Altersarmut vermeiden: Darauf kommt es an

Für viele Frauen ist der Mann die Rente. So auch für Nicole Becker*, 46. Doch jetzt kriselt es in der Ehe, und sie merkt: Sie hätte frühzeitig für sich selbst vorsorgen müssen. Wir haben sie zur Finanzberatung begleitet. 

Nicole Becker ist Projektmanagerin und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern, 14 und 12, in Hamburg.

Nicole Becker: Mein Arsch geht mir auf Grundeis, wenn ich an meine Rente denke. Bis vor ein paar Jahren habe ich mich nicht damit beschäftigt, aber dann stritten mein Mann und ich uns immer mehr. Das Wort "Trennung" fiel. Und jetzt habe ich Angst. In meinem Finanzmodell war mein Mann meine Rente, das ist mir jetzt klar geworden.

"Frau Becker befindet sich, leider, in bester Gesellschaft. Viele Frauen schieben die Altersvorsorge auf, gerade wenn es der Partner ist, der sich um die Finanzen kümmert", sagt Finanzfachfrau Kris Hauf, die seit 22 Jahren Frauen in Hamburg berät. Und der Gedanke liegt nahe: Wenn das Haushaltseinkommen insgesamt gut ist, wird es später auch die Rente sein. Die Wahrheit ist aber oft: Seine Rente wird gut sein, ihre nicht. Weil er in den meisten Fällen mehr verdient. Wenn es dann zur Trennung kommt, sind die finanziellen Folgen oft dramatisch.

Als wir studierten, hatten wir noch die romantische Vorstellung: Wenn wir mal Kinder haben, treten wir beide kürzer im Job. Dann kam das erste Kind, ich war 32 und ich blieb die volle Elternzeit zu Hause, ein Jahr und drei Monate, genauso bei Kind zwei. Seitdem arbeite ich 24 Stunden in der Woche für etwa 30 000 Euro brutto im Jahr. Mein Mann verdient 100 000 Euro mehr. Mit unserem Einkommen geht es uns finanziell echt gut.

Bis zum Alter von 35 Jahren entwickeln sich die Rentenbeträge von Frauen und Männern gleich, danach driften sie Jahr für Jahr auseinander, fand Alexandra Niessen-Ruenzi, Betriebswirtschaftsprofessorin an der Universität Mannheim, in einer aktuellen Studie im Auftrag der Fondsgesellschaft Fidelity heraus. Auf 15 Jahre Rente gerechnet verlieren Frauen gegenüber Männern satte 25 000 Euro. Der wahrscheinlichste Grund: Kinder. Durch alle Berufsgruppen hinweg reduziert meist die Mutter ihre Arbeitsstunden. Kein Problem, wenn das Paar zusammenbleibt. Eine finanzielle Katastrophe für die Frau hingegen, wenn es sich trennt.

Mein Mann hat immer mal gesagt: "Du musst was für deine Rente tun." Das wollte ich aber nicht hören im Alltagsstress. Demnächst bekommt er einen Bonus gezahlt und stellt mir 10 000 Euro zur Verfügung. Eine Art Entschädigung für die Zeit, die ich zu Hause geblieben bin. Auch deswegen wollte ich mich beraten lassen. Denn: Was fange ich damit am besten an? Als ich grob überschlug, merkte ich: Das fängt nie meine Verluste in der Rente auf! Wenn ich bis 67 weiter Teilzeit arbeite, bleiben mir 745 Euro staatliche Rente im Monat.

750 Euro – das ist Existenzminimum, sagt Kris Hauf. 2000 Euro müssten es in einer Großstadt schon sein, wenn man für alles alleine aufkommen muss. Was frühzeitig gegen diese Schere hilft: "Mit dem Partner reden", und zwar ausgeruht und nicht in Krisenzeiten. "Vereinbaren Sie vor dem ersten Kind eine Ausgleichszahlung. Lassen Sie sich beraten, ob das Geld besser einmalig oder monatlich fließen soll und wie Sie den Betrag sinnvoll anlegen. Nach der Geburt hat man einfach nicht den Kopf dafür." Absprachen sollten immer dokumentiert werden, ob in einem Ehevertrag oder einer Exceltabelle. Wichtig: Immer wieder auf den Plan schauen und nachjustieren, wenn sich Lebensphasen ändern. Und den Versorgungsausgleich im Hinterkopf behalten: Welchen Anspruch auf seine Rente habe ich nach wie vielen Jahren Ehe, wenn ich der Kinder wegen zu Hause geblieben bin? Die Rentenansprüche, die beide Partner während der Ehe erwirtschaftet haben, werden bei einer Scheidung nämlich geteilt, wenn nichts anderes vereinbart wurde.

