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Aktien So helfen sie dem Umweltschutz

Aktien: Geld als Pflanzen
© kram-9 / Shutterstock
Wer Aktien besitzt, hat auch ein Mitspracherecht – zum Beispiel auf der Jahreshauptversammlung von Unternehmen. Viele, die sich für Umweltschutz und Menschenrechte einsetzen, nutzen dieses Recht. Mit wachsendem Erfolg. 
Felicitas Wilke

Wenn sich Regine Richter in diesen Monaten aufmacht, die Welt zu retten, muss sie ihre Wahlheimat Berlin nicht verlassen. Zwei Tage vor der Jahreshauptversammlung des Konzerns, den sie diesmal davon überzeugen will, mehr für Klimaschutz oder faire Arbeitsbedingungen zu tun, reicht sie bei der Firma ihre Fragen ein. Am Versammlungstag setzt sie sich vor ihren Laptop, folgt dem Livestream und hofft, dass ihre Eingaben möglichst wörtlich vorgelesen und ausreichend beantwortet werden.

Das Recht, kritische Fragen zu stellen

So wie beim Versicherungskonzern Talanx im Mai. Dort erkundigte sich Richter, wie weit eigentlich die Pläne des Unternehmens gediehen seien, aus dem Geschäft mit Kohle auszusteigen. Eine Firma, an der Talanx beteiligt ist, versichere schließlich noch immer Kohleprojekte. Der Vorstand, erzählt sie, habe leider nur ausweichend geantwortet. "Auf einer Hauptversammlung vor Ort könnte ich in solchen Momenten nachhaken. Bei einer virtuellen Veranstaltung muss man nehmen, was man kriegt."

Regine Richter, eine Frau mit aschblonden Haaren und herzlichem Lachen, die ebenso cool wie zugänglich wirkt, ist hauptberufliche Klimaaktivistin. Der Verein Urgewald, für den die 50-Jährige arbeitet, setzt sich unter anderem dafür ein, dass Banken mit ihrem Geld keine Waffengeschäfte unterstützen und Konzerne nicht mehr in Kohleprojekte investieren. Doch Richter bastelt keine Plakate oder ruft Parolen durchs Megafon. Ihr Platz ist hinter dem realen oder virtuellen Rednerpult auf den Hauptversammlungen (HV) von Unternehmen.

Dort treffen sich einmal pro Jahr die Vorstände und Aktionär*innen von börsenorientierten Unternehmen. Alle, die mit Aktien am Konzern beteiligt sind – sei es mit einigen Anteilsscheinen oder als große, institutionelle Anleger wie Fondsgesellschaften, Pensionskassen oder Lebensversicherer –, kommen zusammen. Und haben laut Aktiengesetz das Recht, kritische Fragen an den Vorstand zu stellen.

Potenzial für mehr Nachhaltigkeit

Wenn nicht gerade eine Pandemie die Welt auf den Kopf stellt, laden die Konzerne dazu oft in große Konzerthallen. Seit März haben sie die Versammlungen ins Internet verlagert. Doch die Aufgabe von Aktivist*innen wie Richter bleibt gleich: Sie vertreten auf den Versammlungen zwischen ein paar Dutzend bis mehrere Hundert Menschen, die ihre Rechte als Anteilseigner*innen direkt an Urgewald oder an den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre abgegeben haben. Dieser Verband, in dem Urgewald Mitglied ist, verteilt wiederum nach Bedarf die Stimmrechte als Eintrittskarten für die Hauptversammlungen. Die Aktionär*innen können ihren Vertreter*innen dabei Weisungen zum Stimmverhalten geben. "Es geht mir nicht darum, die Konzerne zu hauen", sagt Richter. "Ich will zeigen, welches Potenzial für mehr Nachhaltigkeit sie haben."

Aktionär*innen, die den Mund aufmachen, gibt es schon länger. Aktivistische Hedgefonds etwa, die gezielt Anteile an Unternehmen kaufen, um zu beeinflussen, wie sich die Firma künftig strategisch aufstellt. Wie sie haben auch institutionelle Anleger*innen vor allem klassische Aktionärsinteressen im Blick, etwa die Gewinne des Unternehmens, an denen sie über die Dividende beteiligt werden. "Es gibt aber auch schon lange Aktionär*innen, die aus ethisch-moralischen Motiven das Wort ergreifen", sagt Zacharias Sautner, Professor für Finanzen an der Frankfurt School of Finance & Management.

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre vertritt diese Menschen mit seinen 29 Mitgliedsorganisationen. Einige haben sich wie Urgewald dem Umweltschutz verschrieben, andere verfolgen pazifistische Interessen oder haben die Rechte von Verfolgten des NS-Regimes im Blick. Meist seien ihre Anliegen bisher ungehört verpufft, sagt Sautner. Das eigene Wirtschaften nach ethischen Maßstäben auszurichten, stand für viele Konzerne lange nicht auf der Agenda.

Nachhaltigkeitsthemen werden weniger ignoriert

Doch seit einigen Jahren scheint der Einfluss von Menschen wie Regine Richter zu wachsen. Sie werden zu Vorstandsgesprächen eingeladen oder bewirkten etwa, dass der Energiekonzern RWE sich nicht an einem geplanten Atomkraftwerk in Bulgarien beteiligte. Diese Entscheidung fiel 2009 nach einer jahrelangen Kampagne. "Es war ein Wendepunkt, als Union Investment während dieser Zeit anfing, einen Teil unserer Argumente in ihren Reden zu verwenden", erinnert sich Richter. Seitdem ist die Liste der Erfolge, die Urgewald auch seiner Arbeit zuschreibt, jedes Jahr länger geworden. 2016 etwa verkündete die Commerzbank, weniger Kohleprojekte zu finanzieren. 2017 folgte ihr die Deutsche Bank, der französische Versicherungskonzern AXA, Allianz, Munich Re, Generali und der Norwegische Staatsfonds zogen nach.

