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Kolumne Heyer [ˈhaɪ̯ɐ] & higher [ˈhaɪɚ]: Warum wir es (noch) nicht geschafft haben

In ihrer Kolumne schaut Laura alle zwei Wochen darauf, was so passiert in der Welt.
In ihrer Kolumne schaut Laura alle zwei Wochen darauf, was so passiert in der Welt.
© Marie Wetzel
Von allem etwas – das ist Laura Heyers Devise. Die Academy-Redakteurin erzählt alle zwei Wochen, was sie bewegt und versucht herauszufinden, wie wir das Beste daraus machen können.

"Wir haben es nicht geschafft", schrieb mir eine Freundin Anfang der Woche. Hinter diesem kurzen Satz verbarg sich eine unglaublich traurige Nachricht: Sie war (wieder) nicht schwanger. Es war der erneute Versuch einer künstlichen Befruchtung – und nach anfänglicher Freude war klar, dass es wieder nicht geklappt hat. Der Embryo hatte sich nicht weiterentwickelt.

Während um sie und mich herum immer mehr unserer Freundinnen schwanger werden, kämpft sie schon seit Monaten für ihr Familienglück und ist wieder gescheitert. Und es sind nicht nur die finanziellen und die psychischen Folgen, die gerade auf ihren Schultern lasten. Nun muss sie in den kommenden Tagen auch entscheiden, wie sie ihre Schwangerschaft beendet.

Heute vor 50 Jahren

Denn während Kinder und Familie ganz wunderbar und Dauerthema in der Verwandtschaft sind (vor allem, wenn man noch keine hat), ist die Frage nach Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland immer noch nicht geregelt. Vor ziemlich genau 50 Jahren sorgte der Stern mit seiner Titelstory "Wir haben abgetrieben", für einen gesellschaftlichen Aufschrei. 374 Frauen gaben damals öffentlich zu, abgetrieben zu haben, und forderten die Abschaffung des umstrittenen Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches (StGB), der Schwangerschaftsabbrüche regelt.

Im Jahr 2021 gibt es wieder eine Titelstory ­– mit der gleichen Forderung. Abtreibung sollte kein Tabu-Thema sein. Noch vor wenigen Wochen wurde ein Arzt zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt, weil er auf seiner Internetseite über Schwangerschaftsabbrüche informierte und diese anbot. Möglich ist das durch Paragraph 219a, das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche. Nach der Klage der Ärztin Kristina Hänel, die ebenfalls auf der Grundlage des Werbeverbots für Schwangere verurteilt wurde, nun eine Frage, mit der sich das Verfassungsgericht beschäftigt.

Her mit Entscheidungsfreiheit

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Frauen im Jahr 2021 beim Thema Familie und Schwangerschaft immer noch keine Entscheidungsfreiheit genießen. Nicht nur, dass sie immer noch nicht frei und entstigmatisiert entscheiden können, wo und wann sie abtreiben wollen. Auch das "wie" steht zur Disposition.

Denn seit Kurzem hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Vertrieb des Wehenmittels Cytotec gestoppt, das derzeit auch für medizinische Schwangerschaftsabbrüche genutzt wird. Aktuell gibt es aus Sicht von Expert*innen keine medizinische Alternative. Frauen, die abtreiben wollen oder müssen, wie auch meine Freundin, werden die Zukunft vielleicht gar nicht mehr die Wahl haben, sich gegen einen operativen Eingriff wie eine Ausschabung zu entscheiden.

Das sind die Probleme!

Doch während das Thema Abtreibung noch immer in der gesellschaftlichen Grauzone wabert, diskutieren CDU und AfD lieber über ein Verbot der Gendersprache. So wichtig Sprache und ihre Wirkung auch ist, sollte Politik den gesellschaftlichen Diskurs auf Themen lenken, die langfristig viel entscheidender sein werden, als Wahlkampfphrasen vor der Bundestagswahl im September. Nachweislich hat die Coronakrise Frauen in vielen Bereichen zurückgeworfen. So rechnet das World Economic Forum aus, dass es bei gleichbleibender Entwicklung noch 135,6 Jahre bis zur weltweiten Gleichstellung von Frauen und Männern dauert; 2019 waren es "nur" 95 Jahre. Homeoffice, Kinderbetreuung, Carearbeit – auch bei all diesen Themen blieb vielen Frauen in den letzten Monaten wenig Entscheidungsfreiheit.

Das ist frustrierend – aber kein Grund, nicht zu gendern und auch nicht zur Resignation. Doch geht es sicher auch darum, die Schwerpunkte neu zu legen. Statt über Verbote, sollten wir über Möglichkeiten sprechen. So wie jede*r in der Sprache die freie Wahl hat, sollte es auch für Frauen möglich sein, frei über ihre Schwangerschaft zu entscheiden – aus welchen Gründen auch immer. Und dazu gehört neben einer juristischen auch eine gesellschaftliche Debatte, die künstliche Befruchtungen ebenso akzeptiert und ermöglicht wie Abtreibungen.

Ein schönes Wochenende und bis bald,
Laura


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