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Aktienindex DAX Wie sicher ist die Investition?

Aktienindex DAX: Eine junge Frau mit langen braunen Haaren sitzt vor einem Laptop. Um sie herum sind Aktien Graphen eingefügt.
© SFIO CRACHO / Shutterstock
Wenn er zulegt, ist das eine positive Nachricht: Der Aktienindex Dax ist der Gradmesser dafür, wie es der deutschen Wirtschaft geht. Aber was wissen wir wirklich über ihn – und ist er ein gutes Investment?

Er ist der Star im Vorabendprogramm der ARD, hat eine eigene Show und Millionen Fans: der Dax. In "Börse vor acht" geht es viel darum, was er in den vorangegangenen Stunden gemacht hat. Ist er gestiegen? Gefallen? Hat er konsolidiert, einen Rücksetzer erfahren? Bei wie vielen Punkten steht er? Das klingt zwar kompliziert. Wer sich näher damit befasst, stellt aber schnell fest: Dieser Star ist auf dem Teppich geblieben. Er nicht einmal so mondän, wie viele Menschen denken, sondern eher ein bisschen altbacken.

Was genau ist der Dax?

Das Akronym steht für Deutscher Aktienindex, der Dax wird auch als deutscher Leitindex bezeichnet. Er zeigt an, wie sich der Börsenwert der 40 größten deutschen Aktiengesellschaften entwickelt. Größe wird in diesem Fall nicht am Umsatz oder an der Mitarbeiterzahl festgemacht, sondern an der Marktkapitalisierung, also dem Gesamtwert aller frei handelbaren Aktien. Zu den Dax-Konzernen gehören Adidas, die Deutsche Post, BMW, Siemens, SAP … – die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft. Der Dax wird börsentäglich, von Montag bis Freitag, von der Deutschen Börse berechnet, und das seit dem 1. Juli 1988. Er startete damals bei 1000 Basispunkten. Ende Oktober 2021 stand er bei rund 15 600 Punkten.

Der Dax wird meist als Performanceindex dargestellt. Das bedeutet, dass bei der Berechnung auf dem Papier die Dividenden der Unternehmen wieder angelegt werden. Beim sogenannten Kursindex werden diese Ausschüttungen nicht berücksichtigt. Er hat sich über die Jahre längst nicht so gut entwickelt – und spiegelt damit die Realität vieler Anlegerinnen und Anleger besser wider: Wer in Dax-Aktien investiert, legt Ausschüttungen nicht unbedingt wieder an, sondern lässt sie sich vielleicht auszahlen. Viele internationale Indizes, zum Beispiel der US-Leitindex S&P 500, sind Kursindizes. Ihre Wertentwicklung ist deshalb mit dem Dax kaum zu vergleichen.

Warum ist der Dax kürzlich gewachsen?

Bisher bestand der Index aus 30 Werten – ein Zwerg im Vergleich zu anderen Leitindizes wie dem britischen FTSE 100 (sprich: Footsie) mit seinen hundert Werten. Am 20. September 2021 wurde er zum Dax 40. Die zehn größten Unternehmen aus dem MDax, dem "kleinen Bruder" des Dax, stiegen in den Leitindex auf: Airbus, Siemens Healthineers, Zalando, der Chemikalienhändler Brenntag, die Beteiligungsgesellschaft Porsche Automobil Holding (nicht zu verwechseln mit dem Autohersteller Porsche, der zu Volkswagen gehört), Hellofresh, Puma, der Aromen-Hersteller Symrise, der Diagnostik-Spezialist Qiagen und der Pharmazulieferer Sartorius.

"Den Dax gibt es seit über 30 Jahren. In dieser Zeit hat sich viel geändert", erklärt Stephan Flägel, Produktchef von Qontigo. Die Tochter der Deutschen Börse AG ist für die Berechnung der hauseigenen Indizes zuständig. "Ein Dax mit mehr Werten repräsentiert die deutsche Wirtschaft besser." Die Reform umfasst allerdings noch mehr. Qontigo legt nun auch strengere Regeln dafür an, wer hinein darf. Neue Mitglieder müssen unter anderem mindestens zwei Jahre lang Gewinn erzielt haben, dürfen also nicht unprofitabel sein – nach diesem Kriterium müsste der im vergangenen Jahr in den Dax aufgestiegene Konzern Delivery Hero heute draußen bleiben.