Seit 20 Jahren arbeitet Regine Richter nun schon für Urgewald. Es sei nicht so, dass früher alle Unternehmen sämtliche Nachhaltigkeitsthemen ignoriert hätten, sagt sie. "Aber wir mussten immer sehr gezielt nach den Menschen in den Konzernen suchen, die ein Ohr für unsere Themen hatten." Heute gebe es mehr, die zuhörten und handelten. Gleichzeitig seien manche Konzerne auch empfindlicher als früher: "Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen, weil wir immer noch etwas zu kritisieren haben."

Die Corona-Krise hat die Arbeit der kritischen Aktionär*innen verändert. Das Recht, Fragen zu stellen, gibt es weiterhin, doch um zu vermeiden, dass online viel mehr Fragen beantwortet werden müssen als bei einer Hauptversammlung vor Ort, wurde das Aktienrecht vorübergehend verändert: Jetzt lesen Vorstandsmitglieder oder Mitarbeitende aus der Kommunikationsabteilung die vorher eingereichten Fragen – teils verändert – vor oder beantworten gesammelt Fragen zu ähnlichen Themen.

Die Natur schützen und politisch engagieren

"Das ist zwar aus organisatorischen Gründen nachvollziehbar, doch es gibt den Unternehmen auch die Möglichkeit, sich die Rosinen herauszupicken", sagt Richter. Ein Unternehmen, dessen HV eine Kollegin besucht habe, habe kritische Fragen gleich ganz als "nicht angebracht" abgetan und ignoriert. "Das halte ich für ziemlich problematisch." Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre fordert deshalb für 2021 ein Hybridmodell aus virtueller HV und Präsenzveranstaltung, bei der Aktionär*innen das Wort tatsächlich wieder ergreifen können.

Trotz der aktuellen Situation sagt Regine Richter, es gelinge ihr heute öfter als früher, schon vor dem Aktionärstreffen mit den Nachhaltigkeitsabteilungen der Konzerne ins Gespräch zu kommen. "Und klar: Wenn man das Gefühl hat, mehr gehört zu werden, ist die Arbeit schon befriedigender." Studiert hat sie Biologie, angetrieben vom Wunsch, die Natur zu schützen. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich dafür nicht auf einer Wiese stehen will, sondern mich politisch engagieren möchte." 2001 stieß sie zu Urgewald. Seit 15 Jahren geht sie auf Hauptversammlungen von Eon, RWE oder Siemens und spricht dort – obgleich sie zugibt, für diese Veranstaltungen höchstens eine Hassliebe zu empfinden.

"Gerade die virtuellen Hauptversammlungen sind eine ziemlich monotone Angelegenheit und machen es einem nicht leicht, über Stunden konzentriert zu folgen." Auch die Versammlungen vor Ort sind sonderbare Events. Die Hallenluft ist stickig, auf der Bühne und im Publikum sitzen meist ältere Herren in Anzügen. Vieles ist ein wahr gewordenes Klischee – und gleichzeitig der Spiegel einer Gesellschaft, in der nur etwas mehr als jede zehnte Frau überhaupt eine Aktie besitzt und nur rund zehn Prozent aller Vorstands- und Aufsichtsratsposten der 185 größten börsennotierten Unternehmen mit Frauen besetzt sind.

Große Investoren haben Gespür für Megatrends

Doch auch daran scheint sich etwas zu ändern. Immer mehr Initiativen fordern mehr Vielfalt und treten mit ihren Appellen auch auf Hauptversammlungen auf. "Ich glaube, dass große Investoren ein gutes Gespür für Megatrends haben", sagt Richter. Es sei in ihrem eigenen Interesse, bestimmte Themen voranzutreiben. Nachhaltigkeit oder Vielfalt mögen für sie mal "Gedöns" gewesen sein, jetzt werden sie zunehmend zu Themen, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden können, und über die allseits ersehnte Rendite.

Die Corona-Krise habe daran bislang nicht viel geändert, sagt Richter. "In den Fragen auf den Hauptversammlungen sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit weiterhin sehr präsent." Doch während manche Unternehmen angekündigt hätten, den Neustart nach der Corona-Krise mit ehrgeizigen Klimazielen verknüpfen zu wollen, sei das Thema bei anderen nach hinten gerutscht. "Ich hoffe", sagt Richter und klingt besorgt, "dass unsere bisherigen Erfolge nicht nur ein kurzer Trend waren."

Wie kann ich selbst kritische Aktionärin werden?

Wer Aktien einer Firma besitzt, kann jederzeit selbst auf der Hauptversammlung sprechen. Die Rede muss bei Präsenzveranstaltungen zu Versammlungsbeginn am Wortmeldeschalter angemeldet oder beim Konzern eingereicht werden. Alternativ kann man seine Stimmrechte an den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre übertragen. Auf der Website der Organisation wird erklärt, wie das geht: kritischeaktionaere.de. Urgewald (urgewald.org) ist eine der NGOs, an die sie die Stimmrechte dann weiterreicht.

Regine Richter, 50, arbeitet seit 20 Jahren als hauptberufliche Aktivistin für die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald.

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