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Kolumne Heyer [ˈhaɪ̯ɐ] & higher [ˈhaɪɚ]: Wie ich zur Gefahr wurde

In ihrer Kolumne schaut Laura alle zwei Wochen darauf, was so passiert in der Welt.
In ihrer Kolumne schaut Laura alle zwei Wochen darauf, was so passiert in der Welt.
© Marie Wetzel
Von allem etwas – das ist Lauras Devise. Die Academy-Redakteurin erzählt alle zwei Wochen, was sie bewegt und versucht herauszufinden, wie wir das Beste daraus machen können.

Die letzten Monate haben uns alle verändert, so viel steht fest. Nicht nur, dass wir alle so viele Schritte bei Spaziergängen zum Supermarkt, beim wörtlich genommenen "Coffee to go" in der Mittagspause oder auf dem Weg zum Lieblingsrestaurant zurückgelegt haben, wie noch nie. Nein, Corona hat nicht nur unsere Gewohnheiten verändert, sondern auch unseren Charakter.

Hallo, Impf-fomo!

Auf der einen Seite mussten wir unsere Angst, etwas zu verpassen (im Millennial-Sprech kurz "fomo" = fear of missing out) ablegen. Denn es gab nichts mehr zu verpassen: Keine Networking-Events, nicht den neusten Kinofilm oder den Urlaub in der großen weiten Welt. Alte Hobbies wie Zeichnen, Stricken oder Federball spielen, für die man vermeintlich keine Zeit mehr hatte, bekamen wieder eine Existenzberechtigung und plötzlich traf man sich (als es dann wieder ging), spontan zum Spaziergang, ohne es drei Wochen im Voraus zu planen.

Wir wollten mit unserem Verhalten unsere Angehörigen und auch alle anderen Gefährdeten schützen. Und waren vielleicht teilweise ganz froh um den reduzierten Stress. Doch auf der anderen Seite ist da plötzlich diese neue Angst, etwas zu verpassen: die Impf-fomo.

Menschen strengen mich an

Vor einigen Wochen tönte ich noch groß, es sei ok, zu warten im Homeoffice, bis alle priorisierten Gruppen ihre Impfung im Arm hätten. Auch wenn es ein riesiges Privileg ist, so arbeiten zu könne (und dass, ohne sich um eine Familie sorgen und kümmern zu müssen) – nach fast anderthalb Jahren in meiner Wohnung fühle ich mich wie ein anderer Mensch.

Es ist nicht mehr nur die Angst, jemanden anzustecken oder selbst zu erkranken – Smalltalk ist eine Herausforderung geworden, zu viele Menschen strengen mich an. Und gleichzeitig wünscht man sich nichts sehnlicher, als aus dem Alltagseinerlei auszubrechen, Kolleg*innen zu treffen und sich endlich wieder wie ein Teil des Arbeitslebens zu fühlen – und nicht wie früher an Samstagen, an denen man noch arbeiten muss, weil das Projekt unter der Woche nicht fertig geworden ist.

Alle, nur ich nicht!?

Und auf einmal sinken die Infektionszahlen. Hobbies, Ausgehen, Freunde treffen, den 30. Geburtstag nachfeiern und die neue Wohnung einweihen – was vor zwei Monaten noch unerreichbar schien, rückt plötzlich in greifbare Nähe. Aber unter einer Voraussetzung: man muss geimpft sein. Und davon bin ich noch weit entfernt.

Als meine Eltern über ihren Hausarzt einen Impftermin bekamen, war ich einfach nur dankbar. Endlich nicht mehr endlose Panik, ich könnte der Grund sein, warum sie schwer erkranken. Aber plötzlich fühlte es sich an, als seien alle um mich herum geimpft; auch diejenigen ohne systemrelevanten Beruf oder im entsprechenden Alter. Zumindest kam es mir so vor. Auf dem Land kannte man seinen Hausarzt, in einigen Bundesländern gibt es Termine für zusätzliche Berufsgruppen und einige waren wahrscheinlich einfach zur richtigen Zeit da, um die letzte freie Dosis aus einer Ampulle zu ergattern.

Das Hefe-Gate

Und da war sie, meine Impf-fomo. Auf einmal fühlte ich mich wie die Gefahr bei jedem Treffen, weil ich nicht geimpft war. Ich recherchierte, wann meine Prio-Gruppe wohl dran sein würde und schimpfte mit Kolleginnen auf jene, die ihre Hausärzt*innen anrufen, um nach Listen zu fragen ­– nur um wenige Tage später auch erfolglos bei meiner Hausärztin nachzufragen. Als eine Freundin aus Bayern mir erzählte, sie habe die Priorisierung als Medienschaffende abgelehnt (in Bayern sollen Medienschaffende bevorzugt geimpft werden), da sie schließlich nur im Homeoffice sei, reagierte ich auf ihre moralische Größe mit Unverständnis.

Vor mir sah ich das Hefe-Gate aus dem letzten Frühling: Alle kauften die Hefe leer und ich stand ohne da, obwohl ich so dringend einen Osterzopf backen und mir etwas Normalität vorgaukeln wollte. Und das nur, weil ich mich weigerte, zu hamstern, in der Hoffnung, die Menschen würden schon vernünftig sein. Damals zog ich mir selbst Hefe – so einfach ist das mit dem Impfstoff leider nicht.

Impftermin – und jetzt?

Die Entscheidung der Bundesregierung, für Geimpfte und Genesene, Einschränkungen der Grundrechte aufzuheben – noch bevor jeder ein Impfangebot zugesprochen bekommt – machten meine Grundstimmung nicht gerade besser. Ich war selbst im übertragenen Sinne zu einer Hefe-Horterin mutiert, ohne es zu merken.

Als die bundesweite Priorisierung für Astra Zeneca aufgehoben wurde, ergatterte ich über den Hausarzt einen Termin. Doch mein Impf-fomo und meine Erleichterung klingen von Tag zu Tag mehr ab. Auch wenn ich offiziell niemandem etwas wegnehmen oder mir erschleiche, fühlt es sich, besonders aus gesundheitlicher Sicht, für mich nicht gut an. Und meistens ist es im Leben wie mit der Hefe: Wenn man aufhört, etwas unbedingt zu wollen und nach anderen Lösungen sucht, kommt unerwartet das Päckchen von der besten Freundin mit ihrem letzten Tütchen Trockenhefe.


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