Der Hauptgrund für die neue deutsche Härte: das Debakel rund um den Zahlungsdienstleister Wirecard. Teile der Unternehmensführung hatten Bilanzen frisiert und in großem Stil Geld veruntreut. Als die kriminellen Aktivitäten aufflogen und Wirecard insolvent war, konnte Qontigo den einstigen Shootingstar nicht sofort einfach aus dem Index werfen, weil die Regeln es nicht gestatteten. So etwas soll nicht noch einmal passieren.

Ist der Dax die deutsche Wirtschaft?

"Der Dax bildet die ökonomische Realität in Deutschland ab, zeigt also das, was ist", sagt Index-Experte Flägel. Unter den Firmen, die sich einst darin befanden, sind viele Namen, die es heute nicht mehr gibt, wie der Papierhersteller Feldmühle. Manche Firmen wie Lufthansa oder Metro befinden sich jetzt eine oder zwei Etagen tiefer, im MDax oder SDax. Der Grund: Stürzt der Aktienkurs eines Unternehmens so tief, dass es nicht mehr zu den wertvollsten der Bundesrepublik gehört, fliegt es bei der nächsten turnusmäßigen Überprüfung raus. So sind immer nur die größten und wichtigsten Konzerne im Leitindex enthalten.

Vera Diehl, Anlagespezialistin beim Fondsanbieter Union Investment, ist seit fast drei Jahrzehnten in der Investmentwelt aktiv, also fast so lange, wie es den Dax gibt. Sie findet, dass die jüngste Reform dem Index eine Frischzellenkur verpasst hat. "Die Aufnahme von Firmen wie Zalando und Hellofresh bildet den Wandel in der deutschen Wirtschaft ab", sagt sie. Ein Fan des Dax ist sie trotzdem nicht: zu viel Chemie, zu viel Automobil, zu viel Industrie. Die Unternehmensführungen im Schnitt zu alt, zu weiß, zu männlich. Das sei indes nicht die Schuld des Dax, betont Diehl. "Er zeigt schließlich nur die deutsche Wirtschaftsrealität."

Im Guten wie im Schlechten. In einem Punkt hat die Reform den Dax sogar zurückgeworfen. Die Frauenquote in den Vorständen ist mit der Erweiterung von 19 auf 17,6 Prozent gefallen, zeigt eine Studie der Managementberatung Russell Reynolds. Fünf der zehn Dax-Neulinge haben keine einzige Frau im Vorstand. "Das wird sich ändern", sagt allerdings Christine Bortenlänger, geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts (DAI). Dax-Konzerne mit mehr als 2000 Beschäftigten müssen nämlich seit August dieses Jahres bei mehr als drei Vorstandsmitgliedern mindestens eine Frau in die oberste Führungsebene holen. Vergrößern die Aufsteiger demnächst ihre Vorstandsriege, werden sie also zwangsläufig weiblicher.

Kann ich mit dem Dax reich werden?

Generell sind solide Renditen drin, allerdings vor allem über längere Zeit hinweg. Ablesen kann man das am Dax-Renditedreieck des DAI. Es zeigt die Rendite eines Investments, gestaffelt nach Ein- und Ausstiegsjahren. Auf kurze Sicht wechseln sich tiefrote und sattgrüne Felder ab, also hohe Verluste und hohe Gewinne. Je länger Anleger:innen aber dabeibleiben, desto grüner färbt sich das Gesamtbild. Wer von Ende 1996 bis Ende 2020 Dax-Aktien im Depot hatte, konnte sich im Schnitt über 6,7 Prozent Wertzuwachs pro Jahr freuen.