Ein ewiger Streitpunkt zwischen meinem Mann und mir: Warum ist dauernd unser Konto leer? Kürzlich eröffnete er mir, dass er sich schon gut um sich selbst gekümmert hatte. Er hat zwei prall gefüllte Betriebsrenten, ein Aktiendepot und überweist jeden Monat 300 Euro von unserem gemeinsamen Konto in eine private Altersvorsorge, die er abgeschlossen hat. Ich war erschrocken, wie gut er dastand und wie wenig ich mich gekümmert hatte. Ich bekam Existenzangst – und jetzt will ich wissen: Wie kann ich aufholen? Ist es dafür zu spät? Ich hatte mich mit einer Betriebsrente gut abgesichert gefühlt. Als ich genauer hinsah, merkte ich: Das sind nur 200 Euro monatlich, die später dazukommen! Und nur, wenn ich noch 20 Jahre weiterarbeiten kann.

"Männer sorgen gut für sich vor, die Erfahrung mache ich immer wieder, wenn meine Klientinnen eine Offenlegung fordern", sagt Hauf. "Um jetzt nachzuziehen, sollte man die Eichhörnchen-Taktik verfolgen: Entscheidend ist nicht der eine große Batzen, sondern viele kleine Töpfe, die wir anzapfen." Vor allem mit den Vorsorgemodellen, in denen der Staat zuzahlt, könne man die Rente stetig und mit wenig Risiko aufpolstern. Schritt eins ist zu prüfen: Stimmt die Rente, die mir der Staat berechnet?

Ich habe die Briefe von der Rentenversicherung meist überflogen. Erst bei der Beratung fiel auf: Meine Beschäftigungsverhältnisse wurden erfasst, aber während der Elternzeiten gibt es Lücken! Auch die Studienzeit wurde nicht angerechnet. Ich wusste nicht, dass ich da hinterherlaufen muss.

"Viel zu viele Frauen lassen sich die Rentenanteile für ihre Elternzeiten durch die Lappen gehen. Eine Kontenklärung bei der Deutschen Rentenversicherung ist wichtig, um die Lücken im Rentenbescheid zu füllen!", sagt Hauf. Auch wenn am Ende nur Bruchteile von Renten-Entgeltpunkten herausspringen: Sie multiplizieren den Rentenbetrag (abhängig zum Beispiel vom Renteneintrittsalter) ein Leben lang. Wer unsicher ist, welche Zeiten anrechenbar sind, sollte alle einreichen, empfiehlt Hauf. "Im Zweifel wird das einfach abgelehnt."
Sind die Rentenpunkte auf dem neuesten Stand, hat man als Angestellte schon mal die Basis geklärt, die "Scheibe Brot", wie Kris Hauf sagt. Ohne eine Schicht Butter drauf wird die Rente für Nicole Becker aber nicht reichen. Die Butter, das ist eine kapitalgedeckte Zusatzvorsorge, also Modelle wie die Betriebsrente, die Rürup- und die Riester-Rente.
Eine betriebliche Altersvorsorge hat Becker bereits. Der Vorteil daran: Arbeitgeber und Arbeitnehmerin zahlen gemeinsam ein, der Arbeitgeber übernimmt mindestens 15 Prozent. Der Anteil der Mitarbeiterin wird von ihrem Bruttogehalt abgezogen und landalteret steuer- und sozialversicherungsfrei auf ihrem betrieblichen Altersvorsorgekonto.

Mit der Riester-Rente habe ich mich nicht beschäftigt. Ich dachte immer, das lohnt sich nicht, weil ich nicht so viel Geld im Monat übrig habe. Und wenn ich etwas zur Seite lege, war mein Plan, damit die Betriebsrente aufzustocken, die ich ja eh schon habe.

