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Autorin Doris Dörrie Wie kreatives Schreiben glücklich macht – und gegen Unsicherheit hilft

Doris Dörrie: in Person
© Lennart Preiss / Getty Images
Mit ihren Tipps zum kreativen Schreiben hat die Regisseurin und Bestsellerautorin Doris Dörrie gerade einen Nerv getroffen. Tausende folgen ihr auf Instagram – denn die Methode hilft auch durch unsichere Zeiten.

BRIGITTE: Mitte März, zeitgleich mit dem Corona-Lockdown, haben Sie begonnen, jeden Tag Schreibtipps auf Instagram zu posten. Noch im Bett soll man zehn Minuten lang notieren, was einem zu Begriffen wie "Licht" oder "Mutter" durch den Kopf geht – mit der Hand, präzise, ohne nachzudenken, ohne Pausen. "Um nicht auszuflippen." Hilft Schreiben gegen die Krise?

DORIS DÖRRIE: Ich finde schon. Wenn Sie es auf diese konzentrierte Art tun. Uns macht doch alle so kirre, dass wir nicht wissen, wie es weitergeht. Die Unsicherheit ängstigt uns. Wenn Sie es schaffen, in so einer Situation über sich selbst zu schreiben, und zwar nicht wie bei einem klassischen Tagebucheintrag über Ihre Gedanken oder Gefühle, sondern über die Bilder und Erinnerungen, die in Ihnen aufsteigen, wenn Sie einen bestimmten Begriff hören, einen bestimmten Gegenstand sehen, dann kann Ihnen das helfen, sich wieder im eigenen Leben zu verankern.

Geben Sie mal ein Beispiel.

Stellen Sie sich eine Erdbeere vor. Und dann nehmen Sie wahr, was vor Ihrem inneren Auge auftaucht. Der Erdbeerkuchen Ihrer Mutter? Der Balkon, auf dem Sie mit Ihrer Freundin sitzen und Erdbeeren essen? Der große Busen dieser Freundin, um den Sie sie immer beneidet haben? An was wir uns erinnern, sagt so viel über uns aus, manchmal stoßen wir auch auf Dinge, die uns überraschen, Erinnerungen, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie besitzen. Wer das mit allen fünf Sinnen beschreibt, bekommt wieder ein Gefühl für sich und seine eigene Welt. Das macht glücklich. Und beruhigt.

Nutzen Sie diese Methode denn auch, wenn Sie selber schreiben?

Na klar. Jeden Tag. Nicht nur für private Texte. Auch wenn ich wie aktuell an einem Drehbuch arbeite. Ich schreibe mich so an meinen Text heran. Weil sich der kontrollierende Geist damit gut ausschalten lässt. Der ist ja der größte Verhinderer unserer Kreativität, weil er uns ständig erzählt, dass das, was wir zu Papier bringen, nicht gut genug ist. Dass wir es uns eigentlich gar nicht anmaßen sollten zu schreiben. Blödsinn. Jeder kann schreiben. Es kann uns Lebendigkeit, Glück, Trost geben. Das möchte ich mit dieser Übung vermitteln.

Das Interesse daran ist groß. Ihr aktuelles Buch "Leben, schreiben, atmen", in dem Sie Ihre Methode beschreiben und Ihr eigenes Leben so erzählen, ist ein Bestseller. Ihren Tipps auf Instagram folgen Tausende. Fangen die Leute denn dadurch auch tatsächlich an, selbst zu schreiben?

Es haut mich um, wie viele das tun. Und welche großartigen Texte dabei entstehen. Da ist zum Beispiel diese junge Frau aus dem Kongo, die durch das Instagram-Projekt anfing, über ihre Kindheit und ihren Weg nach Deutschland zu schreiben. Mit jeder Übung, jedem Text taucht sie tiefer ein in die eigene Geschichte. Das Kaleidoskop, das dabei entsteht, ist anrührend und natürlich auch bestürzend. Und es hilft ihr sehr. Sie schrieb mir, sie habe dadurch wieder angefangen, freier zu atmen.

Klingt fast nach therapeutischer Wirkung.

Na ja, damit sollte man vorsichtig sein. Es wird ja alles immer gleich als Therapie bezeichnet. Aber natürlich ist jede Kunst auch auf eine gewisse Art therapeutisch. Weil sie uns in Beziehung setzt zu uns und zu der Welt.

Wie sehen Sie die Welt denn selbst gerade? Wenn man das Corona-Tagebuch liest, das Sie für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" führten, hat man den Eindruck, dass Ihre Stimmung zumindest in den ersten Wochen der Ausgangsbeschränkungen ganz schön schwankte.

Wie wahrscheinlich bei den meisten. Ich bin durch mein Schreiben gewohnt, sehr genau hinzugucken. Und während des Lockdowns waren viele Alltagssituationen nun mal sehr ambivalent – zum Teil sind sie es ja immer noch. Du stehst im Park, freust dich, weil der Frühling so schön ist. Und plötzlich kommt dir jemand zu nah, der dich anstecken könnte. Wie reagierst du? Wann wirst du wütend, wann hast du Angst, wann ergibst du dich, wann wirst du wacher, wann lethargischer? Diese unterschiedlichen Gefühle bei mir zu registrieren, fand ich sehr interessant. Für mich ist diese Zeit vor allem geprägt von einer überscharfen Wahrnehmung.

Was nehmen Sie wahr, wenn Sie derzeit auf die Gesellschaft als Ganzes blicken?

Ich sehe eine Spaltung zwischen denen, die gerade zu Hause arbeiten können, und denen, die es nicht können, zum Beispiel Pflegekräfte oder Menschen, die bei der Müllabfuhr arbeiten. Wir bezeichnen diese Berufe jetzt immer so nett als systemrelevant, doch ich bezweifle, dass wir sie künftig besser behandeln werden. Und auch beim Thema Homeoffice, das gerade so gefeiert wird, gibt es eine große Kluft.

Welche?

Homeoffice ist eine sehr männliche Erfindung. Wenn du als Mutter deine Kinder zu Hause betreust, ist das Arbeiten dort die Hölle. Als meine Tochter klein war, habe ich die Zeit am Drehort deshalb immer fast wie Ferien empfunden. Endlich konnte ich mich mal auf eine Sache konzentrieren. Zu Hause war das kaum möglich.

Wie haben Sie in dieser Zeit überhaupt schreiben können?

Ich habe einfach jede Minute genutzt, die sich bot. So entstand übrigens die Praxis mit den zehnminütigen Schreibblöcken, die ich heute meinen Schülerinnen und Schülern empfehle: Bis die Nudeln, die ich damals für meine Familie kochte, fertig waren, dauerte es meist acht bis elf Minuten. In denen habe ich geschrieben. Und weil ich das wirklich jeden Tag eisern durchgezogen habe, entstand in diesen Jahren letzten Endes sogar mehr als in der Zeit zuvor, wo ich oft nächtelang auf Inspiration wartete, dann aber doch lieber tanzte und trank – und gar nichts geschrieben habe.

Lernen Sie schreiben von Doris Dörrie!

Die ­Autorin und Hochschulprofes­sorin bringt als "Creative Writing"-Dozentin seit vielen Jahren Menschen zum Schreiben, seit März auch auf Instagram (@doris_doerrie). 

Alle Infos zu unserem neuen digitalen Weiterbildungs­angebot und Tickets für die einzelnen Kurse gibt es unter: www.brigitte.de/sessions

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BRIGITTE 18/2020

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