Im internationalen Vergleich schneidet der Dax jedoch eher mittelmäßig ab. Andere Indizes haben sich zuletzt besser entwickelt. Von Beginn dieses Jahres bis Ende September stieg der Dax um 10,5 Prozent. Der amerikanische S&P 500 legte im selben Zeitraum um mehr als 23 Prozent zu.

Trotzdem investieren deutsche Anlegerinnen und Anleger am liebsten in heimische Unternehmen, die sie kennen – im Fachjargon bezeichnet man das als "Home Bias". Ein durchschnittliches deutsches Aktiendepot besteht zu 58 Prozent aus deutschen Werten, obwohl die gerade einmal 4,5 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung beitragen. Eine Studie des digitalen Vermögensverwalters Whitebox ergab: Hätten Investorinnen und Investoren in den vergangenen fünf Jahren lediglich 4,5 Prozent in deutsche Aktien und den Rest breit gestreut in internationale Werte investiert, hätten sie ein Plus von 213 Milliarden Euro erzielen können. Stattdessen lag ihre Rendite "nur" bei 108 Milliarden Euro. "Der Home Bias kostete sie in fünf Jahren also 105 Milliarden Euro", resümiert Whitebox-Chefin Salome Preiswerk.

Soll ich in den Dax investieren?

Wer noch keine Aktien hat, sollte auf keinen Fall Einzelwerte kaufen, sondern eher börsengehandelte Indexfonds (ETFs) oder aktiv verwaltete Fonds. Doch die sollten sich nicht unbedingt am Dax orientieren. "Der Dax ist zu klein, um eine breite Streuung zu erreichen", sagt Vera Diehl. Sie rät Einsteigerinnen, stattdessen auf den globalen Aktienindex MSCI World zu setzen. Darin haben deutsche Unternehmen nur ein geringes Gewicht – und es sind auch Firmen wie Carl Zeiss oder die Softwarefirma Teamviewer AG dabei, die für den Dax zu klein sind.

Wer bereits ein breit gestreutes Portfolio hat, kann einige Dax-Werte beimischen, sagt Diehl. Viele Dax-Konzerne leisten zum Beispiel verlässlich hohe Ausschüttungen. Bei der Allianz gab es zuletzt 9,60 Euro Dividende je Aktie, bei Volkswagen 4,80 Euro, beim Rückversicherer Munich Re sogar 9,80 Euro.

Welche Alternativen gibt es?

Erstens gibt es Deutschland-Aktienindizes auch von anderen Anbietern. Etwa den MSCI Germany, der mit 62 Werten etwas breiter aufgestellt ist und auch einige kleinere Unternehmen umfasst. Der FTSE Germany All Cap ist mit 164 Werten aus der ersten, zweiten und dritten Reihe noch deutlich stärker diversifiziert.

Zweitens hat der Dax viele Geschwister: den MDax und SDax für mittelgroße und kleine Unternehmen, den TecDax für Technologiewerte, den DivDax, der die stärksten Dividendenzahler aus dem "großen Dax" enthält, den Nachhaltigkeitsindex Dax 50 ESG. Insgesamt umfasst die Dax-Familie fast 900 Börsenbarometer. In viele von ihnen kann man mit ETFs investieren.

Börsenprofis finden vor allem den MDax interessant. "Er hat sich in der Vergangenheit in vielen Phasen besser entwickelt als der Dax", sagt DAI-Vorständin Bortenlänger. Das lässt sich zwar nicht in die Zukunft fortschreiben, zumal die Dax-Erweiterung zugleich eine Schrumpfkur für den MDax war. Noch immer befinden sich darin aber viele spannende Unternehmen mit Kurspotenzial, sagt Anlagespezialistin Diehl. "Er enthält mehr Schnellboote als Dickschiffe und außerdem viele familiengeführte Unternehmen. Da sind oft noch die Gründer an Bord, die die strategischen Entscheidungen treffen." Damit, ist Diehl überzeugt, bildet der MDax den spannenderen Teil der deutschen Wirtschaft ab. Und ist womöglich der aufsteigende Stern am deutschen Index-Himmel.

Brigitte

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