Das Problem bei diesem Ansatz: Die Ersparnis ist gedeckelt. Zahlt man zusätzlich privat in die Betriebsrente ein, entfallen die Vorteile auf Steuer und Sozialversicherung. Hauf warnt davor, sich nur auf eine betriebliche Rente zu fokussieren: Im schlimmsten Fall wird die bei einem Jobwechsel nicht vom neuen Arbeitgeber übernommen und weitergefüttert. Wer zusätzlich riestert, stellt sich breiter auf. Die Riester-Rente führt man privat und kann trotzdem, vor allem mit Kindern, staatliche Zulagen kassieren.

Beim Durchrechnen habe ich echt gestaunt: Meine zwei Kids gehen noch zur Schule, mir stehen also beim Riestern pro Kind 185 Euro vom Staat zu. On top gibt es eine Grundzulage von 175 Euro. Das sind 545 Euro extra im Jahr, und wenn ich 65 Euro monatlich dazuzahle, ergibt das ein Rentenplus von 121 Euro im Monat.

"Wer Kinder in der Schule oder Ausbildung und unter 25 Jahre hat, sollte nicht zögern, einen Riester-Vertrag abzuschließen, um noch alle Zulagen mitzunehmen", rät Hauf. Wer selbstständig und nicht sozialversicherungspflichtig angestellt ist, hat keinen Anspruch auf Riester, kann aber das Pendant nehmen: die Rürup-Rente. Jeder kann sie zusätzlich abschließen, ein monatlicher Betrag von 50 Euro reicht dafür bereits. Der Vorteil: Die Einzahlungen können von der Steuer abgesetzt werden. Hauf empfiehlt Becker, ihre 10 000 Euro einmalig in diesem Jahr zu investieren, um im Folgejahr eine dicke Steuerrückzahlung von knapp 4000 Euro zu kassieren – dank des hohen Gesamt-Haushaltseinkommens, von dem Becker während der Ehe noch profitieren kann. Zusätzlich könnte sie monatlich weitere 350 Euro einzahlen, davon bekäme sie jeweils 130 Euro nach Steuern zurück. Am besten stecke man diese Rückerstattungen im nächsten Jahr gleich wieder als Einmalzahlung ins Rürup-Konto, sagt Hauf. Dann könne man auch im nächsten Jahr einen möglichst großen Steuervorteil einstreichen.

Und was ist mit Aktien? Ich habe ehrlich gesagt große Angst vor Kapitalanlagen. Ich wüsste nicht, was ich machen soll, wenn der Kurs einkracht.

"Die Kapitalanlage wäre der Belag auf dem Butterbrot", erklärt Hauf. Hier müsse man genau nachrechnen: Wie langfristig soll das Geld angelegt werden? Zu welchem Zeitpunkt brauche man die Auszahlung?
Ein Risiko gehe ohnehin gerade jede*r ein, der sein Geld nur auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto parkt, sagt Hauf. "Mit den Negativzinsen plus Inflation und Kontogebühren verlieren wir gerade pro Jahr mindestens zwei Prozent an Kaufkraft für unser Geld. Aktienfonds schaffen, langfristig angelegt, zurzeit mehr, als diesen Verlust auszugleichen", sagt Hauf. Klar, Schwankungen müsse man aushalten können. Dafür sind Aktiengeschäfte sehr flexibel: Das Geld kann jederzeit entnommen, monatliche Sparpläne pausiert werden. Hauf rät: "Langfristig sollte man seine Rente mit aktiven oder passiven Fonds (auch als ETFs bekannt) ergänzen."

Irre, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich dachte Aktienfonds sind was für Zocker und Leute, die um jeden Preis immer mehr wollen. Dass ich mittlerweile Geld verliere, wenn ich nichts tue, war mir nicht klar. Meine Aussicht vor der Finanzberatung: Monatlich 745 Euro Rente plus 200 Euro aus der Betriebsrente. Nach zwei Terminen komme ich mit mindestens 120 Euro im Monat mehr raus, plus Rürup, damit könnte ich bei 1500 Euro Rente landen. Selbst bei einer Trennung muss ich keine Panik haben. Was ich als Nächstes mit meinem Mann verhandele: Wie viel Geld vom Gemeinschaftskonto fließt ab jetzt auch in MEINE Rente?

*Name von der Redaktion geändert

Kris Hauf ist seit mehr als 20 Jahren Finanzberaterin in Hamburg und gibt Seminare zu Altersvorsorge und Geldanlage.

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BRIGITTE 26/2019

Wer hier schreibt:

Liske Jaax
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