. Das ist das, was ich ein 'attraktives Angebot' nenne.

Was sind die größten Hürden beim beruflichen Neustart - das eigene Mindset oder äußere Faktoren?

Das Mindset. Wir haben ja den Fehler im Bildungssystem, dass wir auf Defizite ausgerichtet werden: Wer in der Schule in Mathe und Deutsch nicht reüssiert, kriegt sein Abitur nicht. In der Schule werden besondere Kompetenzen gar nicht abgefragt, und die verkümmern dann. Sich bewusst zu machen, dass man mehr wert ist als das, was bisher gefordert worden ist, ist ganz wichtig. Dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln, ist entscheidend.

Welche Hürden gibt es bei der Neuorientierung noch?

Ein entscheidender Punkt ist das Umfeld. Ich habe ganz oft Leute, mit denen ich mich auf Trüffelsuche begebe, die da supermotiviert rauskommen. Und die fragen dann Verwandtschaft oder Freunde und hören: Das kannst du doch nicht machen, das geht doch aus den und den Gründen nicht. Dieses schlechte Feedback vereitelt extrem viel. Die Erfahrung habe ich selbst auch gemacht. Als ich meine Karriere als Bankerin beendet habe, hat meine Familie versucht, mir meine neuen Pläne auszureden. Heute sagen sie: Toll, was du dir da aufgebaut hast. Mein Tipp an alle, die ihren Weg gefunden haben: Ohren schließen, sich nichts ausreden lassen und dran bleiben.

Viele Leute über 50 glauben, mich will eh keiner mehr. Wie stark ist die Altersdiskriminierung im Berufsleben wirklich?

Sie ist da - zumindest, wenn man sich auf einen normalen Posten in einem Konzern bewirbt. Viele Unternehmen haben einen Pfropfen aus Babyboomern, die oben sitzen. Die Konzerne wollen jetzt auch mal frische Luft und neues Wissen von der Uni. Und wenn ich als jüngere:r Vorgesetzte:r plötzlich Ältere in meinem Team habe, die mehr Erfahrung haben als ich, dann denke ich: Wenn die das besser können als ich, wie geht’s dann eigentlich mit meiner Karriere weiter?

Was bedeutet das für Jobsuchende, die sich nicht selbstständig machen wollen?

Man sollte sich nicht unbedingt auf eine feste Stellung bewerben. Ich finde es viel sinnvoller, bei einem kleinen Unternehmen anzuklopfen, indem man ein Angebot macht, etwa so: Ich kann dir das bieten und wenn dich das interessiert, dann lass uns mal sprechen. Ich helfe dir bei deinen Herausforderungen, stehe aber im Hintergrund und bin auch offen dafür, das übergangsweise als Projekt zu übernehmen. Man kann zum Beispiel mit zwei Tagen pro Monat anfangen und dann schauen, wie sich das entwickelt. Bei all dem sollte man sich auf das eigene Kernthema fokussieren, bei dem man spürt: Das macht mir Spaß, und da habe ich was zu bieten.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Stärken älterer Menschen?

Yani Neugebauer hilft Menschen ab 50, ihre Marktnische zu finden. Weitere Infos unter www.ihremarktnische.de
Yani Neugebauer hilft Menschen ab 50, ihre Marktnische zu finden. Weitere Infos unter www.ihremarktnische.de
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Es ist die gesamte Lebenserfahrung, in der man Stärken genutzt oder entwickelt hat – etwa die Fähigkeit, Konflikte zu regeln, Teams zusammenzubringen oder Prozesse zu optimieren. Eine wertvolle Stärke kann auch sein, Projekte zu planen und sie dann durchzuziehen. Doch die eigenen Stärken zu finden, ist oft schwierig, da man sofort denkt: Das ist doch ganz normal, das kann doch jede:r! Nein. Das kann nicht jede:r. Wenn man dann auch noch erkennt, welchen Nutzen andere von den eigenen Stärken haben und diese selbstbewusst 'vermarktet', dann gelingt der berufliche Neustart.

Brigitte

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